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Rezension


„Der Kaufmann von Venedig“ (USA 2004)

Shakespeare-Verfilmung, Regie: Michael Radford

Starttermin: 21. April 2005


Die Realität: Die Armut trieb einst die Großeltern Al Pacinos dazu, ihre Heimat Sizilien zu verlassen und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück zu suchen. Es dauerte zwei Generationen. Doch dann wurde ihr Enkelsohn Alfredo als Schauspieler zum amerikanischen Superstar und verdient heute in einer Woche mehr Geld als seine Großeltern in ihrem ganzen Leben. Kein Wunder, dass er nicht nur in den USA, sondern auch im Heimatland seiner Vorfahren gefeiert wird. In Italien ist Al Pacino so beliebt, dass er sogar Drehgenehmigungen in Venedig durchsetzen konnte, wie sie bislang noch keiner Filmcrew erlaubt wurden. Sie durften sogar im Palast des Dogen von Venedig drehen. So kommt es, dass die Filmbilder der historischen Stadt und die altmodisch anmutende Sprache Shakespeares zu einer in sich stimmigen Einheit verschmelzen.


Al Pacino in \"Der Kaufmann von Venedig\"


Die Fiktion: Shylock (Al Pacino) ist ein Jude, der im Venedig des 16. Jahrhunderts lebt. Das Ansehen der Juden in der Stadt des Dogen ist ambivalent. Die Christen mögen die Juden nicht, aber viele sind auf sie angewiesen, insbesondere die Kaufleute. Den Christen war es damals verboten, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Das war allein den Juden vorbehalten, sie waren die eigentlichen „Banker“ der alten Zeit. Und sind wir doch mal ehrlich. Ja, wir sind auf unseren heimischen Banker schon irgendwie angewiesen, aber nein, lieb haben, tun wir ihn eigentlich nicht. Antonio, ein venezianischer Kaufmann, sieht das nicht anders. Antonio (Jeremy Irons) beschimpft die Juden ganz gerne, und es kommt schon mal vor, dass er ihr Gewand bespuckt. Doch dann kommt der Tag, an dem Antonio auf den Juden Shylock angewiesen ist. Antonio hat eine Schwäche für den Jüngling Bassanio (Joseph Fiennes) und damit Bassanio um eine reiche Frau freien kann, will Antonio ihm eine große Summe Geldes leihen. Da all seine Güter auf See unterwegs sind, hat er nicht genügend Bargeld und muss bei Shylock einen Kredit aufnehmen. Da Shylock von Antonio oft gekränkt wurde, will er aber keine Zinsen verlangen, sondern „spaßeshalber“ ein Pfund Fleisch aus dem Körper des Antonio entnehmen, falls der Wechsel verfallen sollte. Antonio lässt sich entgegen der Warnungen seiner Freunde darauf ein.


Jeremy Irons in \"Der Kaufmann von Venedig\"


Zu Antonios Freundeskreis gehört auch Lorenzo (Charlie Cox), der sich in Shylocks Tochter Jessica (Zuleikha Robinson) verliebt hat. Da Shylock der Heirat mit einem Christen niemals zustimmen würde, flieht Jessica und nimmt erhebliche Vermögenswerte aus dem Hause ihres Vater mit. Shylock ist verzweifelt und erbost und steigert sich in seinen Hass hinein. Als nun nacheinander Meldungen eintreffen, die besagen, dass die Schiffe mit Antonios Handelsgütern alle untergegangen seien, sieht Shylock die Stunde der Rache gekommen. Antonios Wechsel verfällt und er will ihm ein Pfund Fleisch aus dem Leib schneiden. Der Doge von Venedig wird eingeschaltet, findet aber keine Gesetzesgrundlage, diese Einlösung des Wechsels zu verhindern. Formal scheint Shylocks Forderung rechtens. Shylock erscheint mit Messer und Waage vor Gericht...

Bassanio (von Joseph Fiennes mit sehr verhaltenem, aber intensivem Charme gespielt) gewinnt das Herz der reichen und schönen Portia (Lynn Collins). Einem Happyend steht eigentlich nichts im Wege, aber es wäre mit dem Tod des gütigen Freundes bezahlt. Da Portia sehr wohlhabend ist, bietet sie ein Vielfaches der Summe für die Auslösung Antonios. Aber Shylock besteht auf den Wortlaut des Wechsels. Da nehmen heimlich zwei Frauen, Portia und ihre Dienerin, die Sache in die Hand...


Lynn Collins und Heather Goldenhersh in \"Der Kaufmann von Venedig\"


Der Ausgang der Geschichte ist eigentlich gerecht. Die Menschen, die Liebe und Frieden in ihren Herzen tragen, werden mit einem glücklichen Ausgang der Geschichte belohnt. Die beiden vom Hass getragenen Protagonisten Antonio und Shylock müssen lernen, dass ihr Hass auf sie selbst zurückfällt. Nicht-deutsche Regisseure haben in der Regel keine Probleme, die hässliche Seite eines Menschen aufzuzeigen, der jüdischer Abstammung ist, in der deutschen Pressereaktion wird aber der Anti-Semitismus im Film häufig angekreidet. Da schwingt die Last der jüngeren deutschen Vergangenheit noch deutlich mit. Dabei geht Michael Radford, der Sohn eines Engländers und einer Österreicherin, äußerst feinfühlig mit dem Thema um. Am Anfang des Films zeigt er deutlich den historischen Anti-Semitismus, wie er im 16. Jahrhundert eine Tatsache war. Sowohl Shakespeare wie auch Radford lassen genug Raum, die Gründe für die Rachsucht und den Hass des Juden verständlich zu machen. Auch scheint Pacino selbst sehr viel Sympathien für seine eigene Figur zu haben und spielt sie mit einiger Verletzlichkeit bis hin zur ohnmächtigen Verzweiflung. Sein nicht-jüdisches Pendant Antonio ist auch nicht besser. Man kann hinterher nicht sagen, dass er aus den lebensbedrohenden Traumata vor Gericht gelernt hat. Seine Liebe Bassanio hat er an eine Frau verloren und am Ende stehen die Hochzeitsfeierlichkeiten an. Zurück bleibt ein einsamer alter Mann, der angesichts der feierlichen Stimmung um ihn herum fehl am Platze wirkt. Ganz zum Schluss gelingt Radford noch ein inszenatorischer Kunstgriff. Als Shylocks Tochter flüchtete, entwendete sie Schmuck aus dem Haushalt. Darunter war ein Ring, der ihrer Mutter gehörte, von dem Shylock zugetragen wird, Jessica habe ihn gegen eine Nichtigkeit eingetauscht. Diesen Ring hält Jessica am Ende wehmütig in der Hand. Sie ist also gar nicht die lieblose Tochter, wie Shylock das annimmt, sondern eine junge Frau, die sich aus einer Atmosphäre von Unversöhnlichkeit und Feindschaft zu befreien versucht.

Michael Radfords sieht in dem Stück nicht in erster Linie den Gegensatz zwischen Christentum und Judentum, es werden Menschen beschrieben, die eine irrige Wahrnehmung der Realität haben: „Im Wesentlichen interessiert sich das Stück mehr für das Konzept der Vergebung als für die Frage, ob Shylock ein Jude ist. Wir leben heute in einer von Rassismus zerrissenen Gesellschaft, deshalb kommt dieser Aspekt des Stückes unter ein riesiges Vergrößerungsglas... Es ist so offenkundig, dass Shakespeare über Rassismus schreibt, aber er ist kein Rassist und sein Stück ist nicht rassistisch“. Vielmehr noch zeigt Radfords Film, dass in einer multi-ethnischen Gesellschaft ein Zusammenleben ohne Toleranz nicht möglich ist.


helga fitzner, red. / 29. April 2005
ID 00000001861
Regie: Michael Radford
Drehbuch: Michael Radford
Schauspieler: Al Pacino, Jeremy Irons, Joseph Fiennes, Lynn Collins, Zuleikha Robinson, Kris Marshall, Charlie Cox, Mackenzie Crook, Heather Goldenhersh, John Sessions, Gregor Fisher, Ron Cook, Allan Corduner, Anton Rodgers, David Harewood

Weitere Infos siehe auch: http://www.der-kaufmann-von-venedig.de/






 

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