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Filmbesprechung

Requiem

Regie/Produktion: Hans-Christian Schmid
Buch: Bernd Lange

Starttermin: 2. März 2006
Hans-Christian Schmid im Interview

Wer ist hier eigentlich besessen? Die katholischen Eltern der frisch gebackenen Studentin Michaela Klingler (Sandra Hüller), zwei verblendete Geistliche oder die schwerkranke junge Frau selbst, die an einer kaum therapierbaren Epilepsie und ungeklärten psychischen Problemen leidet? Michaela lässt sich von Exorzisten zu Tode quälen. Die Hauptdarstellerin Sandra Hüller wurde auf der Berlinale 2006 zurecht mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet, schließlich sei sie für den Film durch die Hölle gegangen, hieß es in der Laudatio.


Michaela Klinger (Sandra Hüller)


Die Realität
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich von 1971 an im hessischen Klingenberg zugetragen hat. Die Idee zu dem Film kam dem Regisseur Hans-Christian Schmid aufgrund eines Zeitungsartikels vor rund zehn Jahren. Dort wurde über Wallfahrten nach Klingenberg berichtet, dem Ort, an dem einst der reale Fall einer Teufelsaustreibung mit Todesfolge stattfand. Die Pilger hielten die getötete junge Frau für eine Märtyrerin, die sich dem wahren Glauben geopfert hat. Neun Monate lang, zwischen September 1975 und Juni 1976 wurden dort zweimal wöchentlich Exorzismen an Anneliese Michel verübt. Sie litt an Epilepsie und einer Psychose, in der sie sich als fremdgesteuert wahrnahm. Hinzu kam noch eine Essstörung, die zu extremem Gewichtsverlust führte. Der Leiter des Historischen Archivs für Psychiatrie in München, Dr. Matthias M. Weber führt in seiner Abhandlung „Die heilige Krankheit der Anneliese Michel“ aus: „Anneliese Michel (zeigt) immer mehr Verhaltensweisen, die ihre Umgebung als typische Merkmale der Besessenheit auffasst.: sie hört und spürt Dämonen in ihrem Körper, darunter Luzifer, Nero und Hitler, sie kann häufig kaum schlafen oder essen ... , glaubt religiöse Offenbarungen zu empfangen und verletzt sich selbst. Ihr physischer und psychischer Gesamtzustand verschlechtert sich (während der Exorzismen) rasch. Das spätere gerichtsmedizinische Gutachten stellte nicht nur fest, dass Anneliese Michel infolge eines Körpergewichts von nur mehr 31 kg schlichtweg verhungert war, sondern auch, dass sie durch einen Klinikaufenthalt noch eine Woche vor ihrem Tode hätte gerettet werden können.“ Die Exorzisten und die fanatisch-religiösen Eltern wurden später zu Bewährungsstrafen verurteilt. Weber weiter: „Die psychiatrischen und psychologischen Gutachter vertraten (...) übereinstimmend die Auffassung, dass Anneliese Michel psychisch schwer krank war“. Dies verhinderte die Wallfahrten religiös Verwirrter nach Klingenberg nicht, obwohl eine offizielle Kommission der Deutschen Bischofskonferenz sich der gutachterlichen Einschätzung anschloss.


Michaelas Eltern (Imogen Kogge, Burghart Klaussner)


Die Fiktion
„REQUIEM ist von Anneliese Michel und den damaligen Geschehnissen in Klingenberg inspiriert, aber es ging uns nicht darum, diese Geschichte einfach nur nachzuerzählen. (...) Im Laufe der Drehbuchentwicklung haben wir uns stetig weiter von dem Fall entfernt“, erläutert Regisseur Hans-Christian Schmid. „Die Figuren haben ihre Eigenleben; wir sind uns bewusst, dass sie oft anders handeln, sprechen und denken, als die Angehörigen Annelieses“.

„Hast du dir jemals überlegt, was ich will?“ schreit Michaela ihre Mutter (Imogen Kogge) an. Die Mutter antwortet mit einer Ohrfeige. Michaelas Vater (Burghart Klaussner) verhindert eine weitere Eskalation des Konflikts. Aber er sitzt zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite versteht er seine Frau, die die schwerkranke Tochter nicht unbeschützt in das studentische Tübingen der Siebziger Jahre entlassen will . Auf der anderen Seite unterstützt er die Bestrebungen seiner Tochter nach Selbständigkeit. Gerade in den Familienszenen zeigt sich die angepriesene Fähigkeit zur Schauspielerführung des Regisseurs. Hans-Christian Schmid bemüht nämlich nicht den historischen Hintergrund der Zeit nach der 68er-Revolution, die Angst, die nach den Anschlägen der RAF, der Roten Armee Fraktion, in Deutschland umging. Er erklärt nicht historisch, wie einige Katholiken die überfälligen Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils aus den 60er Jahren ablehnten, die sich doch eigentlich nur um Verständlichkeit und größere Volksnähe bemühten. Schmid geht rein von den Figuren aus und verschafft den Aussagen des Films damit eine gewisse Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit.
Aus einer diffusen Angst heraus hat sich die Mutter dieser fundamentalistischen Ausprägung des Katholizismus angeschlossen, die von Pfarrer Landauer (Walter Schmidinger) und einem Teil der Gemeinde Klingenberg auch getragen wird. Während die Religion von den Eltern eher freudlos ausgeübt wird, ist Tochter Michaela mit Begeisterung dabei. Sie teilt ihre Erfahrungen mit der göttlichen Gnade sogar mit ihrer kleinen Schwester. Für Michaela ist die völlige Unterwerfung an Gott und die rigiden Dogmen der katholischen Kirche alter Prägung eine Freude und ein Bedürfnis. Michaela leidet an Epilepsie und spricht nur schlecht auf Medikamente an. Nachdem sie ihren Studienbeginn in Tübingen erkämpft hat, verschlechtert sich ihr Zustand zunehmend. Doch anstatt eine psychische Erkrankung abklären zu lassen, wendet sie sich an Pfarrer Landauer, der ihr zunächst einmal nicht glaubt, dass sie mit Dämonen zu kämpfen hat. Auch Landauer konsultiert keinen Psychiater, sondern einen Kollegen, der sich mit Exorzismus auskennt. Damit beginnt der Leidensweg der jungen Studentin, die über Monate so lange exorziert wird, dass sie letztendlich an Entkräftung stirbt. Das Verhängnisvolle daran ist die Tatsache, dass alle ihr nur helfen wollen. Man kann den Eltern und Geistlichen keine Mordabsicht andichten. Sie waren verzweifelt und haben aus ihrem besten Glauben gehandelt. Michaelas eigentliche Todesursache ist der Umstand, dass es alle gut mit ihr gemeint haben. Nur leider haben sie aus der Angst heraus gehandelt und nicht aus der Liebe und einem angemessenen Gottvertrauen.


Walter Schmidinger (vorne) als Pfarrer Landauer


Portrait Hans-Christian Schmid

Geboren 1965 in Altötting (Oberbayern) studiert er Dokumentarfilm an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen. Schon in seiner Abschlussdokumentation von 1992 widmet er sich dem Thema der religiösen Verblendung: In „Mechanik des Wunders“ nimmt er die Vermarktung des Glaubens in seiner Heimatstadt aufs Korn. Altötting ist ein Wallfahrtsort nicht allzu weit von München entfernt. Auch in seinem ersten Spielfilm fürs Fernsehen „Himmel und Hölle“ geht es um religiöse Entgleisungen, namentlich die Sektenproblematik.

1996 beginnt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Michael Gutmann, mit dem er mehrere Filmsujets realisiert. Der erste gemeinsame Kinofilm „Nach fünf im Urwald“ mit der jungen Franka Potente verhilft ihm zum Durchbruch. Von der Kritik wird er schon als Erneuerer der deutschen Komödie gefeiert. Hat er doch auf witzige Art einen Film über den Generationenkonflikt, das Erwachsenwerden und klischeefrei über Menschen gedreht. Mit dem Psychodrama „23“ zeigt er, dass seine Bandbreite weitaus größer ist. Hier geht es um den Hacker und KGB-Spion Karl Koch. Auch hier schwingen das Thema religiöser Wahrnehmungsstörung mit, denn es geht um Verschwörungstheorien und Geheimbünde. 1999 folgt mit „Crazy“ wieder ein Film über das Erwachsenwerden. Nun hat Schmid entgültig den Ruf als authentischer Gegenwartsfilmer erlangt.

2003 dreht er „Lichter“, in dem er die Schicksale von fünf verschiedenen Menschen an der deutsch-polnischen Grenze beschreibt. Hier spornt er ein internationales Team von Schauspielern zu Höchstleistungen an. Diesmal ist es nicht die Religion, die begrenzt, sondern vielmehr die reale Begrenzung zwischen Ost und West. „Jede Beschäftigung mit einem Stoff birgt die Chance in sich, etwas über das Leben herauszufinden,“, erklärt Schmid. „LICHTER etwa ist aus dem Wunsch heraus entstanden, mehr darüber zu erfahren, zu welchen sozialen Konflikten das Zusammenleben an der Wohlstandsgrenze führen kann. Was nehmen Menschen in Kauf, um ihre Lebensperspektiven zu verbessern? Wie lange kann man ehrlich bleiben in einem korrupten Umfeld? Bei der Recherche zu LICHTER sind wir fast wie Journalisten an die deutsch-polnische Grenze gefahren, haben uns mit den Menschen, die dort leben, unterhalten und das dann zu unseren Geschichten verdichtet.“ Spätestens seitdem ist Schmid der deutsche Schauspieler-Regisseur an sich. Ihm gelingt es immer wieder die Figuren mit Intensität und Wahrhaftigkeit rüberzubringen. Er gilt als Entdecker von Talenten (Franka Potente, August Diehl, Sandra Hüller), aber in zahlreichen Interviews während der Berlinale 2006 streitet er das irgendwie ab. Er muss junge Leute für seine Filme finden, wenn der Film von jungen Menschen handelt, erklärt er. Er hat schließlich auch mit Filmgrößen wie Katja Riemann, Axel Milberg und Hannelore Hoger gearbeitet. Viele Preise und Auszeichnungen begleiteten seinen Weg, darunter der Adolf-Grimme-Preis 1998, der Deutsche Filmpreis in Silber gleich dreimal für „23“, „Crazy“ und „Lichter“, und zuletzt wird auf der Berlinale zwar nicht er, aber die Hauptdarstellerin von „Requiem“ Sandra Hüller mit dem Silbernen Bären für die beste Darstellerin ausgezeichnet. „Die Basis ist ein gut durchdachtes Drehbuch“, verrät Schmid sein Geheimnis. „Die Konstruktion der Geschichte, die Szenen, die Dialoge und die Haltungen der Figuren müssen stimmig sein. Außerdem habe ich den Schauspielern Material zu ihren Figuren und zum Thema gegeben und dafür gesorgt, dass es ausreichend Zeit gibt, um darüber zu sprechen... Ansonsten bemühe ich mich, ein starkes Vertrauensverhältnis aufzubauen, so dass sich die Schauspieler sicher fühlen könne, dass sie bei den Dreharbeiten auch in Anwesenheit von zehn, fünfzehn Teammitgliedern bereit sind, ihr Innerstes nach außen zu kehren, wenn es die Szene erfordert.“

2004 gründet Hans-Christian Schmid seine Produktionsfirma 23/5. „Requiem“ ist der erste Kinofilm der neuen Firma. Weitere Spiel- und Dokumentarfilme sind bereits in der Planung.


Helga Fitzner red. / 26. Februar 2006
ID 00000002271
Weitere Infos unter: http://www.x-verleih.de


Requiem

In den Hauptrollen:

Michaela Klingler - Sandra Hüller
Karl Klingler - Burghart Klaußner
Marianne Klingler - Imogen Kogge
Helga Klingler - Friederike Adolph
Hanna Imhof - Anna Blomeier
Stefan Weiser - Nicholas Reinke
Martin Borchert - Jens Harzer
Gerhard Landauer - Walter Schmidinger

Weitere Infos: http://www.requiem-der-film.de






 

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