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Unsere neue Geschichte (Teil 63)

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Der Kölner an sich gilt als Gemütsmensch und das kann durchaus abfärben, wenn jemand wie Navid Kermani seit seinem 18. Lebensjahr dort lebt. Er ist mit dem Bändchen Köln – E Jeföhl allerdings nicht unter die Stadtschreiber gegangen, obwohl er auch das vorzüglich beherrschte, das Buch ist eine Sammlung von Texten über Kölner Themen und Personen aus über 20 Jahren. Kermani (Entlang den Gräben, 2018) zählt zu den einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands, vermittelt als Orientalist und Islamwissenschaftler zwischen Morgen- und Abendland und erhielt im Jahr 2015 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Köln – E Jeföhl ist keine touristische Hochglanzbroschüre, sondern eine Bestandsaufnahme der Stärken, aber zunehmend auch der Missstände, die in seiner durchaus geliebten Wunschheimatstadt herrschen. Der Titel ist eine Anspielung auf ein erfolgreiches Lied der Mundartband Höhner, der übersetzt "Hey, Köln du bist ein Gefühl" heißt.

Kermani lebt im Eigelsteinviertel, einem Schmelztiegel verschiedener Kulturen, in dem sich die Folgen der Armut, Prostitution, Drogenkriminalität sowie die Angriffe durch junge Migranten, besonders bemerkbar machen, allein durch die Nähe zum Hauptbahnhof. Als Sohn von Einwanderern aus dem Iran ist er im Islam verwurzelt und spricht fließend persisch, hat sich aber auch ausführlich mit dem Christentum auseinandergesetzt. Im Jahr 1967 im westfälischen Siegen geboren, nahm er aber die deutsche Kultur an und schreibt vorwiegend in deutscher Sprache. Vielleicht war der 1. FC Köln daran beteiligt, dessen Fan er im zarten Alter von vier Jahren wurde und der Köln zu seinem Wunschort werden ließ. Allerdings kann Kermani mit dem Karneval nicht viel anfangen und verfällt auch nicht der Köln-Glückseligkeit, mit der manche Einheimische sich die Stadt als die beste und schönste von allen einreden:


"Wahrscheinlich steht der Grad des Lokalpatriotismus nirgends auf der Welt in einem solchen Mißverhältnis zum Stadtbild wie hier – das wenigstens ein Superlativ." (S. 22)


Die alten Römer hatten einst in einer Siedlung der Ubier eine Kolonie errichtet, die namensgebend für die Ortschaft war, die als Handelsstützpunkt ausgebaut und von Menschen unterschiedlichster Herkunft besiedelt wurde. Die Stadt Köln hat also eine Art originären Migrationshintergrund, was sich später fortsetzte, als sie sich zu einem bedeutenden Pilgerort entwickelte.

Auf das Christentum, namentlich den Katholizismus, geht Kermani im Kapitel Heilige Kunst ein, in dem Ausschnitte aus seinem Buch Ungläubiges Staunen abgedruckt sind. Darin verbindet er kunsthistorische Merkmale, religionswissenschaftliche Sichtweisen und seine eigenen Eindrücke miteinander, womit er tiefe Einblicke gewährt. Er geht sehr respektvoll mit der christlichen Religion um, aber als er eine Monstranz aus St. Kolumba bespricht, distanziert er sich. Die katholische Vorstellung, dass es sich bei der zur Schau gestellten Hostie um den echten Leib Jesu handeln soll, auf dessen Körper beim Abendmahl tatsächlich herumgekaut wird, geht ihm, wie auch anderen, zu weit. Besonders interessant ist das Kapitel über Das neue Domfenster von Gerhard Richter, welches abstrakt ist. Kermani befürwortet das Bilderverbot in Moscheen, u.a. deshalb, weil nicht jede Kunst, die Glaubensinhalte darstellt, automatisch heilig ist:


"Religiöse Kunst fängt den Blick des Menschen, heilige Kunst den Plan Gottes ein. In diesem Sinne ist heilige Kunst immer ein Gleichnis der Schöpfung selbst." (S. 62)


Er hält das Bilderverbot in Gotteshäusern für richtig, weil man von der inneren Erfahrung der Allgegenwart Gottes nicht ablenkt wird.

Die Kapitel Stadtgespräche, Kölner und Mein Veedel (aus dem Roman Dein Name) sind sehr heterogen. Sie umfassen den Streit um die Großmoschee, den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und den 70. Geburtstag des 1. FC Köln, dem Kermani in Freud' und Leid treu geblieben ist. Bei den beschriebenen Personen gehören Konrad Adenauer dazu, Rupert Neudeck, aber auch Nachbarn aus dem Eigelstein-Viertel. Kermani beschäftigt sich oft mit großen Themen, die er aber auf Menschen herunterbricht, die von ihnen betroffen sind. Köln – E Jeföhl ist teilweise aus der Froschperspektive geschrieben. Hier gilt das Prinzip des Pars pro Toto:


"Ich sehe keinen Widerspruch darin, auf das eigene unmittelbare Umfeld zu blicken und zugleich auf die Welt. Vielleicht gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen dem Kleinen und dem Großen." (S. 98), erklärte er 2025 in einem Interview.


Das Buch gibt gedankliche Anreize sowohl für Kölns Verfechter, als auch für die Kritiker. Kermani bedauert den Wandel Kölns von einer Kulturmetropole zur Eventstadt. - Für Einsteiger, die sich vielleicht noch nicht an die Literatur des Gelehrten herangetraut haben, sind die Texte wie eine bunte Mischung von „Appetithäppchen“ angerichtet. Kermani drückt sich sehr klar aus. Aufgrund seiner Expertise kann er die Weltgeschehnisse, insbesondere die im muslimischen Kulturraum, aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren, ohne dabei auf äußere Verpflichtungen oder Richtungen Rücksicht nehmen zu müssen. Dadurch haben seine Schriften eine sehr große Bandbreite, weil er als Beobachter und bei Reportagen aus Krisengebieten ausgewogen und unvoreingenommen berichtet. Das gilt für politische wie auch religiöse Fragen und da gehört er zu den verlässlichsten Vermittlern überhaupt. Menschliche Aspekte sind ihm wichtig, denn um die Menschen geht es ja. Da nimmt er sich selbst nicht aus.

Kermani ist so erfolgreich, dass er sicher in eines der Kölner Nobelviertel hätte umziehen können. Doch im Eigelstein hat er seine gewohnte internationale Mischung und er will sich den Problemen lieber stellen, als vor ihnen davonzulaufen.


"Gefühlt ist die große Zeit von Köln seit tausend bis zweitausend Jahren vorbei. Literarisch lassen sich aus dem Niedergang viel schönere Funken schlagen als aus dem Aufstieg, so daß ich mir zum Schreiben keine bessere Stadt wünschen kann“ (S. 9), unkt er schon im Vorwort.


Helga Fitzner - 4. November 2026
ID 16129
Verlagslink zu Köln – E Jeföhl


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