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Französisches Kino

Jenseits der

Schokoladen-

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Es ist die Zeit der Belle Époque im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, doch so schön, wie der Name suggeriert, ist diese schöne Epoche längst nicht für alle. Der Weißclown Foottit (James Thierée) kennt die Höhen und Tiefen des Zirkusgeschäfts, entweder man hat Erfolg, oder man landet in der Gosse. Dazwischen gibt es nichts. Um so besessener denkt sich Foottit immer neue Nummern aus, ist zur Berühmtheit aufgestiegen und auch schnell wieder abgestürzt. Als er eines Tages einen Schwarzen sieht, der in der Manege als „gefährlicher“ Wilder umhergeht, kommt ihm eine Idee. Er, der Weißclown, und der Schwarze als dummer August treten gemeinsam auf. Das waren gleich zwei Neuheiten auf einmal. Weißclown und dummer August waren bislang getrennt aufgetreten, und einen renommierten schwarzen Künstler gab es bis zu dieser Zeit auch noch nicht. Monsieur Chocolat (Omar Sy) war geboren, und das Duo machte Furore in Paris. Basierend auf der wahren Geschichte von George Foottit und Rafael Padilla zeichnet der französische Regisseur Roschdy Zem in dem Biopic Monsieur Chocolat die Tragödie der beiden Künstler auf, die zu ihrer Zeit viele Menschen zum Lachen gebracht haben.



Wollen mit einem neuen Programm der Armut entfliehen, Foottit (James Thierée) und Chocolat (Omar Sy) schließen sich zusammen | © 2015 Mandarin Cinema, Gaumont, Julian Torres


Das Duo ist in der Provinz so erfolgreich, dass es einen Vertrag für den Nouveau Cirque in Paris bekommt. Das Prinzip funktioniert: Foottit der Weißclown ist der Klügere, und der Schwarze ist der Dumme. Damit kommt er den etablierten kolonialen und rassistischen Ansichten der Gesellschaft um die Jahrhundertwende entgegen. Rafael Padilla wurde als Sklave in Kuba geboren und nach Spanien verkauft. Von dort floh er und landete in einem Zirkus in der französischen Provinz. Zunächst machen ihm die Fußtritte und Demütigungen, die er während der Vorstellungen kassiert, nicht so viel aus, da die beiden Erfolg haben und Geld verdienen. In Paris aber wandelt sich Chocolat zu einem Dandy, er verkehrt in der Gesellschaft, ist ein Frauenliebling, kauft sich ein Auto, verprasst sein Geld und glaubt, dazu zu gehören. Deswegen macht ihm seine Rolle als dummer August immer mehr zu schaffen.



Chocolat (Omar Sy) kränken die Fußtritte und Verdummungen zusehends | © 2015 Mandarin Cinema, Gaumont, Julian Torres


Chocolat ist so erfolgreich und berühmt, dass er auch Neider hat und angezeigt wird, denn er hat keine Papiere. Er verbringt eine Woche im Gefängnis, bevor seine Entlassung erreicht werden kann, und erlebt dort reale Verletzungen und ernst gemeinte Demütigungen. Das bestärkt ihn allerdings um so mehr, sich als gleichberechtigt durchsetzen zu wollen. Doch er verfällt dem Opium, der Spielsucht, macht Schulden und vergisst, dass er in Foottit einen Freund hat. Da er immer unzuverlässiger und nachlässiger wird, leiden die Auftritte darunter. Eines Tages wirft er das Handtuch und gibt seine Clown-Rolle auf. Er will als erster Schwarzer den Othello von Shakespeare spielen. Foottit erklärt ihm, dass die Gesellschaft noch nicht so weit wäre.



Chocolat (Omar Sy), hier mit seiner künftigen Ehefrau Marie (Clotilde Hesme) will gleichberechtigt leben, wie die Weißen | © 2015 Mandarin Cinema, Gaumont, Julian Torres


In der weißen Krankenschwester Marie (Clotilde Hesme) findet Rafael Padilla die Liebe seines Lebens. Die beiden heiraten, aber auch sie kann seine Talfahrt nicht aufhalten. Der Traum von gesellschaftlicher Teilhabe erfüllt sich für ihn nicht.

*

Das Drehbuch lag ein paar Jahre auf Eis, weil es in Frankreich keinen schwarzen Schauspieler als Star zu geben schien. Erst nachdem Omar Sy in Ziemlich beste Freunde brillierte, war Chocolat gefunden. Die Rolle verlangte nach einem Schauspieler, der eine Bandbreite spielen konnte vom dummen August über einen eitlen Dandy über einen Shakespeare-Darsteller bis hin zum tragischen Verlierer. Und er musste einem Partner gewachsen sein, der eigentlich unerreichbar ist. James Thierrée als Foottit ist einfach genial, facettenreich, gelenkig und besessen. In den tragischen Momenten ist er so erschütternd, wie man es lange nicht mehr erlebt hat. Der Enkel von Charlie Chaplin vereint die Elemente von Komik und Tragik in atemberaubender Kreatürlichkeit. Die Einsamkeit und Verletzlichkeit des Spaßmachers wurde selten so berührend gespielt.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs herrschte laut vieler Quellen eine Stimmung der Unausweichlichkeit des Krieges und des Schicksals. Rafael Padilla lebte in einer Welt, in der die Parolen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht für Schwarze galten, nicht einmal für alle Weiße. Er weigerte sich auf seine Art, die Rassendiskriminierung anzuerkennen, wurde zum ersten schwarzen Künstler und zum ersten Othello, der von einem echten Schwarzen gespielt wurde. Damals wurde er ausgebuht, heute ist es u.a. dem Film Monsieur Chocolat zu verdanken, dass er seinen verdienten Platz in der Theatergeschichte einnehmen kann und einem größeren Publikum bekannt wird.

Chocolat-Darsteller Omar Sy hat seinen Platz in der Filmgeschichte längst eingenommen, von James Thierrée bleibt zu wünschen, dass wir vielleicht mehr von ihm zu sehen bekommen.


Helga Fitzner - 18. Mai 2016
ID 9315
Weitere Infos siehe auch: http://www.monsieurchocolat-film.de


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