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Ausstellung

Der lange Weg zur künstlerischen Eigenständigkeit



Cover zum Ausstellungskatalog vom Wienand Verlag, 2018

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Das Gemälde The Declaration of Independence, July 4,1776 von John Trumbull gehört zu den berühmtesten seiner Art, denn die Unabhängigkeitserklärung markiert nicht nur einen Wendepunkt in der Geschichte der USA, sondern der westlichen Welt. Wenn dann noch im gleichen Raum George Washington von Gilbert Stuart mit rot gemalten Backen und ernster Miene in den Saal schaut, erinnert man sich sofort, dass es dieses Abbild ist, das bis heute die Dollarnote ziert. Diese Gemälde sind Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Ausstellung der Kuratorinnen Barbara Schäfer und Anita Hachmann präsentiert insgesamt die US-amerikanische Kunst von 1650 bis 1950, und da stellt sich gleich die Frage, inwieweit man 121 Jahre VOR der Gründung der USA schon von US-amerikanischer Kunst sprechen kann. Die Ausstellung ist mehr oder weniger chronologisch geordnet, und die ab 1650 entstandenen Gemälde stammen entweder von unbekannten Künstlern oder in Europa geborenen Einwanderern. Da stand die europäische Porträtkunst im Vordergrund, die übernommen wurde, wenngleich die gemalten Personen sich in den amerikanischen Kolonien befanden.



John Trumbull, The Declaration of Independence, July 4,1776, 1832 | Foto: Helga Fitzner


Eine kritische Hinterfragung der Kolonialisierung scheint nicht stattgefunden zu haben. Im Begleitheft heißt es: „Für die frühen Siedler war der Wohlstand, den sie sich in der neuen Heimat erarbeitet hatten, ein sichtbares Zeichen göttlicher Gunst und Auserwähltheit, mithin ein Signal, sich das Land zu eigen machen zu dürfen.“ Die Porträtmalerei diente daher weniger der Kunst als einer Abbildung zu repräsentativen Zwecken. Die erwähnten Bilder von Trumbull und Stuart befinden sich im Saal „Ikonen der neuen Nation“, lassen aber künstlerisch gesehen noch keine USA-spezifische Eigenständigkeit erkennen. Den Blutzoll, den die Unabhängigkeitskriege forderten, hat u.a. auch Trumbull in mehreren Gemälden festgehalten, die aber keinen Eingang in die Ausstellung fanden. Im Saal „Der 'wilde Westen'“ steht eine wunderbare Statue von John Quincy Adams Ward Der indianische Jäger, dazu Alltagsszenen von George Caleb Bingham, ein musizierender Sklave von Eastman Johnson. Die noch in England geborene Künstlerin Frances Flora Bond Palmer ist mit einem Bild über den Eisenbahnbau vertreten: „Quer durch den Kontinent: Westwärts nimmt der Gang des Imperiums seinen Lauf“, heißt es selbstbewusst. Hier sind die Inhalte schon spezifisch amerikanisch. Das gilt auch für den Raum „Das neue Eden“, der sich auf Landschaftsmalerei konzentriert. 1845 entstand der Begriff „Manifest Destiny“, dem Glauben an die göttliche Vorbestimmung, der die Expansionspolitik begründete. Wunderbare Landschaften, die Gottes herrliche Schöpfung abbilden, gab es auch in Europa, aber hier werden sie zu einem nationalen Symbol und erhöhen die Eroberung des Westens zu einer göttlichen Aufgabe. Die gewaltsame Vertreibung und beinahe Ausrottung der Ureinwohner findet in dieser Weltsicht nicht statt, wird auch durch Gegenüberstellung entsprechend anderer Exponate in der Ausstellung nicht aufgefangen.



John Quincy Adams Ward, The Indian Hunter – Der indianische Jäger, 1866 | Foto: Helga Fitzner


Der Saal „Vergoldetes Zeitalter I“ spielt auf ein Zitat von Mark Twain an, der von einem vergoldeten Zeitalter sprach, im Gegensatz zu einem echt goldenen. Twain kritisierte damit das Gefälle zwischen Arm und Reich. Es ist also alles nur dünn übertüncht. Hier finden wir das Gemälde Bestrafung für Trunkenheit (1863) von Winslow Homer. Homer hat etliche Gemälde über den Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) gemalt. Auch dieses zentrale Ereignis in der US-amerikanischen Geschichte wird mehr oder weniger ausgeblendet. Aber der gewonnene Reichtum kommt voll zur Entfaltung. Nun waren es Ölbarone, Eisenbahnmagnate und Wirtschaftsbosse, die sich porträtieren ließen. Im Begleittext steht: „Sie orientierten sich an europäischen Vorbildern, an aristokratischen Herrscherbildnissen, wie man sie bei van Dyck oder Velázques findet... Die neue Elite kultivierte eine Ästhetisierung, die alle Facetten ihres luxuriösen Lebens durchtränkten.“ Es ist auch die Zeit des amerikanischen Impressionismus, der mit 30jähriger Zeitverzögerung in den USA begann.

Mit dem zunehmenden Wohlstand wuchs auch das soziale Elend. Das bildeten junge Kunstschaffende der als Ashcan Group, der Asch-Eimer-Schule, beschimpften Gruppe um Robert Henri ab, die sich dann den abfällig gemeinten Namen zu eigen machten. Sie malten Menschen am Rande der Gesellschaft, das Rotlichtmilieu, Hinterhöfe oder damals illegale Machenschaften, wie Boxkämpfe.

Der erste wirkliche Durchbruch gelang 1913 mit der Armory Show in New York, die bis heute als Beginn der Moderne in den USA gilt. Inspiriert von der Sonderbundausstellung 1912 in Köln waren es nun US-amerikanische KünstlerInnen, die ihr Publikum mit einer radikal neuen Bildsprache konfrontierten. [Die Sonderbundausstellung wurde anlässlich des 100jährigen Jubiläums 2012 neu im Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt.] Die Amerikaner übernahmen nach dem Ersten Weltkrieg zwar nicht den Expressionismus aus Europa, doch eine Ernüchterung hatte eingesetzt. Der Krieg und die verheerende Weltwirtschaftskrise in den 1920er und 1930er Jahren spaltete die Kunstszene: Die Regionalisten blieben bei ihren nationalen Werten und der figürlichen, naturgetreuen Malerei, vornehmlich bei städtischen KünstlerInnen traten soziale und politische Themen in den Vordergrund, darunter Hugo Robus mit seinen Skulpturen, die den Menschen in seiner Kreatürlichkeit zeigen.



Despair – Verzweiflung, 1927 - von Hugo Robus angesichts der Verelendung der Bevölkerung | Foto: Helga Fitzner


Präsident Roosevelt unterstützte trotz leerer Staatskassen die Kunstszene in einem Programm, das bis 1942 fortgesetzt wurde. Über 10.000 Kunstschaffende erhielten dadurch öffentliche Aufträge, einer davon war Jackson Pollock. Am Ende der Ausstellung sind dann u. a. Werke von Edward Hopper, Isabel Bishop, dem Afro-Amerikaner Jacob Lawrence und dem Ureinwohner aus dem Stamm der Chiricahua-Apachen Allan Capron Houser und Georgia O'Keeffe, einer der führenden weiblichen Künstler, zu sehen.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg Europa wieder aufgebaut wurde, startete die US-amerikanische Kunst durch, und nun waren die Amerikaner die Impulsgeber. Aber hier endet die Geschichte von Es war einmal in Amerika, denn diese sei hinreichend bekannt. Die Kuratorinnen wollten die bislang eher unbekannte Historie der US-amerikanischen Kunst erzählen. Innerhalb der letzten vier Jahre gelang es ihnen, viele Leihgaben zusammenzutragen, die bislang in Europa noch nicht zu sehen waren. Das Rautenstrauch-Joest-Museum ergänzte die Ausstellung mit Kunstwerken von Ureinwohnern, die aber nicht im Fokus stehen. Neben der Förderung durch das Land NRW, der Kunststiftung NRW, dem Landschaftsverband Rheinland und der Victor-Rolff-Stiftung ist die Bank of America der Sponsor.


Helga Fitzner - 24. November 2018
ID 11061
Das gleichnamige Buch Es war einmal in Amerika – 300 Jahre US-amerikanische Kunst (Wienand Verlag, 2018) wurde von den Kuratoren Barbara Schäfer und Anita Hachmann herausgegeben, in dem alle Exponate abgebildet sind und umfangreiche Begleitinformationen angeboten werden.

Weitere Infos siehe auch: https://www.wallraf.museum/


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