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Hollywood

Rache als

Wille und

Vorstellung



Bewertung:    



Es ist schon viel im Vorfeld über den neuen Film des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu gesagt und geschrieben worden. „Einmal Bisonleber für Leonardo DiCaprio, bitte - und den Oscar!“ höhnte die Süddeutsche Zeitung. In der Regenbogenpresse machten sogar Gerüchte um eine Bären-Vergewaltigung in The Revenant - Der Rückkehrer die Runde. Es wäre eine der schwierigsten Szenen seiner Filmkarriere gewesen, war vom Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio zu hören. Und obwohl er bei seiner Rückkehr von den verschneiten Gipfeln der Rocky Mountains 300 Kilometer weit zurück in die Zivilisation die meiste Zeit in einem Fell steckt, spielt er nicht den Bären, sondern den Trapper Hugh Glass, dessen Abenteuer Iñárritu in Anlehnung an das Buch Der Totgeglaubte - Eine wahre Geschichte (The Revenant: A Novel of Revenge) von Michael Punke verfilmt hat. Und nach dem Golden Globe gilt DiCaprio nun tatsächlich auch als heißer Oscar-Favorit.



Leonardo DiCaprio als Hugh Glass in The Revenant | (C) Twentieth Century Fox


Die besagte Szene, in der Hugh Glass von einer Bärin, die ihre Jungen verteidigt, angefallen wird, ist digital animiert und dennoch so lebendig, dass der Hauch des Grizzly an der das Geschehen in Nahaufnahme umkreisenden Kamera zu kondensieren scheint. Wir schreiben das Jahr 1824, der Westen ist noch wild und zum größten Teil unerforscht. Nachdem die Vereinigten Staaten das Monopol auf den Pelzhandel weitestgehend aufgegeben haben, drängen private Handelsgesellschaften in die nördlichen Plains vor, in gegenseitiger Konkurrenz mit den Ureinwohnern und französischen Pelztierjägern. Glass hat sich „Ashleys Hundert“, einer Gruppe von Trappern und Mountain Men angeschlossen, die am Oberlauf des Missouri-Rivers unter der Führung von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson), dem Mitbegründer der Rocky Mountain Fur Company, nach Pelztieren jagen.

Dabei werden sie zu Beginn des Films von den Arikaree-Indianern, kurz Ree genannt, überfallen. Eine ebenso in Naheinstellungen gedreht Sequenz, die das blutige Aufeinanderprallen der nur scheinbar ungleichen Kräfte, den Kampf Pfeil und Bogen gegen Vorderlader und schließlich Mann gegen Mann in plastischen Bildern beschreibt. Eine kleine Gruppe Überlebender erreicht das Boot und flieht zunächst auf dem Fluss. Soweit ist die Geschichte historisch verbürgt und Grundlage für den Mythos um die wundersame Rückkehr des Hugh Glass von den Toten. Regisseur Iñárritu gibt dem Trapper Glass allerdings noch ein Vorleben bei den Pawnee-Indianern, das ihn in Rückblenden mit seiner Familie zeigt. Bei einem Massaker der US-Armee wurde seine Frau (Grace Dove) getötet. Retten konnte Glass nur seinen Halbblutsohn Hawk (Forrest Goodluck), der ihn nun bei der Jagd begleitet.

Glass steht somit zwischen den Kulturen. Sein Widersacher ist der ehemalige Soldat John Fitzgerald (Tom Hardy), ein unverhohlener Rassist und zynischer Egoist. Nachdem die Truppe den nach der Bärenattacke notdürftig zusammengeflickten Glass auf dem Rückweg über die Berge nicht mehr mitnehmen kann, lässt Henry neben Hawk den zwielichtigen Fitzgerald und den jungen Trapper Jim Bridger (Will Poulter) bei dem seiner Meinung nach Sterbenden zurück und nimmt beiden das Versprechen ab, Glass ordentlich zu begraben. Fitzgerald versucht aber Glass‘ Leben schneller ein Ende zu setzen und tötet dann den zu Hilfe eilenden Hawk. Den verletzten Glass in einem ausgehobenen Grab zurücklassend zwingt Fitzgerald den ahnungslosen Bridger mit ihm zu fliehen.

Hierauf baut sich nun der zweite Teil des Films auf, in dem Hugh Glass sich erst auf allen Vieren, dann zu Fuß durchs Wasser und schließlich auch zu Pferd durch die Wildnis bewegt. Allein getrieben von dem Gedanken nach Rache für den Mord an seinem Sohn. Das ist nicht gerade neu. Wie sich aber DiCaprio in diesen nur durch den einen Willen beseelten Mann verwandelt, der von den Toten zurückkehrt, allein um wieder zu töten, ist in seiner reinen Körperlichkeit sehenswert. Zwischen Initiationsritus und umgekehrtem Passionsweg vom Tod über den Schmerz zurück ins Leben trifft Glass auf sich und die Natur, die hier die zweite große Rolle spielt. Auf sich selbst zurückgeworfen muss er sich der reinen Urgewalt unterwerfen, um zu überleben. Kurz prescht eine gewaltige Bison-Herde vorüber. Was aus den Beherrschern der nordamerikanischen Prärien wurde, sieht man, als der kleine Mensch vor einem riesigen Schädelberg steht. Auch Glass hat den modernen Sündenfall des Einbruchs in die unberührte Natur schon zu Beginn des Films an einem heiligen Wapiti begangen.



Schädelberg mit Leonardo DiCaprio in The Revenant - Der Rückkehrer | (C) Twentieth Century Fox


Neben der rein physischen Gewalt hat der Film auch ein religiös-philosophisches Antlitz. Iñárritu bettet seinen naturphilosophischen Ansatz vom archaischen Back to Natur einer wiedergeborenen Kreatur in großformatigen Bilder von der tief verschneiten Rockys (gedreht wurde in Kanada und Argentinien). Die Kamera von Emmanuel Lubezkis (bekannt für seine Arbeit in Filmen von Terence Malick, oder auch in Alfonso Cuaróns Gravity und Iñárritus Erfolgsfilm Birdman) blickt auf der Suche nach der Sonne immer wieder in den Himmel über den kathedralenartig aufstrebenden Bäumen, während Glass unten rohen Fisch und das Fleisch eines von Wölfen gerissen Bisons isst. Wie zur Rückkehr in den Schoß der Natur verkriecht sich der Frierende schließlich ins Innere eines ausgeweideten Pferds. In Glass‘ Fieberträumen verschmelzen christliche und naturkultische Symbolik der Ureinwohner zu einer transzendenten Mischung. Ihm erscheinen dabei immer wieder Frau und Sohn, oder eine zerstörte Kapelle mit orthodoxen Bildmotiven.

Natürlich ist The Revenant auch eine große Abrechnung mit der europäischen Aufklärung. Der Held durchläuft fast etappenartig die verschiedenen Denkmodelle von Rousseaus Naturmenschen und „edlem Wilden“ über Hobbes Determinismus und ethischem Solipsismus bis zu Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. „Nous sommes tous des sauvages“ (Wir sind alle Wilde) steht auf einem Schild, das ein von französischen Trappern gehenkter Pawnee (Arthur RedCloud) um den Hals trägt. Es ist der indianische Samariter, der Glass zuvor unterwegs aufgelesen, verarztet und eine Weile auf seinem Pferd mitgenommen hatte. Die Franzosen vergehen sich gerade an einer Arikaree-Squaw (Melaw Nakehk'o), die von ihrem Vater, dem Häuptling des Stammes (Duane Howard), der zu Beginn die Gruppe um Glass überfallen hatte, gesucht wird. Die Wege der beiden Rächer werden sich bis zum Ende des Films immer wieder kreuzen.

Auch in den früheren Werken Iñárritus ging es immer auch um Verzweiflung, Schmerz und Läuterung. Neu ist dieses unbedingte Ausgeliefertsein an eine reine Naturgewalt, die ihre heilige, heilende Transzendenz gleich einer schamanischen Vision freilegt. Auch ist hier die Nähe zum großen religiösen Ernst in Terrence Malicks Filmen Der schmale Grat oder The Tree of Life nicht nur in der Kameraführung zu spüren. Das ist sicher an manchen Stellen etwas zu viel des Guten, und man könnte Iñárritus Film durchaus auch als esoterischen Quark abtun. Ganz arg wird es, wenn am Ende der unausweichliche Showdown im alttestamentarischen Bibelpsalm „Gott allein gehört die Rache“ kulminiert. Was folgt, ist natürlich nicht die erhoffte Genugtuung oder gar Läuterung, sondern mehr eine große innere Leere. Iñárritus‘ Werk fehlt doch ein wenig die ironische Leichtigkeit von Jim Jarmuschs Dead Man, oder auch John Macleans Slow West.



The Revenant | (C) Twentieth Century Fox


Stefan Bock - 15. Januar 2016
ID 9074
Weitere Infos siehe auch: http://www.fox.de/the-revenant


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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