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Polnisches Kino

Tiefe Wasser ist ein kompaktes, außerordentlich stilsicheres Drama über eine Sportlerseele in Aufruhr



Bewertung:    



Der junge Leistungsschwimmer Kuba ist schwul oder mindestens bisexuell, und das scheint ihm nicht geheuer zu sein. Es ist Kuba unangenehm, nicht nur der dominanten Mama und der netten Freundin, sondern auch sich selbst gegenüber. Also verliert er darüber kein Wort, was ihm nicht allzu schwer fällt, da er ohnehin kaum spricht, sondern sich aufs Schwimmen konzentriert. So ganz abschütteln aber kann der Sportler seine heimliche Leidenschaft nicht, immer wieder kommt das Verdrängte zum Vorschein, wenn Kuba dem offen schwul lebenden Michal begegnet. Dann muss sich der junge Sportler eingestehen, dass das Schwulsein zu seiner Persönlichkeit gehört. Die beiden jungen polnischen Schauspieler Mateusz Banasiuk und Bartosz Gelner nutzen ihre Rollen jeweils für ein nuancenreiches, intensives Spiel, das große Worte und pathetische Posen nicht nötig hat.

Still leidet der hin und her gerissene Kuba vor sich hin: unter dem übergroßen Einfluss seiner in derselben Warschauer Wohnung lebenden Mutter, die sich nicht scheut, auch sein Intimleben zu kontrollieren; unter seinem Trainer, der Kubas Talent nicht ungenutzt lassen möchte; unter seinen Kumpels, die in ihm lediglich den harten Mann sehen und unter seiner Freundin, die nicht versteht, was Kuba noch fehlen könnte, weil sie ihn doch so vorbehaltlos unterstützt. Diese Story mag selbst für polnische Verhältnisse nicht weltbewegend sein, zumal sie nicht übertrieben dramatisiert wurde. Aber wie der junge polnische Drehbuchautor und Regisseur Tomasz Wasilewski sein Drama über eine Seele in Aufruhr gestaltet hat – das ist das Besondere.




Tiefe Wasser - Foto (C) Salzgeber



Denn so viel Stilbewusstsein und bildgestalterische Raffinesse wie in Tiefe Wasser ist trotz des Überangebotes an Filmen heutzutage selten zu sehen. Der Film ist geradezu ein Lehrbeispiel dafür, welche emotionale Intensität eine überzeugende, pointierte Verzahnung von Dramaturgie, Kameraarbeit, Schauspielführung und Schnitt bewirken kann. Wie Wasilewski und sein Kameramann Jakub Kijowski aus den verschiedenen Situationen ein Maximum an Symbolkraft und räumlich-dramaturgischer Intensität herausholen, bietet vortreffliches Anschauungsmaterial für Seminare an Filmschulen: Sei es eine homoerotische Begegnung in der Umkleidekabine (die nur zu hören ist), eine Schlägerei unter einer Autobahnunterführung (die zwischen Distanz und Nähe wechselt), ein Streitgespräch in einer halbdunklen, engen Wohnung (die die Schwere, die auf Kubas Seele lastet, spürbar werden lässt).

Die hinter den aufgefächerten Situationen lauernde Tragödie, die jenseits des konkreten Schauplatzes und der spezifischen Zeit – das urbane Warschau von heute – allgemeingültige Züge hat, ist die eines jungen Mannes, der es nicht gelernt hat, zu seiner Identität zu stehen. Und dem das gesellschaftliche Umfeld diesen Mut auch nicht zugestehen mag. Nicht nur die offene Aggression der homophoben Jugendlichen, sondern gerade auch die dumpfe, latent vorurteilsbehaftete geistige Haltung der Erwachsenen trägt ihren Teil zur Angst und Verdrängung bei, unter der Kuba leidet, sich letztlich aber doch – Kämpfernatur hin oder her – kleinkriegen lässt. Völlig zu Recht erhielt das polnische Drama (im Original Płynące wieżowce, also "fließende Hochhäuser") von der internationalen Jury beim renommierten Filmfest im nordtschechischen Karlovy Vary den Hauptpreis im Wettbewerb mit osteuropäischen Produktionen, „East of the West“.




Unser Filmkritiker Max-Peter Heyne (2.v.re.) mit Schauspieler Mateusz Banasiuk (li.) und seinen Kolleginnen sowie der Produzentin von Tiefe Wasser auf dem Filmfest in Karlovy Vary 2013 - Foto (C) MPH



Mindestens ebenso viele Zuschauer wie der thematisch ähnlich gelagerte deutsche Film Freier Fall, der einer der Überraschungserfolge des letzten Kinojahres war, ist auch Tiefe Wasser zu gönnen.


Max-Peter Heyne - 3. Juli 2014
ID 7941


Post an Max-Peter Heyne



 

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