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Rezension


Als schwule Künstler noch auf Hetero machten - Liberace ist Steven Soderberghs vorläufiger Abschied vom Film




Alles so schön warm hier

Abgesehen davon, dass dies ein amüsanter, unterhaltsamer und teils auch berührender und aufschlussreicher Film ist, erinnert die Künstlerbiografie Liberace verdienstvollerweise auch an den gesellschaftspolitischen Umstand, dass Homosexualität, solange sie innerhalb der heterosexuellen Mehrheitskultur nicht gezeigt werden durfte, die Majorität eben auch blind für sie war. Dass weder Freddie Mercury noch die Village People oder auch der Starpianist Liberace als homosexuelle Künstler wahrgenommen wurden, ihre Attitüden und Attribute nicht als Ausdruck schwuler Lebenslust decodiert wurden, mutet heute, in Zeiten größerer Liberalisierung zumindest in westlichen Gesellschaften, geradezu grotesk an. Wie konnten gerade im Falle Liberaces (eigentlicher Name: Wladziu Valentino Liberace) und der schwule Deko-Kitsch und Brokatbombast, mit dem er sich während seiner Las-Vegas-Showauftritte umgab, von all den schmachtenden Schwieger-, Haus- und Großmüttern bloß übersehen werden? Wie konnte verkannt werden, dass der vermeintliche Adlatus und Adoptivsohn, der nicht minder durchgebräunt, geliftet und hochtoupiert herumstolzierte, in Wahrheit Liberaces Liebhaber war?




© DCM Filmverleih



Die schlichte Antwort: Die Fans hatten keine Ahnung, weil eine schwule Lebensart oder schwule Themen außerhalb einer Subkultur und privater Wohnzimmer nicht gezeigt und gelebt wurde. Schwulsein war auch in den geschmacklosen frühen Siebzigern kein großes Thema. Die Frauen-, Schwulen- und Schwarzenbewegung fand zwar ihren Weg aus den USA zu uns, steckte aber noch in den Kinderschuhen. Um den "weiblichen Blick" der feministischen Filmtheorie oder die Zeichen der "Camp"-Kultur zu entziffern, brauchte die weiße, männlich dominierte Hetero-Gesellschaft noch die Nachhilfe einer Laura Mulvey oder Susan Sonntag. Das einstige Wunderkind des US-Independentfilms, Steven Soderbergh, hatte 1989 mit seinem Debüt, dem Überraschungserfolg Sex, Lies and Videotapes, hinter die Kulissen der amerikanischen Mittelschichtsgesellschaft geblickt. Nun, nach einer Phase geradezu atemloser Produktivität mit mehr als einem neuen Film pro Jahr blickt der routinierte Regisseur mit Liberace hinter die Kulissen eines schwulen Künstlerlebens und verkündet damit seinen vorläufigen Abschied vom Film.




© DCM Filmverleih



Da Soderbergh auch diesmal seine Protagonisten und ihre Widersprüche und Sehnsüchte ernst nimmt, kann er es sich leisten, seine Hauptfigur so exaltiert zu zeigen, wie sie nun einmal war. Die Zeichen des feminisierten "Camp" müssen in Liberace nicht mühsam gesucht werden, sie werden geradezu schwelgerisch-üppig in Szene gesetzt: seidige Morgenmäntel und Chinchillas, Bordüren und Brokat, goldene Whirlpools und Kronleuchter all-überall. Der Hetero Soderbergh entdeckt in Liberace, dessen Lebensmotto "Des Guten zu viel ist wunderbar" lautete, eine Las-Vegas-Ausgabe von Ludwig II. Erzählt wird die Glanzzeit des hochbegabten Pianisten aus der Perspektive seines langjährigen Liebhabers Scott Thorson, der seinen Job als Tiertrainer für Filmproduktionen zugunsten eines Lebens als Privatsekretärs und Partners an der Seite des 30 Jahre älteren Liberaces aufgibt. Die Beziehung verläuft zwischen 1976-1982 wohl überwiegend harmonisch, gleicht aus Thorsons Perspektive jedoch nach einiger Zeit einem Leben im goldenen Käfig, für den ein hoher Preis zu zahlen ist: Neben zahlreichen Schönheitsoperationen muss Thorson auch soziale Isolation und Liberaces Launenhaftigkeit über sich ergehen lassen. Matt Damon spielt den schwierigen Part zwischen Loyalität und Verzweiflung gewohnt überzeugend, während der andere, bisherige Hetero-Vorzeigeakteur Michael Douglas sich die Figur des schwulen Showmans Liberace so angeeignet, als hätte er das Getucke erfunden.




© DCM Filmverleih



Soderbergh und Drehbuchautor Richard LaGravenese erzählen betont nüchtern, ohne Peinlichkeit oder aufdringlichen Voyeurismus entlang der 1998 veröffentlichten Autobiografie von Thorson, Behind the Candelabra (so auch der Originaltitel des Films), eine ernsthafte Liebesgeschichte mit Höhen und Tiefen, einem Absturz und einer Wiederauferstehung. Denn letztlich kommt Thorson mit einem gebrochenen Herzen, aber einer ansehnlichen Abfindung und vor allem gesund davon, während der narzisstische Liberace an Aids stirbt und noch übers Sterbebett hinaus die Lebenslüge vom Hetero-Vorzeigekünstler kolportieren lässt. Das durch das späte Outing und den Tod des Schauspielers Rock Hudson sensibilisierte Publikum erfährt erst einige Tage nach Liberaces Tod auf Anordnung von Gerichtsmedizinern die wahren Umstände von Liberaces Ende.



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 6. Oktober 2013 (2)
ID 7225

Weitere Infos siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Liberace


Post an Max-Peter Heyne




 

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