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Ausstellung

Wie der junge

Mönch zum großen

Reformator wurde



Bewertung:    



„Die volle Wucht der Reformation“ sollen in diesem Luther-Jubiläumsjahr drei Nationale Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Lutherstadt Wittenberg verbreiten. Die Ausstellungsverantwortlichen haben sich deshalb wohl auch das Symbol des Thesen-Hammers als Marketinglogo auserkoren. Das sieht dann leider etwas nach Holzhammermethodik aus, preist man diese drei Jubiläumsschauen doch sogar als „Großereignis, das durch Umfang und Vielfalt das globale Wirkungsmaß der Reformation widerspiegelt“. Zumindest mit der Ausstellung Der Luthereffekt im Martin-Gropius-Bau Berlin hat das KuratorInnenteam diesbezüglich nicht ganz danebengehauen.



Lucas Cranach d.Ä., Das goldene Zeitalter | Foto (C) Anne Hansteen Jarre, Nasjonalmuseet for Kunst, Arkitektur og Design Oslo


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An der ehemaligen Wirkungsstätte des Reformators im Augusteum Wittenberg beschäftigt sich die Ausstellung Luther! 95 Schätze - 95 Menschen nun eher mit dem Menschen Martin Luther. Und das mit Ausrufezeichen. Den BesucherInnen soll im ersten Teil zunächst anhand von 95 ausgewählten Kunstschätzen aus der Zeit der Reformation nahe gebracht werden, wie Luther zum Reformator wurde, was er sich erhoffte, was ihn prägte und antrieb seine Ziele umzusetzen. Im Grunde folgt man hier Luthers Lebensweg vom jungen Augustinermönch über die Stationen Kloster, Theologiestudium, Romreise, Professur in Wittenberg, Thesenanschlag, Auftritt beim Reichstag zu Worms bis zum Bibelübersetzer und Verfasser zahlreicher Schriften.

Am Beginn steht natürlich das Erweckungserlebnis des jungen Jurastudenten Luther, der 1505 bei einem Gewitter in Lebensgefahr geraten, zur heiligen Anna betete und verspracht ins Kloster einzutreten. „Vom Himmel durch Schrecken gerufen, bin ich Mönch geworden." Damit widersetzt er sich auch seinem autoritären Vater, einem Bergbauunternehmer, den Luther dennoch sehr verehrte und dem er später in einem Brief seine Beweggründe als notwendigen Schritt zum wahren, dem Evangelium des Glaubens erklärte. Bis dahin durchschritt Luther aber eine lange Phase der Ängste und Zweifel, Gott nicht zu genügen. Das sind durchaus typische Auffassungen für das ausgehende Mittelalter mit seiner Jenseitsangst und Darstellungen von Tod und Teufel. Beispielhaft dafür stehen hier ein in Lindenholz geschnitzter Tod in Mönchskutte, oder ein Weltgerichtsaltar, Rosenkranztafeln, zahlreiche Christkindfiguren und Reliquiengefäße.

Durch die exzessive Beschäftigung mit der Bibel, der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten und dem Studium bei seinem Lehrer Johann von Staupitz, dessen Schrift Von der Liebe Gottes hier ausgestellt ist, vollzieht sich „Luthers innere Wandlung“ hin zu einem Glauben an die Gnade Gottes, die Liebe und die Freiheit des Christenmenschen. Er bezieht sich dabei unmittelbar auf das Hohelied der Liebe aus den Korintherbriefen des Paulus im Neuen Testament. Luthers Weg geht nun unbeirrt über die 95 Thesen wider den Ablass bis zur Weigerung des Widerrufs vor dem Wormser Reichstag. Die Ausstellung feiert das als Gewissenstat. „Mein Gewissen ist frei geworden, das heißt gründlich frei.“ Während man den Worten Luthers lauscht, sieht man seine Kutte in einer Vitrine.

In Schiften, Bildern und Alltagsgegenständen wird Luther als energischer Verfechter seiner Ansichten dargestellt. Man liest über seine Auffassungen zur Jungfrau Maria, zur Ehe und erotischen Liebe anhand von Beispielen seiner Lektüre wie etwa Ovids Remedia amoris, einer Anleitung beim Ende von Liebesbeziehungen über die Schmerzen hinwegzukommen, was Luther für ungeeignet zum Schutz vor der sexuellen Versuchung hielt. Ansonsten war Luther nicht faul seine Gegner wie etwa Papst Leo X. entsprechend scharf anzugehen. Er nutzte dazu Polemik und Satire, wie etwa Hermann Botes Till Eulenspiegel. Davon zeugen auch zeitgenössische Darstellungen seiner Gegner mit Tierköpfen oder ein Holzschnitt, der Luther als Hercules Germanicus zeigt, der mit der Keule gegen die Autoritäten der römischen Kirche vorgeht. „Je mehr jene wüten, desto weiter gehe ich vor.“ Für Luther waren der Heilige Georg und Johannes der Täufer zeitlebens wichtige Figuren. Der Reformator besaß ein unnachgiebiges Sendungsbewusstsein.

Luther geißelte nicht nur den Katholizismus. Seine Schriften zu den Juden und Türken sind bekannt, auch wenn sie in dieser Jubelschau mal wieder zu kurz kommen. Dafür gibt es einige Portraits von Luthers Wittenberger Leibmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sehen. Sie zeigen Freunde und Förderer wie die Wettiner Herrscherbrüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige, ein Portrait Luthers im Kreise der Wittenberger Reformatoren von Lucas Cranach d. J., oder das berühmte Gemälde Das goldene Zeitalter von Cranach d. Ä., eine Leihgabe aus der Nationalgalerie Oslo. Dieses Sinnbild des humanistischen Ideals sah Luther eher als Zeichen der Endzeit, einer Wiederkehr Christi und einer neuen Schöpfung. Das Zeitalter der Renaissance brachte auch neue wissenschaftliche Theorien hervor. Nur hielt Luther angeblich nicht viel von Kopernikus‘ Weltbild und in Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas sieht er nur eine weitere Möglichkeit die frohe Botschaft des Evangeliums auch in der neuen Welt zu predigen. Hier zeigt sich sicher nicht ganz unbewusst die Parallele zur Berliner Ausstellung Der Luthereffekt mit dem Blick auf die territoriale und missionarische Eroberung der Welt.

Am Ende des ersten Teils zeigt die Ausstellung dann noch Luther als Erfolgsautoren, der die Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen verstand. Man sieht sein hölzernes Schreibkästchen und andere Utensilien sowie Auszüge aus Schriften und Briefen, wie etwa seinem Testament, in dem er als Zeuge des Evangeliums in Erinnerung bleiben möchte, und die weltliche Obrigkeit bat, den Prozess der Reformation fortzusetzen. So sehr Luther auch an die Befreiung des Menschen vor Gott glaubte, so verfangen war er in seinem Obrigkeitsdenken. Seine Ablehnung von weiterführenden gesellschaftlichen Veränderungen haben u.a. die Bauern und die Täufer schmerzlich erfahren müssen.



Thesenanschlag Martin Luther Kings 1966 in Chicago | Foto (C) John Tweedle; John Tweedle Foundation, All Rights Reserved


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Thesennägel mit Köpfen macht die Ausstellung dann im Zweiten Teil. Das Ausstellungsteam hat lange recherchiert und 95 mehr oder weniger bekannte Köpfe aus 5 Jahrhunderten versammelt. Es sind Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich unabhängig von Glauben oder Weltanschauung in ihren Worten und Werken auf Martin Luther berufen, oder sich von seinem Wirken positiv wie negativ inspirieren ließen. Passend zur Charakterisierung des Reformators im ersten Teil lassen sie sich gut in Gewissens-, Geistes-, Tat- oder Machtmenschen einteilen.

Da wäre natürlich zu allererst der schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, der seinem Wittenberger Namensvetter folgend 1966 zumindest 48 Thesen zu den unmenschlichen Wohnbedingungen in den Chicagoer Schwarzengettos an die Tür des dortigen Rathaus heftete. Wie schon in Berlin ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman Zeuge eines kritischen Umgangs mit der lutherischen Religion. Für ihn zählt allein die irdische Heiligkeit des Menschen. Der Maler Max Beckmann bekennt: „Meine Religion ist Trotz gegen Gott, dass er uns so geschaffen hat, das wir uns nicht lieben können.“ Und der Dadaist Hugo Ball ruft: „Erlösen wir uns von den Erlösern.“

Als „Staatsbürger mit Gewissen“ zeigt die Ausstellung den Whistleblower Edward Snowden. Und auch Friedrich Bonhoeffer und Sophie Scholl leisten Widerstand gegen den Faschismus aus einer inneren Überzeugung der Freiheit und Nächstenliebe. Als nationalistisch befeuerter Idealist steht der Dichter Ernst Moritz Arndt. Wogegen Apple-Gründer Steve Jobs wohl die Religion des modernen Arbeitsmenschen symbolisiert. Sein Gegenpart dürfte Künstler Bruce Naumann sein, der das lutherische Arbeitsethos mit seinem Video Bouncing in the Corner ad absurdum führt.

Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kritisiert Luthers Bibelübersetzungen als frauenfeindlich und legt 1895 ihre Woman’s Bible vor. „Zuerst Mensch und dann Christ.“ ist die Maxime des dänischen Schriftstellers, Philosophen und Pfarrers N. F. S. Grundtvig, der sich im 19. Jahrhundert um eine Reform der evangelischen Kirche bemüht. Seine völkisch-mythischen Ideen sind heute allerdings auch Anknüpfungspunkte für rechtsnationale Bewegungen.

Ob Wissenschaftlerin Lise Meitner, Filmemacher Michael Haneke, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen wie Käthe Kollwitz, Edward Munch, Ricarda Huch und Astrid Lindgren, oder Philosophen wie Nitzsche und Kierkegaard, es ist müßig alle Personen im Einzelnen aufzuzählen. Man kann hier ganz für sich auf die Suche gehen, von dem einen oder anderen Gedanken inspirieren lassen, oder auch nur erstaunt mit dem Kopf schütteln. Das Karl May seinen Winnetou für eine Christen hielt, ist eine lässliche Binse, ebenso darf man das christlich motivierte Sendungsbewusstsein von Zeitungsmogul Axel Springer bezweifeln. Aber auch an einen modernen Märtyrer erinnert die Ausstellung mit dem evangelischen Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte.

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Wem das noch immer nicht genug ist, der kann allein, oder mit der ganzen Familie im Obergeschoss in der Mitmachausstellung „Der Mönch war’s!“ auf eine spannende Zeitreise ins spätmittelalterliche Wittenberg gehen. Luthers Hund Tölpel lädt ein, in über acht Stationen mittels Klang, Geruch, Bild, Sprache, Musik und Erzählung ein sehr persönliches Bild vom Leben des Mönches Martin Luther zu gewinnen. Dort kann man dann auch seine ganz persönlichen Thesen auf Papier stempeln.



Lutherdarstellungen von Karl Bauer | Foto (C) Thomas Bruns


Stefan Bock - 26. Juli 2017
ID 10161
Nähere Infos unter

https://www.3xhammer.de/wittenberg/luther-95-schaetze-95-menschen/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de


Der Luthereffekt

Luther und die Avantgarde



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