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Hollywood

Der Mann, der den Zweiten Weltkrieg gewann!?



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Der englische Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing (1913 bis 1954) hat wahrscheinlich Millionen von Menschen das Leben gerettet, weil er es während des Zweiten Weltkriegs schaffte, den Code der deutschen Chiffriermaschine Enigma zu entschlüsseln und damit das Ende des Krieges wesentlich zu beschleunigen. Der Krieg gilt nicht von ungefähr als der Vater aller Dinge, denn „nebenbei“ hat Alan Turing die mathematischen Grundlagen für die heutige Informatik gelegt und den ersten „Computer“ gebaut. Da der Enigma-Code alle 24 Stunden geändert wurde, galt er als nicht dechiffrierbar, denn es gab 200 Trilliarden Verschlüsselungsmöglichkeiten, die von Menschenhand niemals innerhalb eines Tages hätten ausgetestet werden können. Also kam Turing auf die Idee, eine Maschine zu bauen, die „denken“ kann. Enigma war das bis dato genialste Verschlüsselungsgerät der Geschichte, daher würde nur eine Maschine in der Lage sein, diese Maschine zu besiegen. Das streng geheime Projekt der britischen Regierung unter Winston Churchill wurde erst Jahrzehnte später publik und war Gegenstand von Dokumentationen und Spielfilmen, die wenigstens ein paar mathematische Grundlagen erklären.

The Imitation Game verzichtet auf dieses rationale Verstehen, und der norwegische Regisseur Morten Tyldum setzt auf eine kinogerechte, emotionsgeladene Geschichte in einem hervorragend besetzten Drama mit viel Zeitkolorit und Gänsehautgarantie, die sich allerdings nicht zu 100 Prozent an die historischen Begebenheiten hält.



Die Zeit drängt. Besessen arbeitet der Kryptoanalytiker Alan Turing (Benedict Cumberbatch) an der Dechiffrierung des Enigma-Codes | © SquareOne Entertainment


Alan Turing war ein Sonderling und mathematisch hochbegabt. Benedict Cumberbatch spielt ihn sehr facettenreich und sagt über ihn: „Er hatte eine ungewöhnliche, getriebene und asymmetrische Persönlichkeit... Er hatte die uneingeschränkte Fähigkeit, ohne Filter mit anderen Menschen zu kommunizieren, und fühlte sich nicht gebunden an die üblichen Plattitüden, die eigentlich übliche Form der Interaktion, die man von einem Mann erwarten würde, der so fokussiert und schüchtern war... Er war ein bemerkenswerter Mensch, eine einfühlsame Seele, ein gütiger, etwas linkischer, aber hartnäckig entschlossener, zielstrebiger Mann, der über ein außergewöhnliches Talent und überragende Fähigkeiten verfügte.“

Turing eckte bei seinen Kollegen durch seine kompromisslose Art oft an, insbesondere beim Kryptoanalytiker und britischen Schachmeister Hugh Alexander (Matthew Goode). Die Kryptoanalytiker bildeten in Bletchley Park (das 70 Kilometer nordwestlich von London gelegen ist) eine Kerngruppe von wenigen mathematischen Ausnahmetalenten, die sehr eng zusammenarbeiten mussten. Zu ihnen gehörte auch John Cairncross (Allen Leech), von dem sich später herausstellte, dass er für die Sowjetunion spionierte, und der Jugendliche Peter Hilton (Matthew Beard). Die einzige Frau im Team war Joan Clarke (Keira Knightley), die oft vermittelnd eingriff. Über allem aber schwebten die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, den es aufzuhalten galt. Der Tag, an dem nach vielen Fehlversuchen und Enttäuschungen die Dechiffrierung von Enigma gelang, war zunächst ein Freudentag.



Der historische Moment, an dem der Enigma-Code entschlüsselt wurde: Alan Turing (Benedict Cumberbatch) und sein Team freuen sich, darunter Joan Clarke (Keira Knightley) und Hugh Alexander (Matthew Goode) | © SquareOne Entertainment


Der Freudentaumel ebbte schnell ab, als man sich der Konsequenzen bewusst wurde. Die kleine Gruppe in Bletchley Park, allen voran Alan Turing, wurden zu Herren über Leben und Tod. Wenn sie die abgefangenen Funksprüche dazu genutzt hätten, gezielt gegen alle bekannten Nazi-Operationen vorzugehen, hätten die bald gemerkt, dass Enigma für sie nutzlos geworden war und ein anderes Verschlüsselungssystem benutzt. So mussten die Kryptoanalytiker Angriffe geschehen lassen. Sie überließen es wiederum der Mathematik, wie viele der geplanten militärischen Einsätze der Deutschen abgewehrt wurden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines „zufälligen“ Gegenangriffs der Alliierten sein würde, ohne Verdacht zu erregen. Heute gehen Historiker davon aus, dass der Krieg dadurch um zwei bis vier Jahre abgekürzt wurde und viele Menschenleben verschont hat.

Aber was hat das mit den wenigen Menschen gemacht, die nach dem Krieg davon gewusst haben? Sie durften niemandem davon erzählen, mussten ihre Triumphe und seelischen Nöte aufgrund der immensen Verantwortung mit sich selbst ausmachen. Alan Turing stellte aufgrund seiner Homosexualität ein Sicherheitsrisiko dar, weil „grobe Unzucht und sexuelle Perversion“, wie es damals genannt wurde, gegen das Gesetz verstieß. Als er erwischt wurde, „durfte“ er sich zwischen einer Haftstrafe und einer Behandlung mit dem weiblichen Hormon Östrogen entscheiden, was auch „chemische Kastration“ genannt wurde. Hatte der athletische Turing früher vor Gesundheit gestrotzt und Marathonläufe auf olympischem Niveau leisten können, war er durch die Behandlung nun gesundheitlich beeinträchtigt und wurde depressiv.



Die „chemische Kastration“ stürzt Alan Turing in Depressionen. Joan (Keira Knightley) versucht zu helfen | © SquareOne Entertainment


Alan Turing hat den Zweiten Weltkrieg natürlich nicht allein gewonnen. Bei der Entschlüsselung von Enigma spielten viele Faktoren eine Rolle. Dem polnischen Kryptologen Marian Rejewski waren schon vor dem Ausbruch des Krieges Erfolge gelungen, und die Polen waren gescheit genug, den mit ihnen alliierten Engländern ihr Wissen rechtzeitig zu übergeben. Auch an den Grundlagen der Informatik haben andere ebenfalls gearbeitet. Was Alan Turing aber ausmachte - und das stellt Benedict Cumberbatch in sehr differenzierter Weise dar - , ist die Entschlossenheit, neue, bislang unbeschrittene Wege zu gehen, unbeirrt daran festzuhalten und für seine Überzeugungen einzustehen. Hätte Turing sich die Flügel stutzen lassen, wäre Enigma vielleicht nie rechtzeitig geknackt worden.

Diese Kompromisslosigkeit kostete ihn letztendlich das Leben. Er hätte seine Kollegin Joan Clarke heiraten können, die von Keira Knightley als fortschrittliche Frau und begabte Mathematikerin gespielt wird, ohne in der ausgewiesenen Männerwelt von Blechtley Park ihre Weiblichkeit einzubüßen. Sie liebte ihn und wollte kein „normales“ Leben als Hausfrau führen. Die beiden waren auch kurzzeitig verlobt, doch Turing war viel zu geradlinig. Turing wurde 1954 tot in seinem Haus aufgefunden. Die Todesursache war eine Cyanidvergiftung, und es war ein Freitod, - hieß es.

*

Nachklapp: Nachdem es im Vorfeld schon eine Bewegung gegeben hatte, die sich für Turings Rehabilitierung einsetzte, verstärkte sich 2009 der Druck auf die britische Regierung so sehr, dass der damalige Premierminister Gordon Brown Turings Verdienste öffentlich würdigte und sich posthum bei ihm im Namen der Regierung entschuldigte. 2012 weigerte sich Premier David Cameron, Turing zu rehabilitieren. Die Verurteilung war damals gesetzeskonform, und ihr fielen rund 49.000 Homosexuelle zum Opfer, die ebenfalls posthum hätten berücksichtigt werden müssen. 2013 wurde Turing dann durch Gnadenerlass von Königin Elisabeth II. begnadigt und gilt seitdem als rehabilitiert.

Regisseur Morten Tyldum verzichtete als Norweger auf britischen Kriegspathos und Patriotismus. Er lässt uns Alan Turing und seine Mitstreiter als Menschen nahe kommen, ohne den Kinogänger mit mathematischen und kryptologischen Grundlagen zu langweilen, die in Dokumentationen oder Fernsehdramen einfach besser aufgehoben sind. Auf Youtube sind gute Beiträge zu finden, darunter über die Arte-Doku Als ein Mathegenie Hitler knackte und den BBC-Fernsehfilm Breaking the Code mit Derek Jacobi als Alan Turing.

The Imitation Game ist bewusst ein Mainstream-Film im besten Sinne, der für ein breites Publikum konzipiert ist. Und wer weiß, vielleicht gäbe es uns nicht, wenn unsere Väter, Großväter und Urgroßväter noch weitere Jahre hätten in den Krieg ziehen müssen. Diese kleine Gruppe von Kryptoanalytikern hat an einem entscheidenden Punkt der Geschichte eine riesige Verantwortung getragen und über Jahrzehnte geheim halten müssen. The Imitation Game ist eine verdiente Erinnerung an ein Team, das den Krieg entscheidend beeinflusste, ohne je einen Schuss abgegeben zu haben.


Helga Fitzner - 21. Januar 2015
ID 8377
Weitere Infos siehe auch: http://www.theimitationgame-film.de


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