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Ausstellung

Im Alten Gefängnis

der Lutherstadt

Wittenberg



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Die Stadt Wittenberg befindet sich momentan ganz im Luther-Fieber. Der Namenspatron und Kirchenreformer ist hier im sogenannten Lutherjahr überall präsent. Gleich am Bahnhof werden die Gäste von einem 27 Meter hohen, begehbaren Bibelturm begrüßt. Wer Lust hat, sich schon hier einen Ausblick auf die Stadt zu verschaffen, kann über ein verkleidetes Baugerüst auf eine Plattform steigen und die Lutherstadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Aussichtsturm gehört zum Projekt Weltausstellung Reformation - Tore der Freiheit, das sich über die gesamte Innenstadt erstreckt. 7 Tore bilden 7 Räume, in denen sich verschiedene Hochschulen zu 7 Weltthemen wie der Kultur, Globalisierung, Spiritualität, Jugend oder dem Frieden und der Gerechtigkeit widmen. Eine schöne Idee, deren Ergebnisse auch weitestgehend im Stadtbild verbleiben werden. Wer also neben dem Besuch der zahlreichen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum noch genügend Elan verspürt, kann diesen für einen ausgedehnten Stadtspaziergang nutzen.



Torraum 2 - Spiritualität-Steg auf dem Bunkerberg der Lutherstadt Wittenberg | Foto (C) Stefan Bock


*

Am anderen Ende der Innenstadt gleich hinter dem Stadtschloss mit seinem weit hin sichtbaren Kirchturm befindet sich das Alte Gefängnis Wittenberg. Es war bis in die 1970er Jahre in Betrieb und bietet nun einen interessanten Rahmen für die Ausstellung Luther und die Avantgarde, einer Schau zeitgenössischer Kunst mit 66 KünstlerInnen aus mehreren Ländern. Auch diese Ausstellung ist wie die großen nationalen Schauen zum Reformationsjubiläum dreigeteilt. Neben dem zentralen Ort Wittenberg gibt es im Rahmen der Documenta in der Kassler Karlskirche Werke von Shilpa Gupta und Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo zu sehen. Das britische Künstlerduo Gilbert & George zeigt in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum ihre Sündenbock-Bilder zum Thema religiöse und soziale Konflikte, Fundamentalismus und Terrorgefahr.

Schon in der großen Wittenberger Ausstellung Luther! 95 Schätze - 95 Menschen hat man versucht, das Wirken des Reformators in einen Bezug zu Ansichten und Positionen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte bis ins Heute hinein zu setzen. Und auch auf dem Rasen vor dem Alten Gefängnis begegnet uns wieder Edward Snowden, der meistgesuchte Whistleblower, als auf schachbrettartigen Gehwegplatten verpixeltes, nur aus der Vogelperspektive erkennbares Portrait. Achim Mohnés am Computer entstandene Kunstwerk 0,000672 Megapixel - Citizen tob e seen from Mars setzt die über des Internet verbreiteten Enthüllungen Snowdens in einen direkten Kontext zu dem von Luther genutzten, damals wohl schnellstem medialen Verfahren, dem Buchdruck.

Dem Druck der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel widmet sich auch das Künstlerkollektiv robotlab in ihrer Installation bios [bible], bei der ein programmierter Industrieroboterarm mit einem Füllfederhalter tagtäglich in deutscher Gutenbergschrift die komplette Luther-Bibel abschreibt. Überhaupt ziehen sich Sprache, Schrift und Buchdruck wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume in den langen Zellenfluren des viergeschossigen Gefängnisbaus. Viele der ausstellenden KünstlerInnen, wie auch die Konzeptkünstler Art & Language, die Luthers Schrift für den heutigen Kunstgebrauch desakralisiert haben, verbinden heute mit dem geschriebenen Wort auch ein mediales Ereignis. Diese Sicht karikiert Olaf Metzel mit seiner im Treppenhaus hängenden Metall-Installation Luther rauf und runter aus zerknüllten Zeitungsartikeln zum Lutherjahr. Eine Hommage an die Sprache in gedruckter Form ist das Gemälde Zeitungsstapel von Cornelius Völker.



Olaf Metzel: Luther rauf und runter | Foto (C) Stefan Bock


Schrift, die man vervielfältigen kann, wird damals wie heute zur vielfach teilbaren Information. Als Metatext flimmert bei Mischa Kuball ein philosophischer Diskurs über Luther zwischen dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und dem Kunsttheoretiker Felix Ensslin über den Bildschirm. In seiner narrativen Videoarbeit Von der Reformation zum Bombentrichter. Installation für eine Gefängniszelle verbindet der Filmemacher Alexander Kluge Schrift und Bild sowie deutsche Geschichte von Luther bis Bismarck mit der zerbombten syrischen Stadt Aleppo. Mit dem Thema Zensur beschäftigt sich die chinesische Künstlerin Jia, die die Wände der Treppenhäuser mit in der Kulturrevolution verbotenen Schriftzeichen bemalt hat. Mit arabischen Schriftzeichen in prophetischem Grün ritzte der deutsche Atheist Jörg Herold die 99 Namen und Eigenschaften Allahs aus dem Koran an die Wände seiner Zelle. Dass Sprache sehr komplex ist, verdeutlicht der Künstler Jan Svenungsson mit einem ebenfalls an die Zellenwände geschriebenen Mix aus Deutsch und Englisch, mit dem er für den Fall begrenzender Sprachbarrieren wirbt.

Die Zelle als Symbol des Eingesperrt-Seins ist Thema weiterer Arbeiten. Den äußeren Begrenzungen durch die Zellenmauern wird die innere Freiheit der Gedanken gegenübergestellt. Das Ringen, die innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen, kann in ganz kontemplativen Werken wie etwa Die Dusche von der Künstlerin Paoloma Varga Weisz, bei der eine nackte, hölzerne Gliederpuppe wie ein betender Mönch auf dem Zellenboden liegt, zum Ausdruck kommen, oder aber ganz ostentativ mit der individuell kostümierten Schaufensterpuppen-Installation Schauspieler II, 4 von Isa Genzken. Der chinesische Künstler Ai Weiwei setzt sich als gefangener man in a cube gleich selbst in Szene. Der Künstler Andrey Kuzkin zeigt in Setzkästen, die die ganze Zelle ausfüllen, kleine betende Brotfiguren, wie sie in russischen Straflagern gefertigt wurden. In The Eminent Direction of Thoughts von Ilya und Emilia Kabakov führen die Gedanken einer unsichtbaren Figur wie Fäden an die Zellendecke. Leuchtende Spiritualität verströmt die Lichtinstallation Inner touch sphere des Künstlers Olafur Eliasson, während in Monica Bonvecinis Erhellung das Licht der Aufklärung strahlt.

Direkt mit Lutherabbildern beschäftigen sich etwa die bunt collagierten Portraits von Adrian Ghenie oder der Entwurf von Markus Lüpertz für ein ambivalentes Lutherdenkmal, das er Eiferer nennt. Dagegen ist Stephan Balkenhols Nackter Mann eine Reflexion auf Luthers Auftritt vor dem Tribunal des Wormser Reichstags. Ulrike Kuschels Papier-Serie M.L. zeigt den Reformator als Figurengedicht aus Reden zum Thema Luther und die deutsche Geschichte von Thomas Mann über Erich Honecker bis zu Karl Carstens. Erwin Wurm stellt Luthers Wucht der Reformation als eingedellt-deformierten Boxhandschuh auf den Hof vor dem Gefängnis.



Erwin Wurm: Boxhandschuh, 2016 | Foto (C) Stefan Bock


Der sonst den Hammer schwingende Nagelkünstler Günther Uecker verbindet in der Installation Tücher das persönliche Erlebnis von angespülten toten KZ-Häftlingen der untergegangen Cap Arcona mit dem Schicksal der Mittelmeerflüchtlinge. Bemerkenswert dazu auch die Videoarbeit Asylum von Julian Rosenfeldt. Der chinesische Künstler Sun Xun lässt in seinem aufregenden Animations-Film Protestant revolutionäre Protestbewegungen aus fünf Jahrhunderten revuepassieren. In Christian Jankowski Video wird ein Jesus vor einer vatikanischen Jury gecastet. Auch Jürgen Klauke beschäftigt sich in seiner Fotoserie Grüße vom Vatikan mit gesellschaftlichen Mechanismen der Deformation des Menschen im Namen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Erlösung.

Luther stand der bildenden Kunst eher skeptisch gegenüber. Für den Protestanten waren Bilder nicht notwendig. Das verdeutlichen u.a. Christian Boltanski mit schwarzen Spiegeln oder der Künstler Tal R mit seinen schwarzen Jalousien. Gehörte Luther in seiner Zeit wirklich zur Avantgarde? Was machte ihn zum Vordenker einer neuen Zeit? Sehr kritisch und auf seine typisch provozierende Art setzt sich der Skandal-Künstler Jonathan Meese in seiner Kunst-Zelle mit Luther und der Reformation auseinander. Sein Fazit: „Alles für die Katz.“ Für Meese gehört die Religion abgeschafft und die Zukunft der ideologiefreien Kunst. In Miao Xiaochuns Zero Degree Doubt legt Caravaggios Ungläubiger Thomas nochmal computergeneriert den Finger in die Wunde.


Stefan Bock - 29. Juli 2017
ID 10165
Luther und die Avantgarde ist eine Kooperation der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Reformationsjubiläum 2017 e.V. und Teil der Weltausstellung Reformation

Mit Werken von: Eija-Liisa Ahtila - Ai Weiwei - Art & Language - Stephan Balkenhol - Christian Boltanski - Monica Bonvicini - Maurizio Cattelan - Mat Collishaw - Olafur Eliasson - Ayse Erkmen - Elger Esser - Isa Genzken - Adrian Ghenie - Gilbert & George - Dorothee Golz - Manuel Graf - Assaf Gruber - Shilpa Gupta - Axel Heil + Roberto Ohrt - Diango Hérnandez - Jörg Herold - Thomas Huber - Richard Jackson - Christian Jankowski - Jia - Ilya und Emilia Kabakov - Yury Kharchenko - Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo - Jürgen Klauke - Alexander Kluge - Korpys/Löffler - Eva Kot'átková - Olya Kroytor - Mischa Kuball - Csilla Kudor - Ulrike Kuschel - Andrey Kuzkin - Thomas Locher - Markus Lüpertz - Antje Majewski - Jonathan Meese - Olaf Metzel - Miao Xiaochun - Marzia Migliora - Achim Mohné - Christian Philipp Müller - Eko Nugroho - Pjotr Pawlenski - Ivan Plusch - Johanna Reich - Sebastian Riemer - Robotlab - Julian Rosefeldt - Luise Schröder - Andreas Slominski - Song Dong - Juergen Staack - Sun Xun - Jan Svenungsson - Tal R - Pascale Tayou - Günther Uecker - Paloma Varga Weisz - Cornelius Völker - Erwin Wurm - Xu Bing - Zhang Huan - Zhang Peili

Altes Gefängnis Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Dessauer Str.
06886 Lutherstadt Wittenberg


Weitere Infos siehe auch: http://luther-avantgarde.de/r2017/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de


Der Luthereffekt

Luther! 95 Schätze - 95 Menschen



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