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Kinderfilm

Ein Thaler

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Kennen Sie die Geschichte von dem Jungen, der sein Lachen verkaufte? Die Entstehungsgeschichte des Films ist ein bisschen so wie die Handlung, die er erzählt: Ein begabter, stets von wahrhaftigen Menschen mit wirklichen Problemen erzählende Regisseur (Andreas Dresen) trifft den mächtigsten Produzenten Deutschlands (Bernd Eichinger), um mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Aber er merkt, dass das nicht so einfach ist, und man „beerdigt“ das gemeinsame Projekt. Als der Produzent nun fragt, was denn der Regisseur sonst machen wolle, erinnert der sich an ein faszinierendes Kinderbuch aus dem einstmals fernen Westen, dass der Regisseur auch in der DDR gelesen hatte: Timm Thaler. Der Produzent erwidert: Na prima, daran besitzen wir die Rechte.

Nun, es hat dann noch fast zehn Jahre gedauert, bis der Film fertig war, und Bernd Eichinger ist zwischenzeitlich verstorben. Er musste Andreas Dresen aber nicht dessen Lachen abkaufen, damit er einen massentauglichen Film zuwege brachte. Denn Erfolg zu haben bei einem breiten Publikum empfindet Dresen im Gegensatz zu manchen Kollegen nicht als Makel. Doch dass die faustische Geschichte des jungen Timm, der sich mit Luzifer einlässt, um Geld und Erfolg zu haben, nicht so leicht zu bändigen ist, lässt der fertige Film erahnen, der besser eine neue Serie geworden wäre.

Die berühmte Fernsehserie von 1979 hatte immerhin 13 Teile und fast 7 Stunden (!) Zeit, den steinigen Weg Timm Thalers zur Erkenntnis, das Geld allein nicht glücklich macht, detail- und wendungsreich nachzuerzählen. Dresen wollte dies unter zwei Stunden schaffen, um die Geduld des anvisierten Kinderpublikums nicht zu sehr zu strapazieren. Für ein kindliches Publikum, das noch nicht mit den Verlockungen des Porno- und Trash-Angebotes des Internets vertraut ist, ist das auch ohne Zweifel ein sehr unterhaltsamer, bunt und flott erzählter und abwechslungsreicher Film mit pädagogischem Mehrwert. Als Erwachsener indes muss ein wenig Gemecker erlaubt sein.

Dies betrifft nicht die famose Ausstattung, die fantasievollen Kostüme und die anderen handwerklichen Gewerke, die einen Vergleich mit Hollywood nicht fürchten müssen. Auch die nach langem Casting gefundenen Kinderdarsteller (Arved Friese, Jule Herman) und die lange, lange Riege deutscher CharakterschauspielerInnen, die sich in Neben- und Kleinrollen die unterschiedlichsten Klinken in die Hand geben (und von denen Charly Hübner den Vogel abschießt), sind ohne Fehl. Obgleich: der zugleich sadistisch und charismatisch auftrumpfende Justus von Dohnányi gibt dem Bösen für meinen Geschmack ein bisschen arg Zunder, da war die aristokratische Zurückhaltung eines Horst Frank überzeugender. Aber halb so wild. Eher schon leidet die mehrere Millionen Euro teure Produktion an der Überfrachtung mit Nebenhandlungen und -figuren, an einer Überfülle an Motiven, Details, Symbolen und Situationen. Dresen und sein versierter Drehbuchautor Alexander Adolph hätten die Story noch stärker eindampfen müssen als sie es getan haben, denn selbst als Fantasy-erfahrener Kinozuschauer von heute verliert man leicht den Überblick, wenn eine Kulisse die nächste jagt.

Die vielen Figuren und Ideen wären kein Problem, wenn die Handlung sich auf den grundlegenden Konflikt konzentrieren würde. Der aber verliert angesichts einer Handlung, die sich so vielgestaltig dahin schlängelt und zerfasert, seine Dramatik und Durchschlagskraft. Eine pure Nacherzählung würde mehre Seiten füllen. Ich versuche es in Kürze: Zunächst erlebt der in ärmlichen Verhältnissen in einer pittoresken Stadt aufwachsende Timm Thaler, wie ihn die scheinheilige Stiefmutter und deren Sohn fremdbestimmen und maßregeln. Trost spendet v.a. die Freundschaft zur Nachbarstochter im Bäckerladen, die sich ebenso wie viele andere immer wieder von Timms Lachen anstecken lässt. Erst als Timm mit perfekt getarnter, perfider Unterstützung des Teufels die Verlockungen erlebt, dass Geld Freiheiten eröffnet und Unabhängigkeit von anderen erlaubt, lässt er sich darauf ein, dem Bezelbub sein Lachen (aka sein eigentliches Ich) zu verkaufen. Fortan läuft er als wahres Glückskind durch die Stadt, da er keine Wette mehr verlieren kann. Er gewinnt zwar neue Freunde, bekommt einen Job und gelangt Zutritt zur Welt der Reichen und Mächtigen, aber seine Fröhlichkeit ist dahin. Aber auch der Teufel gewinnt nur kurzfristig Freude daran, mit seiner nun lächelnden Fratze die Massen zu erobern und zu bösen Taten zu verführen. Den Charme eines Timm Thaler hat er nun einmal nicht, weswegen er den Jungen in sein Reich holt (was von faschistischer Architektur beeinflusst beständig wechselt). Dort genießt Timm die neuen Verlockungen kaum, denn die Sehnsucht nach dem gewohnten Umfeld ist groß. Mithilfe seiner jungen Freundin und einiger Verräter am Bösen (Dresen-Altstars Axel Prahl und Andreas Schmidt als digitalisierte Ratten) entthront er den Teufel, der Timm – nun klein statt laut – das Lächeln zurückgeben muss.

Dies Fabel, die der Romanautor James Krüss in den 1950er Jahren offenkundig als Kritik am damals vorherrschenden Materialismus der westdeutschen Wirtschaftswunderzeit ersonnen hat, wird nicht geradlinig erzählt, sondern mäandernd und mit etlichen, nur selten witzigen Einfällen gespickt. Gottlob droht aber auch nicht moralinsaure Ernsthaftigkeit. Viele Szenen sind auch wunderbar ausgedacht, und in seinen besten Momenten wirkt Dresens Film wie eine verwegene Mischung aus Paul Andersons bizarren Filmphantasien mit einem Schuss Monty Python: So tritt der Teufel einmal vor seinen Anhängern großspurig und populistisch auf wie Donald Trump im Wahlkampf – was dem Film eine ungeahnte Aktualität verleiht. Andere Anspielungen mag mancher Zuschauer vielleicht gar nicht als solche erkennen. Aber es ist insgesamt eine erfrischende, neue Art der Inszenierung Dresens, der sonst als naturalistischer Filmemacher seine Meriten erworben hat. Gerne darf er weiter die märchenhaft-surreale Schiene fahren – wenn die Story überschaubar bleibt.



Timm Thaler oder das verkaufte Lachen | (C) Constantin Filmverleih

Max-Peter Heyne - 1. Februar 2017 (2)
ID 9816
Weitere Infos siehe auch: https://www.constantinfilm.at/kino/timm-thaler.html


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