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Rezension

Das war hoffentlich nicht Sein letztes Rennen

Dieter Hallervorden zeigt in einer vorbildlich ausbalancierten Tragikomödie noch einmal, was in ihm steckt



Mit 78 nochmal am Start

Niemand kann ein Publikum jahrzehntelang zum Lachen bringen, der nicht auch ein Vollblutkomödiant und ein überzeugender Schauspieler ist. Insofern muss der Komiker und Kabarettist Dieter Hallervorden eigentlich nicht unter Beweis stellen, dass er ein solcher ist. Allerdings hat der mit der TV-Ulkserie Nonstop Nonsens berühmt Gewordene seit Anfang der siebziger Jahre, also seit seinen ernsten Rollen in anspruchsvollen Fernsehspielen wie Das Millionenspiel (1970) und Der Springteufel (1974) keine so guten, vielschichtigen Part mehr gehabt wie jetzt in Sein letztes Rennen. (Die in komödiantischer Hinsicht missratenen, kaum je im Fernsehen ausgestrahlten Politsatiren Bei mir liegen Sie richtig [1990], und Alles Lüge [1991] beschädigten eher den Ruf ihrer Regisseure als den Hallervordens). Das Potential des Drehbuches war ihm denn auch schnell klar, wie Hallervorden im KULTURA-EXTRA-Interview betont.




Foto (C) Universum Film GmbH



Als ehemaliger Marathon-Weltmeister Paul Averhoff kann Hallervorden im Film Sein letztes Rennen von Kilian Riedhof noch einmal alle Register ziehen: Als unwillig seiner Ehefrau zuliebe ins Seniorenheim gezogener Querkopf, der statt biederem Chorgesang und kindlichen Basteleien lieber der alten Leidenschaft des Dauerlaufens nachgibt und sich sogar zum Berlin-Marathon anmeldet, spielt Hallervorden mal trotzig, mal zynisch, mal draufgängerisch, mal eingeschnappt und dann wieder verletzlich und hilfesuchend. Viel von seinem eigentümlichen Charme gewinnt die Tragikomödie aus dem Umstand, dass eine echte, bisweilen auf Klamauk festgelegte und von der Kritik verkannte Komikerlegende eine Sportlerlegende spielt, die im Alter unterschätzt wird. Dessen Motto „Niemals Stehenbleiben“ entspricht Dieter Hallervordens eigener Lebenseinstellung, die unter anderem dazu führte, neben der Berliner Kabarettbühne Die Wühlmäuse im hohen Alter auch noch Theaterintendant und Schauspieler des Steglitzer Schlosspark-Theaters zu werden.

Doch auch um Hallervorden herum überzeugt ein spielfreudiges Ensemble: Neben Otto Mellies als Ober-Besserwisser des Altenheims holen vor allem die Schauspielerinnen wie Tatja Seibt als unterstützende Ehefrau, Katharina Lorenz als überforderte Heimbetreuerin und Heike Makatsch als (ver-)zweifelnde Tochter [siehe auch dazu das KULTURA-EXTRA-Interview], und die vielen anderen, starken Nebendarstellerinnen das Ultimo aus ihren Rollen heraus. Offenkundig hat Kilian Riedhof ein gutes Gespür für die Besetzung und Anleitung seiner Schauspieler, was denn auch kleinere Mängel bei der Figurenprofilierung ausgleicht.




Foto (C) Universum Film GmbH



Ansonsten aber basiert die Geschichte eines Mannes, der sich und seiner Umgebung zeigen will, dass man auch im hohen Alter nicht auf die Selbstbestimmung seines Schicksals verzichten muss, auf einem sehr gekonnt ausbalancierten Drehbuch mit pointierten Dialogen, das die ganze Palette von komischen über anrührende bis hin zu dramatischen Situationen und Emotionen anbietet. Das entspricht Riedhofs Credo, „klares, intelligentes Mainstream-Kino für die Mitte zu machen“, also für ein Publikum, das „nach emotionalen Geschichten sucht“, wie er im Interview für KULTURA-EXTRA betont. Riedhof versteht, dass in Deutschland aus der Erfahrung mit der Mobilisierung der Massen im Dritten Reich Vorbehalte bestehen, mit Filmen „starke Emotionen zu zeigen“. Er bedauert aber, dass viele seiner Kolleginnen und Kollegen deswegen noch immer „mutlos die Independent-Nische bevorzugen“ und „dem Publikum ausweichen“.

Dass offenkundig hochtalentierte Drehbuchautoren wie Kilian Riedhof und sein Kollege Markus Dietrich (dessen frech-humoriger Kinderfilm Sputnik demnächst in die Kinos kommt) jeweils mehr als sieben Jahre (!) benötigten, um ihre unterhaltsamen Stoffe an den Mann oder die Frau bei den Filmförderungsinstitutionen zu bringen, während erkennbar grob zusammengezimmerten Bestsellerverfilmungen wie Der Geschmack von Apfelkernen und Spieltrieb die Millionen hinterhergeschmissen werden, zeugt von generellen Mängeln bei der Qualitätsprüfung von Stoffen bei den zuständigen Gremien und Redaktionen. Gäbe es deutlich mehr derart ausgewogene und facettenreiche Vorlagen wie Sein letztes Rennen – der Anteil deutscher Filme bei den Ticketverkäufen läge deutlich höher als bei derzeit rund 20 Prozent.




Foto (C) Universum Film GmbH



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 10. Oktober 2013
ID 7243
SEIN LETZTES RENNEN (D 2013)
Regie: Kilian Riedhof
Drehbuch: Kilian Riedhof und Marc Blöbaum
Mit: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Katrin Saß, Otto Mellies, Katharina Lorenz, Frederick Lau u.v.a.


Weitere Infos siehe auch: http://www.sein-letztes-rennen.de/


Post an Max-Peter Heyne

Interview mit Dieter Hallervorden

Interview mit Heike Makatsch

Interview mit Kilian Riedhof



 

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