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Feuilleton


Halbzeit beim 23. Cottbuser Filmfestival

Erste Eindrücke vom Spielfilm-Wettbewerb




Bis zu 700 Filme wurden für das 23. FilmFestival Cottbus gesichtet, wie Programmchef Bernd Buder, der auch den erkrankten Festivalchef Roland Rust vertreten muss, dem Medienpartner Radioeins vom RBB verriet. Bei der Auswahl sei man dabei wie immer um ästhetische und thematische Vielfalt bemüht gewesen. Und so bekommt man dann auch eine breite Palette an Genre-, Autoren- oder epischen Filmen im Programm des Festivals geboten. In den Spielfilmwettbewerb haben es diesmal elf Filme aus dreizehn Ländern geschafft. Das liegt vor allem daran, dass viele Filmschaffende Osteuropas untereinander kooperieren oder sich Produzenten aus dem Westen Europas suchen. So zum Beispiel auch der serbische Beitrag Odumiranje (Das Verschwinden) von Regisseur Miloš Pušić, der aus der Schweiz koproduziert wurde. Hier geht es zur Abwechslung mal nur ganz am Rande um den Krieg in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Hauptthema ist das Ausbluten der ländlichen Gebiete. Bis zu 300.000 junge Serben haben nach Aussage des Mitproduzenten und Hauptdarstellers Branislav Trifunovic schon das Land verlassen.

Einer von ihnen ist Janko, der es selbst in der Hautstadt Belgrad nicht mehr aushält und sich entschlossen hat, in die Schweiz auszuwandern. Zuvor will er schnell noch den väterlichen Grund und Boden, auf dem auch das Grab des Vaters liegt, zu Geld machen und kehrt dazu in sein Heimatdorf zurück. Hier lebt noch seine Mutter, die die Hoffnung nicht aufgegeben hat, dass sich Janko doch noch mit einer Frau hier niederlassen wird. Ihre Hoffnung wie auch die Hoffnungen der anderen Dorfbewohner stellen sich jedoch bald als Selbstbetrug heraus. Sämtliche Familienverhältnisse sind hier längst tief zerrüttet. Janko lässt sich in seiner Entscheidung auch nicht durch Strahinja, den alten Freund des Vaters, der sich schon vor Jahren erhängt hat, umstimmen. Auch Strahinja selbst steckt in einer tiefen familiären Krise, die er mit sentimentaler Musik und Alkohol ersäuft. Das weite, karge Land tut sein Übriges zu diesem fast wie ein Kammerspiel wirkenden Film, der auch tatsächlich auf einem Theaterstück beruht, und wird hier zum stummen Mitspieler und bildgewaltigen Mahner.

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Damit macht das FilmFestival Cottbus seinem Ruf, eine besonders novembrige Veranstaltung mit Hang zur Melancholie zu sein, bereits zum Anfang alle Ehre. Auch die anderen Wettbewerbsfilme des Eröffnungstages - bis auf eine Ausnahme - bestätigten durchaus diese Einschätzung. Besonders düster in Farbe und Thema ist dann auch der Beitrag aus Bosnien-Herzegowina, Für die, die keine Geschichten erzählen können. Die Idee zum Film geht auf eine Tanzperformance der Australierin Kym Vercoe zurück, die bei einem Festival in Sarajevo aufgeführt wurde. Vercoe verarbeitete darin ihre Erlebnisse als Touristin im Nachkriegsbosnien. Durch Zufall erfährt sie später im Internet, dass das Hotel in dem für seine alte Brücke bekannten Višegrad, in dem sie übernachtet hatte, während des Krieges als Vergewaltigungscamp genutzt wurde.

Bei einer zweiten Recherchereise in die Republika Srpska, dem von Serben bewohnten Teil Ost-Bosniens, stößt sie bei ihren Nachforschungen auf eine Mauer aus Mistrauen, Schweigen und sogar offener Feindseligkeit. Die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić, bekannt durch den Film Grbavica, der den Goldenen Bären bei der BERLINALE 2006 erhielt, musste diesen Stoff unbedingt in einen Film umsetzten. Mit der Australierin Vercoe in der Hauptrolle stellt sie deren Bemühungen, den stummen Opfern (nichts in der Stadt verweist auf die Kriegsverbrechen) eine Stimme zu verleihen, in einer Art semidokumentarischem Streifen nach. Der Film entstand fast ohne Budget und besitzt allein durch die ständige Präsenz und den hartnäckigen Kampf der Hauptdarstellerin gegen das Vergessen eine Dringlichkeit, die bei aller Sparsamkeit der Mittel und Schwierigkeit des Drehs vor Ort doch ein stetiges Unbehagen beim Zuschauer erzeugt und somit für den notwendigen Gesprächsstoff sorgen dürfte.

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Der dritte Beitrag aus einer der Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens ist in Slowenien angesiedelt. Chefurji raus! (Chefurs raus!) spielt in der Ljubiljaner Hochhaussiedlung Fužine, in der überwiegend Einwanderer aus den anderen Republiken des einstigen Vielvölkerstaats leben. Eine Gruppe von Jugendlichen um den Basketballer Marko verbringt hier ihre Zeit mit dem Abhängen vor den Blocks. Die Jungs sind auf der Suche nach einer eigenen Identität und zeigen dies auch stolz in machohaften Gesten und Opposition gegen Elternhaus und Staatsgewalt. Sozialkritische Studie und Coming-of-Age-Drama gleichermaßen, zeigt der Spielfilm nicht ganz ohne Witz ihren Alltag zwischen Traditionen, zerbrechenden Familienbanden und Ausgrenzung durch die slowenische Gesellschaft. Auch dieser Film hat eine bekannte literarische Vorlage und wurde bereits als Theaterstück umgesetzt. Der auf realen Erlebnissen von Jugendlichen aus diesem Stadtviertel beruhende Plot zeigt durchaus Parallelen zu in Deutschland oder anderswo im Westen lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, was auch das Interesse am Stoff über die Grenzen Sloweniens hinaus und die Übersetzung der Novelle in mehrere Sprachen erklärt.

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Etwas heller wurden die Farben dann in der ukrainisch-türkischen Koproduktion Lyby meine (Liebe mich). Allerdings nicht in dem Maße, wie es sich die Regisseurin Maryna Er Gorbach vorgestellt hatte. Sie unterbrach die Vorführung im Weltspiegel wegen ästhetischer Unzumutbarkeit, so dass nur ein Gang in den Presse-Vorführraum des Festivals blieb, um den Film noch in voller Pracht sehen zu können. Die technische Panne bewahrte zumindest einen Teil des Cottbuser Publikums vor einem etwas zu dick aufgetragenen Sozialkitsch.

Der junge Türke Cemal bekommt von seinem Onkel vor der Hochzeit eine Reise in die Ukraine geschenkt. Dort will man sich noch mal so richtig ausleben, bevor der traditionelle Ehealltag in der Türkei beginnt. Cemal rutscht hier als Sextourist wider Willen in einige Verwicklungen um die junge schöne Kiewerin Sasha, die ihn aus Liebes-Frust (ihr verheirateter Geliebter hat sie an Silvester versetzt) aus einem einschlägigen Club abschleppt. Die mondäne Sasha kommt eigentlich aus ärmlicheren Verhältnissen, und bei der Suche nach der verstörten Großmutter lernt Cemal mit ihr die ukrainischen Verhältnisse hinter den glitzernden Sex-Bars kennen. Das erschöpft sich allerdings in den üblichen Klischeebildern von Säufern, Rassismus, korrupten Polizisten, abgerissenen Mietskasernen und dem allgegenwärtigen Mangel in der postkommunistischen, ehemaligen Sowjetrepublik. Etwas zu blauäugig erscheint hier der junge Türke auf seinem unfreiwilligen Sex-Trip. Und die allzu schöne, etwas oberflächlich gezeichnete Sasha ist auch keine wirklich herausragende Charakterstudie. Man hat das alles schon wesentlich eindrücklicher gesehen.

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Erster Höhepunkt dürfte der polnische Spielfilm Papusza vom Regie-Duo Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze gewesen sein. Ein gewaltiges filmisches Epos und beeindruckender Beitrag zum diesjährigen Fokus auf das Leben der Roma im Wettbewerb des Festivals. In langen Einstellungen und vielen Rückblenden erzählt der in Schwarz-Weiß gedrehte Film das Leben der ersten Roma-Dichterin Bronislawa Wajs, genannt Papusza, in einem Zeitraum von ihrer Geburt 1910 bis in die 1970er Jahre des kommunistischen Polens. Die junge Papusza, ein lebhaftes, neugieriges Mädchen, lernt bei einer jüdischen Buchhändlerin, die sie dafür mit gestohlenen Hühnern bezahlt, lesen und schreiben. Ein Schulbesuch bleibt ihr aber verwehrt. Mit 15 wird sie mit dem viel älteren Harfenspieler und Clanchef Dionizy Wajs verheiratet. Der polnischer Schriftsteller Jerzy Ficowski, der sich einige Monate nach dem Krieg bei der fahrenden Romagruppe vor den polnischen Behörden verstecken muss, erkennt ihr lyrisches Talent und bewegt sie dazu, ihre Gedichte aufzuschreiben. Später sorgt er auch für Veröffentlichungen in polnischen Zeitungen. Nachdem er im kommunistischen Staatsapparat aufgestiegen ist, schreibt Ficowski ein Buch über seine Erlebnisse und die Lebensweise der polnischen Roma, für das er auch Gedichte von Papusza verwendet.

Der Film verfolgt das harte Leben der fahrenden Roma von der Verfolgung vor und während des Krieges, bis zu den Zwangsmaßnahmen zur Sesshaftmachung durch die kommunistische Regierung Polens. Das Leben in der Natur, Sehnsüchte und Träume, aus denen ihr dichterisches Vermögen entspringt, werden Papusza dabei aber auch zum Verhängnis. Die um ihre Identität fürchtenden Roma sehen in Papusza eine Verräterin ihrer Geheimnisse und Gebräuche. Die unglückliche Ehe, ständige Armut und schließlich der Ausstoß aus der Gemeinschaft der Roma lassen Papusza schließlich seelisch und psychisch zusammenbrechen. Ein tragisches Leben als bedrückendes und zugleich aufwühlendes Filmerlebnis.

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Schalgartig heiterer wurde es dann in der russischen Tragikomödie Geograf Globus Propil (Der Geograf, der den Globus austrank). Der Film berichtet in flotten Sprüchen und mit viel Humor über das Leben eines Geografielehrers in der eintönigen, russischen Provinzstadt Perm. Viktor, eigentlich Biologe, ist wegen seiner Trunksucht in Moskau entlassen worden und ergreift die Chance, als Lehrer in der Provinz den Unterhalt für seine kleine Familie zu verdienen. Er bemüht sich zunächst noch, den desinteressierten Jugendlichen etwas über ihre Heimat und den Fluss Kama beizubringen, gibt aber schnell auf und verfällt wieder dem alten Trott aus Saufgelagen mit seinem Kumpel und amourösen Abenteuern mit den ebenfalls frustrierten Frauen der Stadt. Der graue Himmel, der die Sonne nur schemenhaft durchlässt und von einer Schülerin als permanente Explosion bezeichnet wird, charakterisiert auch gut Viktors Stimmungsschwankungen. Der zunehmend zynische, sich selbst als überflüssigen Menschen bezeichnende Viktor erkennt erst auf einer Klassenfahrt mit Raftingtour auf der Kama, die fast in einem Drama endet, wieder den Blick für das eigentlich Wesentliche in seinem Leben. Der Film ist durchaus ein erster Kandidat für den begehrten Publikumspreis des Cottbuser FilmFestivals.




Foto (C) Stefan Bock


Stefan Bock - 8. November 2013
ID 7349

Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



 

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