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Ausstellung

Tugend, Kunst

und allzu

Menschliches



Bewertung:    



Mit der Ausstellung Leidenschaften in der Kunst Ostasiens gelang Adele Schlombs, der Direktorin des Museums für Ostasiatische Kunst, eine recht umfassende und faszinierende Studie zum Thema menschlicher Passionen. Sie fragte sich, ob die alte ostasiatische Kunst Antworten auf heutige Fragen zum Thema Leidenschaften habe und fing in der Vorbereitung erst einmal leidenschaftlich an, in den eigenen Beständen des MOK zu graben. Dabei hat sie ein paar kleine Schätze gehoben, von denen einige eigens für die Ausstellung restauriert wurden. Die Welt wird von vielen negativen Strömungen beherrscht, und Schlombs bedauert die oft mangelnde Achtung vor dem Leben. „Wenn jemandem das eigene Leben nichts wert ist, kann er auch das Leben anderer nicht wertschätzen“, erläuterte sie während der Pressekonferenz. „Für Konfuzius wäre das nur sehr schwer vorstellbar. Nach seinem Weltbild würde jemand, der tötet oder anderen Schaden zufügt, sich vor seinen Ahnen schämen müssen.“

Konfuzius (551-479 vor Chr.) entwarf ein Modell gesellschaftlicher Ordnung, das sich durch Achtung vor anderen und Verehrung der Ahnen verwirklichen ließe. Sein Ideal war eine Selbstkultivierung und Vervollkommnung; und jeder Gelehrte musste Kalligrafie, ein Musikinstrument, das Schachspiel und die Malerei beherrschen. Die Grundvorstellung war patriarchalisch und hierarchisch: Vater und Sohn, Herrscher und Untertan, Ehemann und Ehefrau, älterer und jüngerer Bruder. Jeder sollte seinen Platz nach seinen Fähigkeiten in dieser Ordnung haben und war eingebunden. Die Hauptaufgabe der Menschen lag darin, die Geister der Ahnen zu ehren, ruhmreich zu handeln und viele Kinder, bevorzugt Söhne, in die Welt zu setzen. Die Ausstellung ist in fünf Kapitel gegliedert, und hier sehen wir etliche Beispiele für die Konfuzianische Moral und Tugendliebe. Konfuzius erachtete die Kultivierung der eigenen Persönlichkeit und des Charakters höher als den Erwerb professioneller Fähigkeiten. „Die Tugend hochhalten, sich an den Künsten erfreuen“, war seine Maxime. Wir sehen Hängerollen mit Geschichten über Loyalität oder auch wunderbare Räuchergefäße aus chinesischem Porzellan, mit denen die Rituale für die Ahnen begangen wurden.

Ein weiteres Kapitel beleuchtet die Sehnsucht nach Freiheit und Unsterblichkeit. Der chinesische Dichter Tao Yuanming kam mit den Obrigkeiten nicht zurecht und erreichte dadurch Berühmtheit, dass er sich ins Privatleben zurückzog. Heute würde man ihn einen Aussteiger nennen. Fortan widmete er sich seinen Leidenschaften für Literatur und alkoholische Getränke.



Ren Bonian, Der Dichter Tao Yuanming auf der Heimreise, China, 1887 | © MOK Köln / RBA, Sabrina Walz


Ren Bonian malt den berühmten Dichter nicht als Portrait, sondern in eine Landschaft eingebettet. Das ist an die daoistische Kosmologie angelehnt, die den einzelnen Menschen als kleinen Teil in einem riesigen Kosmos ansieht. In der Ausstellung sind aussagekräftige Exponate chinesischer Landschaftsmalerei zu finden, in denen Berge, Flüsse, Wasserfälle und Bäume die daoistische Lehre von Yin und Yang illustrieren. Diese stellen das männliche und das weibliche Prinzip dar, aus dem im richtigen Verhältnis zueinander das Große Eine entstehen kann. Man muss nur den Mut haben, die gesellschaftlichen Normen hinter sich zu lassen und sich an die kosmische Natur hinzugeben. „Der Mensch auf der Suche nach Unsterblichkeit sucht die Harmonie mit dem großen Ganzen“, erläutert Schlombs, „er will vereint werden mit der Natur. Damit diese Verbindung entstehen kann, muss er Fäden und Bindungen lösen und Schulden begleichen.“ Das Qi ist dabei die zentrale Lebensenergie, von der alles durchdrungen ist, was existiert und geschieht.

Um sehr viel irdischere Dinge geht es im Kapitel Liebeslust und Liebesleid. Durch rote Vorhänge abgetrennt und nur für BesucherInnen ab 16 Jahre zugelassen sind die Leihgaben erotischer Darstellungen. „In China ging man mit der Sexualität viel ungezwungener um, als im christlich geprägten Abendland“, erklärt Schlombs. „Die Kenntnis des erotischen Körpers war beachtlich und Sexualität nicht mit Schuld und Sünde belegt.“ Da die Zeugung von Nachfahren zu den bedeutendsten Pflichten zählte, leisteten sich die Männer auch mal gerne mehrere Frauen und Konkubinen. Selbst deren Positionen waren untereinander hierarchisch strukturiert. Es gibt sogar eine homoerotische Darstellung zwischen einem Herrn und seinem Diener, die sehr lustvoll miteinander umgehen. Die Illustrationen machen keinen pornografischen Eindruck, sondern sind sehr geschmackvoll. Das Liebespaar vor dem Setzschirm stellt einen Kalligrafielehrer dar, der seiner Schülerin große Erfolge verheißt, wenn sie zum Beischlaf einwilligt.



Kitagawa Utamaro, Liebespaar vor einem Setzschirm, Japan, 18 Jh. | © MOK Köln /RBA, Sabrina Walz


Neben der Erotik gibt es auch Gesellschaftsspiele und andere Vergnügungen - so jedenfalls verheißt das nächste Kapitel. „Durch die Gesellschaftsspiele wurde die soziale und gesellschaftliche Einbindung in die Gruppe kultiviert“, meint Schlombs. Die Exponate zeugen vom Wohlstand der Kaufmannsschicht. Es gibt portable Spiele und Reiseutensilien, denn in der Edo-Zeit (1603-1868) waren die Menschen viel unterwegs. So eine Art früher Tourismus. Besonders in Japan waren Pilgerreisen sehr beliebt.

Die Einflüsse des Konfuzianismus und Daoismus sind sehr deutlich, im fünften und letzten Kapitel steht der Buddhismus im Vordergrund Buddhismus und die Befreiung von den Leidenschaften. Es geht darum, die Anhaftungen an das Weltliche und damit auch die Leidenschaften aufzulösen. Im Buddhismus gelten Unwissenheit und Begierde als grundlegende Übel, die andere wie Zorn, Eifersucht und Trunkenheit nach sich ziehen. Einige der buddhistischen Gottheiten haben deshalb sehr unangenehme Gesichtszüge, die genau diese Anhaftungen widerspiegeln. Da verfügt das MOK über wunderbare Skulpturen. Die Überwindung der Leidenschaften ist erstrebenswert, da man nur so dem Kreislauf der Wiedergeburten entrinnen kann.



Fudô Myôô, Japan, Edo-Zeit, dat. 1665 | © MOK Köln / RBA, Sabrina Walz


Neben dem ästhetischen Genuss ist die vorgestellte Sammlung auch ganz nützlich, sie mit unserem westlichen Weltbild zu vergleichen. Man könnte sein eigenes Konsumverhalten mal beobachten oder die Wertschätzung für uns selbst, ob wir uns genug Raum zur Entfaltung geben. Anregungen liefert diese tiefgründige Ausstellung allemal.


Helga Fitzner - 16. August 2016
ID 9483
Weitere Infos siehe auch: http://www.museum-fuer-ostasiatische-kunst.de


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