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Filmkritik

Genie und

Demenz



Bewertung:    



Die Figur des Sherlock Holmes wurde 1886 ersonnen und gilt als unsterblich. Als sein geistiger Vater, der Autor Arthur Conan Doyle, ihn 1893 „sterben“ ließ, um sich anderen Aufgaben zu widmen, trugen viele Menschen in London Trauerflor, als wenn ein echter Mensch gestorben wäre. Später gab es doch noch einen Nachschlag. - Genauso ist es mit dem Film Mr. Holmes unter der Regie von Bill Condon. Man könnte meinen, dass mit den Filmversionen mit Robert Downey Jr. als Sherlock unter der Regie von Guy Ritchie und Benedict Cumberbatchs schauspielerische Leistung in der BBC-Fernsehserie über einen modernen Sherlock Holmes das Thema ausgereizt wäre. Doch weit gefehlt, Mr. Holmes ist einer der bemerkenswertesten Filme des Jahres.

Der Sherlock-Erfinder Arthur Conan Doyle soll begeisterter Leser von Detektivromanen gewesen sein und sich als Wissenschaftler - er war bekanntlich Mediziner - immer geärgert haben, dass die Romandetektive ihre Fälle nur durch Zufall oder besondere Umstände gelöst haben. Forensische Methoden der Falllösung, die auf Analyse und Technik basieren, kamen in der Literatur der Zeit wohl zu kurz. Also ersann Doyle einen Detektiv, der seine Fälle mittels seines herausragenden Verstandes löste. Das kam bei der Leserschaft ungeheuer gut an, denn man konnte mitraten oder spekulieren. Vielleicht erklärt das die Faszination und das Eigenleben, das die Romanfigur bis heute ausübt und worauf Regisseur Bill Condon abzielt.



So kennen wir ihn: Sherlock Holmes (Ian McKellen) als Meisterdetektiv | © Alamode Film


Der Film Mr. Holmes nach der Romanvorlage von Mitch Cullin geht von der Prämisse aus, dass es sich bei Sherlock Holmes um eine reale Person handelt, deren Detektivarbeit von seinem realen Freund Dr. Watson in Romanform fiktiv festgehalten wurde. Watson hat sich aber zu Holmes' Ärgernis arge dichterische Freiheiten herausgenommen. Holmes habe keinen Deerstalker-Hut getragen und auch keine Pfeife geraucht. In Condons Film fallen aber nicht nur diese zwei Merkmale weg, die die Figur Sherlock Holmes zur Ikone machten. Die Haupthandlung spielt im Jahr 1947, Holmes ist bereits über 90 Jahre alt und leidet an zunehmender Demenz. Die Verstandesschärfe, die ihn immer ausgezeichnet hat, verlässt ihn zunehmend, wunderbar visuell umgesetzt in einem Tageskalender, in den Holmes jedes Mal einen schwarzen Punkt macht, wenn er was vergessen hat. Die Anzahl der schwarzen Punkte nimmt stetig zu, während das, was ihn ausmacht, immer weniger wird. Holmes ist schon so alt, dass alle Freunde und Bekannte bereits verschieden sind, seien es Dr. Watson, Inspektor Lestrade, Mrs. Hudson oder sein Bruder Mycroft. Der greise Holmes lebt im englischen Sussex auf dem Lande und widmet sich der Bienenzucht. Bei ihm lebt die Haushälterin Mrs. Munro (wunderbar spröde: Laura Linney), eine traumatisierte Kriegswitwe mit ihrem 11jährigen Sohn, dem Halbwaisen Roger (ganz groß: der junge Milo Parker). Während Mrs. Munro mit dem schwierigen Holmes nicht zurecht kommt und dort weg will, freundet sich ihr Sohn mit dem alten Mann an.



Der alte Holmes (Ian McKellen) lebt durch den kleinen Roger (Milo Parker) wieder auf | © Alamode Film


Holmes hat noch ein wichtiges Anliegen in seinem Leben: Er möchte herausfinden, warum er vor 30 Jahren seinen Beruf als Detektiv an den Nagel hängte, denn er weiß, dass etwas passiert sein muss, was ihn so getroffen hat, dass er es verdrängt hat. Als der kleine Roger heimlich in seinen Aufzeichnungen liest, schimpft Holmes nicht. Rogers natürliche Neugier und Verstandesfrische helfen Holmes sich zu erinnern. Und allmählich kommen die Erinnerungen an seinen letzten Fall. Es ging um die depressive Ann Kelmont (Hattie Morahan), die sich nach zwei Fehlgeburten verändert hatte und nun wohl dem Okkultismus verfallen war. Holmes redete mit ihr, doch schätzte er die Situation trotz seines Masterminds falsch ein, und es kam...



Ann Kelmont (Hattie Morahan) lässt sich auf ein Gespräch mit Sherlock Holmes (Ian McKellen) ein | © Alamode Film


Ein dritter Handlungsstrang ist eine Reise nach Japan. Da das Gelee Royal, das Holmes gegen seine Demenz einnimmt, nicht hilft, folgt er einer Einladung nach Japan, um sich dort japanischen Pfeffer zu besorgen, der dort als gutes Mittel gilt. Er trifft auf den Sohn eines früheren Klienten von ihm, der seine Familie verließ und nicht mehr nach Japan zurückkehrte. Die Familie hat nie erfahren, was der Grund dafür war, und Holmes' Gedächtnis versagt auch hier. Zum Schluss geschieht etwas Ungeheures: Holmes tut etwas, was nicht auf dem Verstand basiert.

*

Mr. Holmes ist schlussendlich ein Film, in dem es um das Älterwerden geht. Wenn wir alle Attribute weggenommen bekommen, von denen wir glaubten, das sie uns ausmachen, was bleibt uns dann noch? Bill Condon schreibt darüber: „Dank Ian McKellen ist der Film auch zu einer Studie über den letzten Lebensabschnitt geworden. Wenn die Kräfte nachlassen, werden andere Dinge wichtig. Und wenn man die Möglichkeit findet, die vermeintlichen Schwächen in Stärken zu verwandeln, lassen sich auch diesem Teil des Lebens völlig neue, lebenswerte Seiten abgewinnen... Es ist, als würde sich ein bestimmender Teil seiner Persönlichkeit für immer verabschieden, dabei aber eine Seite öffnen, die komplett unentwickelt ist: seine Fähigkeit zur Zuneigung, seine Fähigkeit zur Vorstellungskraft und Güte. Auf einmal kann er Verbindungen herstellen, zu denen er vorher nicht in der Lage gewesen wäre.“

Mr. Holmes besticht durch ein wunderbar konzipiertes Drehbuch, das drei Handlungsstränge miteinander verwebt. Ian McKellen spielt den 60jährigen Sherlock und den 90jährigen. Er selbst liegt mit Mitte 70 altersmäßig genau dazwischen und scherzte häufiger, dass die Maske für den 60jährigen wesentlich länger gedauert hätte als für den alten Sherlock. Die Szene allein, in der der „echte“ Sherlock ins Kino geht, um sich eine Sherlock-Holmes-Verfilmung anzusehen, dürfte in die Filmgeschichte eingehen. Er schaut auf seinen eigenen Mythos, der sich verselbständigt hat.

Ian McKellen und Bill Condon haben schon 1998 mit Gods and Monsters ein Meisterwerk abgeliefert. Kombiniere: Das ist nun wieder geschehen.


Helga Fitzner - 23. Dezember 2015
ID 9052
Weitere Infos siehe auch: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/mr-holmes.html


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