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Filmbesprechung

Kinostart: 1. Juli 2004

Fünf Uhr am Nachmittag

Iran / Frankreich 2002

Originaltitel: Cinq heure de l’après-midi / Panj é asr, Regie: Samira Makhmalbaf

Nachdem Siddiq Barmak letztes Jahr mit seinem Film „Osama“ den ersten afghanischen Film nach den Taliban vorgestellt hat, wagt sich nun die junge iranische Regisseurin Samira Makhmalbaf daran, ein Porträt über die afghanische Gesellschaft zu skizzieren, die zwischen Tradition, Aufbruch, Verzweiflung und Hoffnung versucht zu überleben.

Sie zeigt die Menschen, die in ihrem eigenen Land durch den Krieg gegen Russland, dem jahrelangen Bürgerkrieg und nach der Regierungszeit der Taliban zu Heimatlosen geworden sind. Getrieben durch Hunger und Krankheit, irren sie nun durch die letzten Ruinen ihrer Heimat – stets auf Suche nach Lebensmitteln und Wasser.

Die Familie
Stellvertretend für diese Gesellschaft stellt Samira Makhmalbaf die Geschichte einer Familie in den Mittelpunkt und zeigt anhand dieser Figuren nicht nur symbolisch das Verhältnis der Generationen, sondern auch die Unterschiede zwischen dem Leben der Männer und dem der Frauen.

Der Vater (Abdolgani Yousefrazi) steht für die Generation, die fest an den Gottesstaat glaubt, aus tiefstem Herzen von den Taliban überzeugt war und jeder neuen progressiven Entwicklung mit Misstrauen begegnet. Die neue in ihren Grundfesten erschütterte Situation des Landes überfordert ihn maßlos. Er beklagt sich in seinen Monologen über die Blasphemie, die er bei der Suche nach einer Bleibe und Nahrung für seine Familie an jeder Ecke der Stadt zu erkennen glaubt.

Leilomah (Marzieh Amiri), die Schwiegertochter, hingegen wartet mit großer Hilflosigkeit und voller Hoffnung mit ihrem kranken Säugling auf die Rückkehr ihres Mannes aus Pakistan, der seit dem Krieg verschollen ist. Wie ein Großteil der Bevölkerung hat sie überhaupt keine Zeit, über Demokratie und die daraus resultierenden Möglichkeiten für Frauen bezüglich der Bildung und Emanzipation im Land nachzudenken, da sie jeden Augenblick mit dem Tod ihres unterernährten Kindes rechnet und auf ein Wunder hofft.

Noqreh (Aghele Rezale), die Tochter, spielt die Hauptfigur und verkörpert die Generation der modernen afghanischen Frau, die sowohl am gesellschaftlichen als auch am politischen Leben nicht nur teilhaben, sondern auch beim Aufbau eines gesellschaftspolitischen Grundkonsens mitgestalten will. Da ihr der Vater den Besuch einer nichtreligiösen Schule verboten hat und sie sich nicht offen dagegen wehren kann, stiehlt sie sich jeden Tag aus der Koranschule, krempelt von der Tür die Burkha hoch und wird so von der verschleierten Gestalt zu einer Frau mit Gesicht, die sich auf den Weg zur Mädchenschule bzw. somit zur eigenen Identität begibt.

In den Schulstunden, in denen die Schülerinnen Demokratie üben und Argumente über die Situation der Frauen im Lande und die Bildung als ein Mittel der Befreiung aus den bisherigen Dogmen austauschen, ist sie immer mehr von der Idee fasziniert, einmal die Präsidentin ihres Landes zu werden. Wenn Benazir Bhutto in Pakistan und Indira Gandhi in Indien Präsidentinnen werden konnten, warum dann nicht auch sie in Afghanistan? Sie wird neugierig und sucht Antworten auf ihre Fragen wie „Wodurch überzeugt man die Wähler, dass sie sich für sie entscheiden?“ Erst ein junger Dichter vermag, zur Lösung einiger Fragen beizutragen, wenn auch auf ganz skurrile Weise: Wenn jemand für eine Rede üben wolle, um andere von sich zu überzeugen, könne er damit beginnen, Kühen Gedichte vorzulesen: „So kann er sich erlauben, unsinnige Dinge zu reden, ohne sein Publikum fürchten zu müssen.“ Die absolute Antwort bekommt sie jedoch von niemanden – auch als sie einen französischen UN-Soldaten fragt, wer sein Präsident ist, erfährt sie zwar dessen Namen, doch der Soldat zuckt mit den Schultern, als er den Grund des Wahlsieges nennen soll.

Der jungen Regisseurin gelingt es, Sequenzen aus dem Alltag zu eindrücklichen, oft symbolhaften Bildern zu verdichten, die das Elend skizzieren sollen. Dazu gehört das Bild der weißen Pumps, die Noqreh heimlich gegen ihre Schuhe tauscht, wenn sie die Familie verlässt, um zur Mädchenschule zu gehen. Dazu gehören z. B. die Szenen, in denen Männer beim Anblick von Frauen auf der Straße ihre Gesichter zur Wand drehen, um einer Sünde zu entkommen. Auch die häufig wechselnden Unterkünfte der Familie dienen nicht nur als Filmlocation, sondern zeigen, wie sehr sich die Menschen nach einem Zuhause bzw. einen Platz im Leben sehnen und endlich ankommen wollen. Das schreckliche Ausmaß dieser Zeit wird durch eine weitere Szene betont, in der eine Mitschülerin und „Mitbewerberin“ Noqrehs um den Posten der Präsidentin stirbt. Vom jungen Mädchen bleibt nur ihre Brille in Großaufnahme, die das Zeichen seiner Neugier verbunden mit dem Wunsch nach Bildung und Emanzipation ausdrücken soll.

Flugzeugwrack als Schlafstätte
Der Film endet, genauso wie er angefangen hat, im Nichts der afghanischen Berge – mit dem Unterschied, dass mittlerweile sowohl der vermisste Sohn als auch das Kleinkind gestorben sind. Der letzte Mensch, dem Noqrehs Familie auf ihrer Reise von Kabul in die vom Vater gewünschte, doch leider imaginäre heilige Stadt begegnet, steht für das Schicksal der Menschen, die durch die jahrelangen Kriege einfach nur noch heimat- und orientierungslos in ihrem eigenen Land geworden sind. Er sagt: „Ich habe meinen Weg verloren! Es gibt keine Dörfer mehr.“

Mit diesen letzten Szenen zeigt die Regisseurin, dass die schnelle Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse eher optimistisch ist und hinterlässt beim Zuschauer Bitterkeit.
Samira Makhmalbaf hat diesen Film, der ausschließlich von Laiendarstellern gespielt wird, mit Unterstützung ihres Vaters gedreht, weil sie es als ihre Aufgabe betrachtet, den propagandistisch untermalten Medienberichten über Afghanistan einen Film über die wahren Verhältnisse ihres Nachbarlandes etwas entgegenzusetzen versuchte. In einem Interview sagt sie: „Funk und Fernsehen sind die offiziellen Stimmen der Macht, während das Kino das einzige Medium ist, wo der Autor zur Stimme einer Nation wird. ... Die Funktion der Massenmedien besteht vor allem in der Verbreitung von Unwissenheit. Manchmal werden Nachrichten aus einem bestimmten Teil der Erde stark hervorgehoben, um von anderen Ereignissen abzulenken. Oft wechselt sich alles mit nichts ab: 100% Informationen über den Irak oder Afghanistan; dann 0%, und ab diesem Moment sollen wir glauben, dass in dieser Region alle Probleme gelöst seien. Und die Information ist oberflächlich.“

Samira Makhmalbaf
Der Lohn für Ihr Engagement war der Spezialpreis der Jury sowie der Preis der ökumenischen Jury in Cannes 2003.


m.r. - red / 28. Juni 2004
ID 1139
Fünf Uhr am Nachmittag

Iran / Frankreich 2002

Kinostart: 1. Juli 2004
Genre: Drama
Laufzeit: 105 Min.
Buch: Mohsen + Samira Makhmalbaf
Regie: Samira Makhmalbaf
Musik: Mohamad Reza Darvishi
Darsteller: Aghele Rezale (Noqreh), Abdolgani Yousefrazi (Vater), Razi Mohebi (Dichter) Marzieh Amiri (Leilomah)
Originaltitel: Cinq heure de l’après-midi / Panj é asr
Siehe auch: „Osama – Der Film, den es bis jetzt nicht geben konnte“ Afghanistan 2003






 

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