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Rezension


Filmstart: 2. Februar 2012

„Ein Sommer in Haifa“ - „The Matchmaker“ (Israel 2010)

Regie: Avi Nesher



Tragikomödie über die Unzerstörbarkeit der Liebe

Im Jahr 2006 erschüttert der Libanonkrieg auch die israelische Hafenstadt Haifa. Mitten in dieser unruhigen Zeit erhält der Schriftsteller Arik Burstein (Eyal Shechter) Nachricht von einem Notar, weil der jüngst verstorbene Yankele Braid (Adir Miller) ausgerechnet ihn als Erben vorgesehen hat. Das entführt Arik in seiner Erinnerung zurück zum Sommer 1968, als er den Heiratsvermittler Yankele zum ersten Mal traf. Allmählich geht dem erwachsenen Arik auf, was er als pubertierender Junge an Yankele gehabt hat. Der heranwachsende Arik (Tuval Shafir) und seine gleichaltrigen Freunde machen sich zunächst lustig über den gehbehinderten und auch sonst schwer gezeichneten Mann. Es stellt sich heraus, dass Ariks Vater Yankele aus seiner osteuropäischen Heimat kennt und beide den Holocaust überlebt haben. Yankele nimmt sich aus Solidarität zum Freund des jungen Arik an, der noch keine Vorstellung hat, was aus ihm werden soll, und lehrt ihn das Handwerks des Heiratsvermittlers und damit auch sehr viel über das Leben und die Menschen.



Yankele Braid (Adir Miller) weiht Arik (Tuval Shafir) in die Geheimnisse des Berufes und des Leben ein © Bildkraft




Ariks Interessen sind gespalten. 1968 befindet sich Israel noch in der Euphorie des gewonnenen Sechs-Tage-Krieges und er will Soldat werden. Als aber die in Amerika lebende Tamara (Neta Porat) die Ferien bei ihrer Familie in Haifa verbringt, fängt dieses Bild an zu wanken. Sie weigert sich BHs zu tragen, läuft in kurzen Röcken herum und redet von freier Liebe und Rock’n Roll. Das ist ganz der Gegensatz zur Ideologie der Kibbuzim, Pfadfinderlager und des Militärs, auf das Arik sich vorher schon gefreut hat.

Während Arik die KZ-Vergangenheit seines Vaters immer verdrängt hat, lernt er nun, welche Rolle sie im Leben der Betroffenen spielt und wie sehr das Trauma der Judenvernichtung auch über 20 Jahre danach noch seine Schatten über Israel wirft. Die KZ-Überlebende Clara Epstein versteckt ihren Schmerz hinter Glamour und Make-Up. Clara und Yankele betreiben Glücksspiel, was illegal ist, aber einträglich. Die kleinwüchsige Sylvia (Bat-El Papura), die von Dr. Mengele in Auschwitz zu medizinischen Experimenten missbraucht wurde, betreibt ein Kino, in dem sie nur Liebesfilme zeigt. Auch sie träumt von der Liebe und drängt Yankele immer, doch endlich einen Mann für sie zu finden. Sie alle versuchen irgendwie zu leben und überleben.

Ein Sommer in Haifa streift thematisch auch die Verbrechen, die KZ-Überlebende an anderen begangen haben, um ihr eigenes Leben zu retten. Nachdem Clara einen Verehrer abgewiesen hat, nötigt dieser Arik, Clara und Yankele wegen des Glücksspiels zu denunzieren. Da Arik nicht möchte, dass man von seinen Zärtlichkeiten mit Tamara erfährt, lässt er sich schließlich dazu drängen. Es greifen die gleichen Mechanismen wie im KZ, nur dass Arik im letzten Moment Yankele die Wahrheit sagt, ohne dass sein Leben gefährdet wäre.



Arik Burstein (Tuval Shafir) hat eigene Interessen, die ihm Ärger einbringen © Bildkraft




Um als Heiratsvermittler bleibende Ehen zu stiften, muss Yankele die Menschen kennen lernen, und da seine Arbeit für ihn eher Berufung als Einnahmequelle ist, tut er das sehr gründlich. Viele seiner Klienten haben Handicaps und würden ohne ihn vielleicht gar nicht vermittelt werden. Aufgrund seiner Menschenkenntnis und seines Engagements gelingt es ihm mitunter, auch diese besonderen Klienten zusammen zu bringen. Für den jungen Arik ist das eher eine Detektivgeschichte. Erst als Erwachsender wird ihm die Größe des Mannes klar, dessen Erbe er nun geworden ist.

Der Jungschauspieler Tuval Shafir spielt die Rolle des Arik mit der Leichtigkeit und gleichzeitigen Intensität, die sie abverlangt. Adir Miller, der als KZ-Überlebender Yankele eine tragische Rolle hat, ist in Israel ein bekannter Comedian. Auch Maya Dagan als Clara hat schon häufiger in Comedy-Shows mitgewirkt. Das garantiert die schwierige Mischung aus Tragik und Humor. So ist Ein Sommer in Haifa ein still-heiterer Film mit einem Hauch Melodrama, ganz viel Wärme und Menschlichkeit und sensiblem Umgang mit dem dunklen Thema des Holocaust. Da der Film 2006 während des Libanonkrieges beginnt und aufhört, zeigt das, dass weder die Shoah noch der Nahostkonflikt gelöst sind. Bei der anrührenden Inszenierung von Regisseur Avi Nesher und den pittoresken Bildern der Hafenstadt Haifa lässt man sich als Zuschauer aber ganz gerne auf das Thema ein.


Helga Fitzner - 2. Februar 2012
ID 5736

Weitere Infos siehe auch: http://www.bildkraft.biz/film.php?film=23


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