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Fische und
Rehböcke
statt
Haselnüssen
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Bewertung:
„Ein Klassiker der europäischen Literatur von einem der bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts!“ So bewirbt der Verlag Jung und Jung die Neuausgabe des Büchleins Wie ich den Fischen begegnete von Ota Pavel. Das ist hoch gegriffen. Ob man den 1930 geborenen und 1973 verstorbenen Prager in einem Atem mit Božena Němcová, Jaroslav Hašek, Karel Čapek, dessen Krieg mit den Molchen pünktlich zur Buchmesse bei S. Fischer in einer neuen Übersetzung erschienen ist, Vladislav Vančura oder Bohumil Hrabal nennen kann, sei dahingestellt. Fest steht, dass die Rezeption von Pavels Werk kompliziert war. In der Tschechoslowakei war er als origineller Sportreporter bekannt und beliebt. 1971 und 1974 erschienen seine beiden schmalen Erzählungsbände Der Tod der schönen Rehböcke und Wie ich den Fischen begegnete. 1973 und 1976 wurden sie in der DDR im Verlag Volk und Welt veröffentlicht. Die Übersetzungen von Elisabeth Borchardt wurden 2005 und 2008 im Berliner Phileas Verlag und bei der Büchergilde Gutenberg und jetzt, in kurzem Abstand, im Verlag Klaus Wagenbach und eben von Jung und Jung neu herausgegeben. Man kann nur dankbar sein, dass noch Verlage existieren, die sich nicht auf die Möglichkeiten der Digitalisierung ausreden, sondern vergriffene Bücher, oft in liebevoll gestalteten Ausgaben, neu zugänglich machen, ehe sie der Vergessenheit anheimfallen. Ota Pavel mag nicht „ein Klassiker der europäischen Literatur“ sein – ein Meister der kleinen Form, der Kurzerzählung von durchschnittlich 13 Druckseiten ist er allemal. Zudem (und darin doch sehr tschechisch) ein Virtuose der Ironie und des leisen Humors.
Pavels Erzählungen haben autobiografischen Charakter. Sie spielen während des Zweiten Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren. Im Mittelpunkt steht die eigene Familie, allen voran der Papa. Pavel erzählt in einem feuilletonistischen Tonfall mit Annäherung an die mündliche Sprache, unmanieriert und locker. Dem Alltag begegnet er, als wäre er unerhört und voll von Überraschungen. Diese Prosa ist unsentimental, sie verklärt die Vergangenheit nicht, gibt sich aber auch nicht als Ankläger. Von der Verbitterung in Kafkas Brief an den Vater, in den autobiografischen Werken eines Thomas Bernhard oder eines Franz Innerhofer ist sie ebenso weit entfernt wie von der Idyllisierung der Kindheit etwa bei Astrid Lindgren. Fragt man nach einem Vorläufer, könnte einem Mark Twaine einfallen.
Einer „der bedeutendsten tschechischen Autoren des 20. Jahrhunderts“? Unter die „30 tschechischen Autor:innen, die man lesen sollte“ hat die Herausgeberin des Buchs über Bücher, der wahrscheinlich schönsten Veröffentlichung zum Ehrengastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, nicht aufgenommen. Superlative haben eine kurze Lebensdauer. Als Erklärung kann allenfalls die sehr zufällige Auswahl der Leseempfehlungen dienen. Kafka ist zu Recht dabei, wenn nicht die Sprache die Zugehörigkeit zur tschechischen Literatur bestimmt. Aber warum nicht Gustav Meyrink und Franz Werfel? Václav Havel: klar. Aber warum nicht sein Kollege Josef Topol? Was ist mit Josef Škvorecký, Věra Linhartová oder Ivan Klíma? Und wo bleibt neben Jaroslav Seifert der Lyriker Vladimir Holan?
Übrigens hat Karel Kachyňa 1979 unter dem Titel der abschließenden Geschichte von Wie ich den Fischen begegnete den wunderschönen Film Die goldenen Aale gemacht. Er hätte es verdient, einmal anstelle von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel im deutschen Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Allerdings deutet er, typisch für Ota Pavel, hinter der märchenhaften Erinnerung an eine Kindheit die tragische Wirklichkeit hinter der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei an. Daran wird man ungern erinnert. Erst recht zu Weihnachten. Stattdessen fordert die AfD die Aufhebung der sogenannten Beneš-Dekrete und feiert in Brünn (!) den Sudetendeuschen Tag.
Thomas Rothschild – 8. Oktober 2926 ID 16085
JUNG UND JUNG-Link zu
Wie ich den Fischen begegnete
Wagenbach-Link zu
Der Tod der schönen Rehböcke
Post an Dr. Thomas Rothschild
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