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Rezension

Boris Pahor - "Blumen für einen Aussätzigen"

Slowenische Novellen aus Triest
KITAB Verlag, Klagenfurt und Wien
Englisch broschiert
224 Seiten
18,– Euro [D]
ISBN 3-902005-38-6


Geschichten aus dem Triester Mauerschatten

Beinahe idyllisch fängt die erste Geschichte an: Kleine Häuser, davor eine kleine Heide, die Wäscheleinen ziehen am Leser vorbei. Ein sich in die Landschaft hineinfressendes Labyrinth von Schienen stört dabei nicht, zumal darauf fröhlich Kinder spielen – „sie beherrschen es ganz“. Heiter bis zänkisch geht es in dieser so genannten Haken-Bande zu, bis einer von ihnen von einer Lokomotive erfasst und überrollt wird. Dabei war das Kohlenklauen aus den vorbeifahrenden Zügen mit selbstgebastelten Angeln kein Kinderspiel, keine Mutprobe der Sorglosen; es war der alltägliche, überlebenswichtige Kampf um ein paar Stücke Kohle, in dem Kinder früh erwachsen werden mussten, weil ihre Väter an der Front waren.
Wie eine Lokomotive, mit der Wucht einer Naturgewalt, so unmittelbar und unaufhaltsam bricht die Geschichte stets in das Leben dieser Menschen ein, um sie an den Rand zu drängen. Dies ist der Angelpunkt der „Slowenischen Novellen“ des slowenischen Schriftstellers aus Triest, Boris Pahor, die nun unter dem Titel „Blumen für einen Aussätzigen“ bei KITAB in Klagenfurt erschienen sind. Sie sind in chronologischer Abfolge aneinandergereiht, vom Untergang des Habsburger Reiches in der Provinz bis in unsere Zeit. Dabei lässt der Autor parallel zu den voranschreitenden Ereignissen auch seine Protagonisten wachsen. Damit wird der Mensch in allen seinen Lebensabschnitten in die historische Zeit nicht nur eingebettet, diese wird sich ihm im wahrsten Sinne des Wortes einverleiben. Pahor, der deutschen Lesern bisher durch seine Romane „Nekropolis“ (Berlin Verlag 2001) und „Kampf mit dem Frühling“ (Klett-Cotta 1997) bekannt geworden ist, in denen er seine KZ-Gefangenschaft und Rückkehr aus derselben verarbeitete, verbirgt auch in den Novellen die autobiographischen Spuren nicht. Hier tritt er als Zeuge eines Jahrhunderts auf, in dem die Welt stets in „wir“ und „sie“ geteilt war. In Triest wuchs dieser Spaltpilz auf dem giftigen Boden des Nationalismus und Faschismus, so dass man fast glauben möchte, die Novelle sei die einzige literarische Form, um diesen Fleck Erde auszumessen.
Es gehört zu den interessantesten Seiten der Sammlung, dass die eskalierende Gewalt in der Zwischenkriegszeit aus der Kinderperspektive erzählt wird. Dies ist kein Zufall, denn zu Pahors Stil gehören knappe, chirurgisch scharfe, psychologische Schilderungen. So wird die Sublimierung der Gewalterfahrungen bei den Kindern eine starke Metapher für das Ausgeliefertsein einer schutzlosen Minderheit. Als das slowenische Kulturhaus von den Faschisten in Brand gesteckt wird –„der Himmel ganz rot, wie mit Blut übergossen“ –, können die Kinder die historische und politische Dimension dessen nicht verstehen; dass das etwas Böses sein muss, erschließt sich ihnen dennoch über das Märchen von Hänsel und Gretel bzw. über ein Kinderstück, das sie einmal dort auf der Bühne gesehen haben. Fortan nehmen die Märchenfiguren die Gestalt der Schwarzhemden an, von denen die Kinder in ihren Träumen heimgesucht wurden. Ihre Eltern, die Erwachsenen also, haben dieser Wirklichkeit nichts als ohnmächtige Wut und Sorgen um ihren Nachwuchs, also um die Zukunft entgegenzusetzen: „Was wird aus diesen Kindern“, fragt sich eine Mutter, „sie leben in ständiger Angst“.
Und oft genug entlädt sich diese Ohnmacht, die eine aufbrausende, grobschlächtige Väterohnmacht ist, nach innen, in den Familien, also auch gegen die eigenen Kinder. Indes können die Eltern ihren Kindern nichts als ein karges Leben bieten. Denn Pahors Protagonisten üben einfache Berufe aus, über die Runden kommen sie nur mit großem physischem Kraftaufwand. Die Elternliebe reicht für die Fürsorge aus, für Zärtlichkeiten ist hingegen kein Platz. Aber dieser Schutzpanzer konnte der allgemein gespannten Atmosphäre der Zeit nicht immer standhalten. Diese zeigte ihre hässliche Fratze mitunter in vielfältigen Formen. Zum Beispiel in der Schule, wo nur noch Italienisch gelernt werden durfte, dessen die slowenischen Kinder und Eltern gleichermaßen unkundig waren. Wenn der Vater seinem Sohn bei den Hausaufgaben hilft, dabei die Metapher vom ertrinkenden Schiff ins Heft diktiert, dieser dafür aber nur den Spott des Lehrers und das Gelächter der Klasse erntet, dann schlägt dies voll auf die Familie zurück. Die klirrenden Fenster der zugeschlagenen Türen sind dann die Antwort.
Und dennoch ist für diese Menschen die Sprache, ihre Muttersprache, der Anker, an dem sie sich fest-, mit dem sie sich zusammenhalten. Das Sprachverbot macht die Missachtung der Gerechtigkeit noch eindrücklicher, wofür insbesondere die Kinder empfindlich sind, wie in der psychologischen Miniatur „Der Schmetterling auf dem Kleiderhaken“, einem kleinen Meisterstück, deutlich wird. Ein belangloser Satz auf Slowenisch, der „brutta lingua“, aus dem Mund von Julka, einem sanftäugigen Mädchen mit Haarschleife, reicht aus, dass der Lehrer, ein Mann mit wie Teer glänzenden, pomadisierten Haaren und dünnem, spitzem Schnurrbärtchen, „im Knopfloch das goldene Liktorenabzeichen“, die Contenance verliert. Während sich sein heftiger Wortschwall steigert und in einen Wutausbruch übergeht – er wird dabei einem erzürnten Stier in der Corrida immer ähnlicher –, packt er das Mädchen an den Zöpfen und hängt es an einen Kleiderhaken. Die Ruhe in der Klasse kann er damit zwar wieder herstellen, die kurzfristige Übermacht und Wucht löst sich jedoch unter den erstarrten Blicken der Kinder schon bald in wirkungsloses Gestikulieren auf.
Diese Blicke sind stumm, aber nicht stumpf. Dort, wo die Ereignisse den Menschen oft genug einen Strich durch die Rechnung machen, wo die Sprache zum Schweigen verurteilt ist, ziehen sich die Menschen eine Maske des Stolzes über; dabei ist dieser Stolz keineswegs die Tugend der Schwachen. Obwohl von der Ahnung bedrückt, dass es in diesem Leben nicht mehr besser werde, bleibt ihr Dulden nicht ohne eine gewisse Zuversicht. Hier vermeidet es Pahor, seinem literarischen Vorbild, dem slowenischen Schriftsteller Edvard Kocbek, zu folgen und die Figuren die notwendige Kraft aus religiösen Quellen schöpfen zu lassen. Wenn sie ihre Wirklichkeit als „unvermeidliche Tatsache“ akzeptieren, dann klingt das bei Pahor nüchtern, aber nicht teilnahmslos. Seine Protagonisten sind politisch, allerdings ohne eine prononciert politische Haltung, mitnichten heroisch: Sie streben nicht nach Macht, sondern nach Anerkennung, nach Gerechtigkeit.
Die Nachkriegsjahre bringen Beruhigung in das Leben dieser Menschen. Es kehrt insofern Normalität ein, als sie sich wieder dem unauffällig Alltäglichen widmen können. So kreisen Pahors Geschichten nun um Liebe, um den heimischen Karst. In „Das stumme Alphabet der Nacht“ komponiert er eine einfühlsame Stadtsymphonie, eine Ode an Triest. Nach all den Jahrzehnten der Brandschatzung und Gängelung geht es jetzt auffallend still zu. In ausgedehnten Dialogen von Verliebten oder durch eindringliche Beschreibungen von verschiedenem Himmelsblau oder Meeresgrün lässt Pahor den Leser sogar manchmal die Zeit vergessen. Das Gefühl, dass die Menschen festen Boden unter die Füße bekommen hätten, wird sich allerdings selten einstellen. Immer wieder, allzu plötzlich und stets unerwartet tauchen Einsprengsel aus alten Zeiten auf. Wie beim alten Herrn Antonic, der mitten auf dem Gehsteig, hastig und sprunghaft, seine Lebensgeschichte einem flüchtigen Bekannten erzählt, eine Mischung aus Beichte und Exorzismus, um sich dann schnell von seinem verdutzten Zuhörer abzuwenden.
Das Gros der hier versammelten Novellen ist in den 50er-Jahren entstanden. Die Texte zeugen somit nicht nur von einer historischen Epoche, sondern sie erinnern uns auch an die Zeit, als Literatur noch nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Haltung beurteilt wurde. Pahor ist ein Autor der engagierten Literatur. Er tritt bewusst als Vertreter der slowenischen Sprache in Italien auf. Seine Parteinahme ist aber keinesfalls polemisch – eher wie die des Ich-Erzählers, der Herrn Antonic stets zuruft: „Sie sollten Ihre Erinnerungen aus jener Zeit aufschreiben.“ Aber Pahor ist kein Protokollant. Vielmehr nutzt er, wie Claudio Magris bemerkte, den Reichtum der slowenischen Kultur, um die „allgemeine menschliche Dimension“ in seinem Werk zu entwerfen.
Heute, nach dem Mauerfall, machen wir uns langsam mit der Literatur des Ostens bekannt. Durch Boris Pahor, der in diesen Augusttagen seinen 92. Geburtstag feiert, müssen wir uns allerdings eingestehen, dass im Westschatten der Mauer schon lange eine Literatur entstanden ist, von der man all die Jahre kaum Notiz genommen hat. Dabei ist in dieser Provinz Europas, aus der Perspektive des Vergessenen, eine der deutlichsten Zukunftsvisionen entstanden: „...dass wir uns bald jenes Europa erschaffen werden, von welchem Denis de Rougemont träumte, ein Europa, das meinen okzitanischen, bretonischen, elsässischen und allen andern Freunden, die ihre bedrohte Sprache zu retten versuchen, ihre jeweilige Identität anerkennen wird.“ Den universalen Wert der Gerechtigkeit kann man nur in der eigenen, der Muttersprache ausdrücken – und von anderen akzeptieren.


Jovica Lukovic / 10. August 2005
ID 1992


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