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Rezension

Jahrbuch der Lyrik – 2005

Christoph Buchwald, Michael Lentz (Hg.)
Broschiert, 189 Seiten, Beck, EUR [A] 15, 40



Das Jahrbuch der Lyrik vereint verschiedene Generationen der Dichtung. Unterteilt werden sie nach den Geburtsjahrgängen – etwa in 80er oder 70er. Beim ersten durchblättern dachte ich mir, dass diese Ziffern das Alter der Autoren bezeichneten und die jüngsten also die ältesten seien. Bestärkt wurde ich in diesem Eindruck dadurch, dass die Jüngsten hier oft als am konservativsten erscheinen – als hätten sie das siebzigste Jahr längst überschritten. Ausnahme ist hier Nora Bossong mit ihrem Gedicht „Rattenfänger“. Hier wirken auf den ersten Blick die beiden Jungen die das Ich „unterm Brückenbogen“ trifft, wie Täter, die ihr Opfer auszulachen scheinen. Doch das Lachen verkehrt sich zu einem Akt der Unsicherheit. Sie sind es, die das „Rattenfänger“-Ich zu verführen sucht und in den Augen des letzteren sind sie die Ratten. Insofern glaubt ihnen der Rattenfänger gern, dass sie Flöhe haben und ihn stachelt das Schmutzige eher an. Das Gedicht driftet hier ins Sexuelle ab. Deutlicher wird dies, als es später heißt: der Junge „zeigte aufs Gebüsch und trat / mir in den Spann ich hätt mich gern / in ihn verliebt.“ Durch die Umkehrung der Opfer- und der Täterrollen eröffnet das Gedicht eine psychologische Tiefe und es vollzieht sich ein Bruch mit dem lyrischen Ich.
Erfrischend sind die 60er Jahrgänge, Raoul Schrott etwa, der hier zusätzlich mit einem theoretischen Aufsatz zu Wort kommt, in dem er davon ausgeht, dass das Gedicht im Ursprung erfunden wurde, um „Information erinnerbar zu machen.“
Bei Sabine Küchler allerdings geht es um Selbstreferenz. In „Grillstube Pfingsten (die lieblichen Tage)…“ finden sich Verweise zu bildender Kunst und Musik. Der Kunstverweis ergibt sich mit: „… am Thresen Statisten von Hopper“ und jener der Musik wird anhand der Verse „der nächste Schlager / das nächste Drama du fehlst mir total“ deutlich. Küchler scheint sich hier die Frage zu stellen, weshalb es zu Emotionalität in der Dichtung kommen muss, wenn sie die Fähigkeit besitzt, auf die Gefühlslastigkeit anderer Kunstgattungen zu Verweisen und sich somit gleichzeitig von ihnen zu distanzieren.
Bei den 50ern findet sich leider wenig gutes. Vielleicht, möchte man an dieser Stelle meinen, ist es durch die Mitherausgeberschaft von dem „60er-Autor“ Michael Lentz zu erklären, dass die 60er so gut gewählt sind, und der Rest nicht. Doch spätestens ab den 40ern wird man wieder eines Besseren belehrt, etwa bei Michael Krüger. Und eine der stillen Größen dieser Anthologie ist wohl der 1924 geborene und englisch schreibende Michael Hamburger. Sein Übersetzer Peter Waterhouse meinte einmal auf einer seiner Lesungen, dass Hamburger oft Worte miteinander verbinde, die in Deutsch und Englisch einen ähnlichen Klang aufwiesen.
Jedenfalls ist Lentz’ Einfluss nicht zu unterschätzen. Dieser Dichter bekennt sich ja selbst zur Lautlyrik. Sie ist traurigerweise der Altersunterteilung entbunden und findet sich in einem eigenen Kapitel. Generationenunterschiede zwischen diesen Lyrikern lassen sich dadurch nur durch mühsames hin- und herblättern ausfindig machen. In diesem Teil wird vor allem der Lautdichter Carlfriedrich Claus gewürdigt, der 1998 verstarb. Doch kann somit hier die Frage angeführt sein, was ein vor Jahren verstorbener Lyriker in einem „Jahrbuch der Lyrik“ verloren hat, das den Anspruch auf Aktualität zu erheben scheint. Jedenfalls wird die Rhythmuslastigkeit bei dem Lautgebilde „Fahrbare Häuser“ von Herbert Behrens-Hangeler am deutlichsten: „Wolken bergen / Schwarze Särge / Lichterschatten / Dunkle Gassen.“
Dieses Kapitel der Lautlyrik wird mit „Ausstellung: Lautgebilde“ betitelt. Man kann dies einerseits so auffassen, dass dieses Kapitel den anderen enthoben ist, andererseits jedoch kann man auch annehmen, dass die Gedichte nicht nur ihren Reiz in ihrer Klang- sondern auch in ihrer Bildhaftigkeit entfalten und somit sozusagen „Bilder einer Ausstellung“ sind.
Durch Lentz’ eigene Nähe zu Lautgedichten ist es wohl auch zu erklären, dass die Lautpoeten einerseits mit ausführlicheren biographischen Angaben gewürdigt werden und sich andererseits noch im letzten Kapitel, neben dem bereits erwähnten theoretischen Text „Verteidigung der Poesie“ von Raoul Schrott auch Bastian Böttchers Schrift „Ausgesprochen wirksam! Ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der akustischen Dimension von Dichtung“ findet. Und somit ist mit dem „Jahrbuch der Lyrik 2005“ eine Textsammlung entstanden, die am deutlichsten die Handschrift des Mitherausgebers Michael Lentz aufweist.


Malte Borsdorf, 8. April 2005
ID 00000001812


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