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Deutsches Kino

Vater-

Tochter-

Momente



Bewertung:    



Er ist ihr peinlich. In einem Nobelrestaurant spricht Ines am Bartresen frei heraus mit zwei oberflächlichen Freundinnen aus ihrem Berufsmetier, wie unangenehm ihr der plötzliche Besuch ihres Vaters war. Bis nach Bukarest reiste der pensionierte und allein lebende Musiklehrer Winfried Conradi aus Remchingen, um seiner Tochter zu ihrem Geburtstag einen Überraschungsbesuch abzustatten. Doch die ehrgeizige Managerin hatte eigentlich keine Zeit für ihn geschweige denn für ihren Geburtstag. Sie erduldete das väterliche Erscheinen. Als es darum geht, wer denn nun das schrecklichste Wochenende hatte, punktet Ines mit dem väterlichen Überraschungsbesuch bei den Freundinnen. Da räuspert sich ein älterer Herr am Tresen. Der befremdliche Typ trägt ein schiefes Gebiss mit falschen Zähnen, eine Zottelperücke und einen schlecht sitzenden Anzug. Er stellt sich als „Toni Erdmann“ und Manager vor und möchte den schönen Damen gerne einen Drink spendieren. Ines Freundinnen willigen erstaunt und belustigt ein. Sie selbst schweigt betreten, kennt sie doch das vertraute Antlitz. Die Zähne zusammenbeißend versucht sie ihre Überraschung, Beschämung und Wut gepflegt zu verbergen.

Sieben Jahre hat Maren Ade auf ihren neuen Film warten lassen. Die 39jährige Regisseurin wurde bereits für ihr Langfilmdebüt Der Wald vor lauter Bäume (2003) über eine vereinsamte, durchsetzungsschwache und rührend tollpatschige Lehrerin beim Sundance Film Festival mit dem Spezialpreis der Jury geehrt. Für ihren zweiten Film Alle Anderen (2009) - über Spannungen eines Liebespärchens während ihres Sardinien-Urlaubs und deren einhergehendes Spiel mit tradierten Geschlechterrollen - erhielt Ade bei der Berlinale den großen Preis der Jury. Auch in ihrem neuen Film liefert Ade eindrucksvoll kammerspielartige Charakterstudien und landet erneut einen Besetzungscoup. Denn die karriereorientierte, ernsthafte und argwöhnische Unternehmensberaterin Ines Conradi mimt mit Sandra Hüller (Finsterworld [2013], Requiem [2006]) eine der aufregendsten und vielleicht arriviertesten Schauspielerinnen hierzulande. Als ihr Counterpart und chaotisch-skurriler Vater Winfried gibt der Österreicher und Burgtheater-Star Peter Simonischek eine köstliche Vorstellung. Gemeinsam liefern sich die beiden Gefechte von sich oft nur langsam steigernder Dynamik und meist herzzerreißender Komik.

Winfried passt seine Tochter am Bukarester Flughafen in der Ausgangshalle mit einem schrägen Outfit ab. Doch sie widmet ihm nur beiläufig einen kurzen Seitenblick und schreitet unbeeindruckt, in ein Gespräch mit anderen Unternehmern vertieft, an ihm vorbei. Minuten später muss Winfried erst mit Anca (Ingrid Bisu), der Praktikantin seiner Tochter, Vorlieb nehmen, bevor er Ines zu einem Empfang begleiten darf. Dort will sie noch Vorstände großer Unternehmen und mögliche Neukunden treffen. Kollegen oder Kunden scheinen ihr wichtiger als ihre Familie.

Ines meistert die Herausforderungen eines global auftretenden Beraterunternehmens und verdient ein gutes Gehalt. Doch ihr Vater, ein Alt-68er, kritisiert sie vor allem für ihre Arbeitswut. Immer wieder bringt er seine Tochter in Verlegenheit. Wenn sich der Film auf die Konfrontation von Ines mit ihrem Vater konzentriert, deutet er neben dem hohen Konfliktpotential auch eine zwischen ihnen stehende zärtliche Verbindung an. In leisen Momenten sieht man, wie Ines ihrem abreisenden Vater weinend nachschaut und selbst erkennt, dass ihr der eigene Vater fremd geworden ist.

Winfried denkt sich ein Alter Ego aus, um Ines nach dem Abschieds-Eklat trotzdem noch nahe sein zu können. Bald lässt Ines sich auf dieses Alter Ego ein und überrascht ihren Vater mit diesem Schachzug. Es gibt großartige Regieeinfälle, wenn etwa Ines von ihrem Vater bei einer rumänischen Großfamilie als „Miss Schnuck“ vorgestellt wird und ihr Vater sie als Geschenk an die Gastgeber dazu nötigt, Whitney Houstons Hit „The Greatest Love of All“ zu singen. Während sie erst hadert und zögert, sich bald lauter und lauter werdend Raum nimmt, begleitet er sie zunehmend zaghafter werdend am Harmonium. Ines verinnerlicht die schräge und humorvolle Lebenseinstellung ihres Vaters schließlich derart, dass sie ihre Kollegen, Geschäftspartner und vor allem sich selbst bald mit einer kuriosen Nacktparty anlässlich ihres Geburtstages überrascht.

Darstellerische Akzente setzen auch Thomas Loibl als Ines vorsichtig kalkulierender, jedoch schnell überzeugbarer Vorgesetzter und Trystan Pütter als ihr unterwürfiger Kollege und bereitwilliger Gelegenheits-Liebhaber. Das über 162 Minuten stets die Spannung haltende, komödiantische Familiendrama bewegt und fordert seine Zuschauer mit Unterhaltung auf hohem Niveau. Nach sieben Jahren wurde mit Toni Erdmann 2016 erstmals wieder ein deutscher Film zum Wettbewerb von Cannes eingeladen (zuletzt war hier Wim Wenders Palermo Shooting von 2008 vertreten). Maren Ades dritter Kinofilm wurde in Cannes gefeiert und erhielt dort den FIPRESCI-Preis als bester Film – völlig zu Recht.



Peter Simonischek als Winfried Conradi und Sandra Hüller als seine Tocher Ines in Toni Erdmann - (C) NFP/ Komplizen Film

Ansgar Skoda - 13. Juli 2016
ID 9428
Weitere Infos siehe auch: http://www.komplizen-film.de/d/toni-erdmann.html


Post an Ansgar Skoda

http://www.ansgar-skoda.de



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