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Neues deutsches Kino

Freidenker sind

Staatsfeinde



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Der Regisseur und Drehbuchautor Lars Kraume beschäftigt sich gerne mit historischen Stoffen. Mit dem Film Der Staat gegen Fritz Bauer hat er 2015 das Nachkriegsdeutschland im Westen nachgezeichnet anhand eines Anwalts jüdischer Abstammung, der die Judenvernichtung aufdecken will und dabei eine Mauer des Schweigens durchbrechen muss.

Ein Schweigen der anderen Art geschieht in seinem neuesten Werk Das schweigende Klassenzimmer, das auf einer wahren Begebenheit beruht, in der die Klasse einer Oberschule in der DDR zu Beginn des Unterrichts eine Schweigeminute einlegt. Die Parteifunktionäre reagieren paranoid. Während Rektor Schwarz (Florian Lukas) die Angelegenheit als einen Streich auslegen will, kommt es trotzdem zu einer Untersuchung der übergeordneten Schulbehörde. Die Partei steht noch unter dem Eindruck des Arbeiteraufstand 1953 in Ost-Berlin, und derzeit, im Jahre 1956, wird gerade ein Aufstand in Ungarn ebenso brutal niedergeschlagen. Die Jugendlichen waren sich der Wirkung ihres Solidaritätsbekenntnisses gar nicht richtig bewusst. Der Auslöser war der (angebliche) Tod des ungarischen Fußballstars Ferenc Puskás, der wegen seiner Erfolge zum Idol geworden war. Doch Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) fahren gelegentlich nach West-Berlin und schmuggeln sich dort ins Kino. In den Wochenschauen sehen sie Filme vom Aufstand in Ungarn, die in der DDR unter die Zensur fallen. - Die Klasse wird so in die Enge getrieben, dass sie allein schon aus Empörung weiter schweigt und die Rädelsführer nicht preisgibt. Nun erklärt ihnen der schwule Außenseiter Edgar (Michael Gwisdek), in dessen abgelegenem Häuschen sie öfters den verbotenen Radiosender RIAS hören, dass sie aufgrund ihrer Freidenkerei zu Staatsfeinden geworden sind.



Die Oberschüler Erik (Jonas Dassler), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Anna Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) proben den stillen Aufstand | © Studiocanal / Julia Terjung


Letztendlich droht der ganzen Klasse, dass sie das Abitur nicht ablegen darf und der Traum von einem besseren Leben als das ihrer vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Eltern zerplatzt. Das trifft besonders auf Theo zu, dessen Vater (Ronald Zehrfeld) sich als Stahlkocher abplagt, um die Familie durchzubringen und seinen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Auch Theos Vater Hans (Max Hopp) hat einen hohen Preis für seine Stellung innerhalb des Staatsapparates bezahlt, als dass er sie durch eine Dummheit seines Sohnes gefährden will. Dann kommt es zu einem Amoklauf des labilen Mitschülers Erik (Jonas Dassler, der für seine Leistung 2018 den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsschauspieler erhielt)...

Lars Kraume war mit seinem Drehbuch und seiner Inszenierung auf Ausgewogenheit bedacht. Er verteufelt die DDR nicht, das tun die westdeutschen Medien schon genug. Er lässt Rektor Schwarz glaubwürdig von einer idealisierten Form des Sozialismus träumen, der allen zugute kommen soll. Beide deutschen Staaten schaffen Feindbilder vom jeweils anderen und bedienen sich ausgiebig der Propaganda und Gegenpropaganda, was Kraume anhand des Ungarn-Aufstandes darstellt. Dabei sieht er Parallelen zwischen damals und heute: „Ob man es Propaganda oder Fake News nennt: die Aufgabe jedes einzelnen besteht darin, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Wer nur die Meinung anderer nachplappert, hat ein Problem... Heute kann man ganz leicht seine Meinung bilden und Nachrichten hinterfragen, es nur ein bisschen zeitaufwändiger, als einfach jedem Twitter-Eintrag zu glauben.“

Das Drehbuch basiert auf dem 2006 veröffentlichten gleichnamigen Buch von Dietrich Garstka, der darin die realen Ereignisse seiner schweigenden Klasse schildert. Aufgrund der Repressalien ist fast die ganze Klasse nach und nach in den Westen geflohen und hat dort ihr Abitur nachgemacht. Er erläutert: „Es gab Menschen, die immer schon sahen, was damals wirklich geschah: Junge Menschen, die Widerstand gegen einen Staatsapparat leisteten, ohne diesen Widerstand je geplant zu haben. Die in den Widerstand sozusagen hineinrutschten, dann aber an ihm wuchsen. Jugendliche, die ein Zeichen setzten, weil sie sich mit der Kraft, die Jugendlichen eigen ist, und auch heute noch eigen ist, empörten gegen das, was sie an Unfreiheit erlebten.“

Damals flohen viele über die noch grüne Grenze in den Westen, darunter gut ausgebildete Menschen, die sich dort Chancen ausrechneten und beim Wiederaufbau in der DDR natürlich fehlten. Mit ihrer Kriminalisierung von Jugendstreichen hat die DDR selbst dazu beigetragen. Kraume hat aber viel Respekt vor den darstellten Menschen. Sie alle haben die Schrecken des Krieges überlebt und arbeiten, jeder auf seine Art, an ihrer Vision von einer besseren Zukunft.
Helga Fitzner - 1. März 2018
ID 10562
Weitere Infos siehe auch: http://www.studiocanal.de/kino/das_schweigende_klassenzimmer


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