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Britisches Kino

Bröckelnde

Fassaden



Bewertung:    



Erstaunlicherweise kann es bei einer Verhandlung vor dem Familiengericht um Leben und Tod gehen. Am Anfang von Kindeswohl unter der Regie des Briten Richard Eyre muss die Londoner Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) über die Trennung von siamesischen Zwillingen entscheiden. Nur eines der Kinder ist überlebensfähig, wird aber auch sterben, wenn es vom Zwilling nicht rechtzeitig getrennt wird. Die Rechtslage ist im Vereinigten Königreich seit 1989 so, dass „das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen“ hat. Aber was ist, wenn das eine zu Gunsten des anderen geopfert werden muss? Der Medienrummel ist gewaltig, die anglikanische Kirche lehnt den „Mord“ an dem nicht ausreichend entwickelten Kind ab und nähme den zusätzlichen Tod des überlebensfähigen in Kauf.

Fiona geht dermaßen in ihrem Beruf auf, dass sie gar nicht merkt, dass ihr eigenes Leben kaum mehr Bedeutung hat und irgendwie parallel an ihr vorbeirauscht. (Ihr Ehemann Jack [Stanley Tucci] liebt sie sehr, will aber nicht nur Statist in ihrem Leben sein und stellt Forderungen.) Fiona ist eine so brillante Juristin, dass sie es schafft, einen gesetzlich tragfähigen Weg zu finden, das Leben des einen Zwillings zu retten. (Erst als Jack darauf besteht, dass sie endlich wieder eine Ehe führen, inklusive der lang vernachlässigten sexuellen Beziehung, begreift Fiona allmählich, dass ihre Ehe in eine Krise geraten ist. Da sie nicht fähig ist, sich ihrem Mann zu öffnen und sich auf ihn einzustellen, droht er, eine Affäre mit einer Jüngeren zu beginnen.) Da kommt schon der nächste lebensbedrohliche Fall herein. Ein leukämiekranker Jugendlicher lehnt die lebenserhaltende Bluttransfusion ab, weil ihm das als Zeuge Jehovas verboten ist. (Jack ist ausgezogen, Fiona findet die Luxuswohnung ohne ihn öde und leer, ist aber zu verletzt, um ihm nachzulaufen.) Sie hat den jungen Adam Henry (Fionn Whitehead) im Krankenhaus besucht und ist fasziniert von dem musisch begabten, sehr unverdorbenen und intelligenten Siebzehnjährigen. (Sie überprüft oft ihr Handy, um zu schauen, ob Jack sich meldet, dabei hat sie für eine Auseinandersetzung mit ihm überhaupt keine Kraft und Kapazität mehr, aber das merkt sie anfangs gar nicht.)

Wieder gelingt es Fiona, ein Menschenleben zu schützen, indem sie ihre Entscheidung auf tragfähige gesetzliche Grundlagen stellt, ohne die Religion und den vordergründigen Wunsch des Jungen zu sterben, aus juristischer Sicht zu verletzen. Adam bekommt eine Transfusion und überlebt. Nun hinterfragt er seine Eltern und die Lehren der Zeugen Jehovas und sucht Halt in der Welt außerhalb der religiösen Gemeinschaft. Er wendet sich brieflich an Fiona, weil er sein neues Leben nicht versteht. Doch genau wie bei Fiona die Bedürfnisse ihres Mannes nicht ankommen, erkennt sie die Krise des Jungen nicht. Eines Tages fängt er sie auf dem Nachhauseweg ab.



Der junge Adam Henry (Fionn Whitehead) lauert der Richterin Fiona Maye (Emma Thompson auf) | © Concorde Filmverleih


Fiona schickt in weg, doch Adam gibt nicht auf, er verfolgt sie, sieht in ihre eine Lichtgestalt und will bei ihr einziehen, als Untermieter, letztendlich um von ihr zu lernen, mit seinem Leben zurecht zu kommen. Fiona lehnt ab. Sie hört eine Weile nichts von ihm, bis sie schlechte Nachrichten erhält.

Kindeswohl basiert auf dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan, der das Drehbuch selbst schrieb. In seinen Romanen lässt er sich oft viel Zeit, seine Figuren und die Situationen zu entwickeln, um dann im letzten Drittel an Fahrt aufzunehmen. Das geht im Drehbuch etwas schneller. Darin ist Fionas juristischer Sekretär Jason Watkins (Nigel Pauling) sehr viel witziger angelegt als in der Vorlage. Durch die wunderbare Ausstattung des Films und die originalen Drehorte wird die ziemlich abgeschottete Welt der Juristen deutlich. Gray's Inn, Lincoln's Inn und die Royal Courts of Justice sind Enklaven mitten in London. So werden viele Beschreibungen aus dem Buch überflüssig. Normalerweise sind es die Ehefrauen, die sich gegen die berufliche Vereinnahmung ihrer Männer behaupten müssen. Es ist eine sehr schöne Nuance, dass das in Kindeswohl andersherum ist und sich der Mann für seine Frau und seine Ehe einsetzt. Fiona ist auch gar nicht so lebenstüchtig, wie es dem jungen Adam erscheint. Sie hat sich von ihrem Beruf vereinnahmen lassen, verzweifelt an der Menschheit, die ihre Probleme nicht mehr ohne Familiengericht geregelt bekommt. Es geht um Geld, Gier, Eigennutz - und ethische Werte bleiben meist auf der Strecke. Fiona ist nicht zynisch geworden, aber sie hat sich nicht nur von ihrem Privatleben, sondern auch von ihren eigenen Gefühlen distanziert. Und während anfangs die hehre Gesetzgebung noch glänzt, tun sich auch da immer mehr Abgründe auf, denn auch im juristischen Getriebe stehen Gerechtigkeit und Angemessenheit nicht immer im Vordergrund, sondern Machbarkeit und manchmal auch Bequemlichkeit, Unfähigkeit und Schlimmeres. Fiona hat gar nicht gemerkt, dass sie lange Zeit in einer Art Blase gelebt und die Anbindung an das richtige Leben verloren hat.

Bei einer so komplex angelegten Hauptrolle stand es für den Regisseur Richard Eyre fest, dass er ausschließlich Emma Thompson dafür haben wollte. Ohne sie wäre der Film nicht zustande gekommen und sie verleiht der Figur die nötige Tiefe. In Kindeswohl bröckeln alle Fassaden. Adam hinterfragt die Hintergründe von der Religion, mit der er aufgewachsen ist und die bislang seine Richtschnur war. Für Fiona ist das Gesetz das Maß der Dinge, aber es greift zu kurz. Bei Fiona gibt ihr gesellschaftliches Ansehen, Wohlstand, Intellekt, Kultur eine Struktur und sie sieht es als das Eigentliche an, während das Leben und die Liebe an ihr vorbeiziehen. Sie hat einen wunderbaren Mann, der von Stanley Tucci bemerkenswert gut gespielt wird, der über Geduld und Verständnis verfügt, es ihr nicht nachträgt, dass sie Fionas Karriere zuliebe auf eigene Kinder verzichtet haben und sie einfach nur liebt. Das alles setzt Fiona aufs Spiel, wenn sie sich nicht aus dem Sog ihrer beruflichen Verantwortung und ihrem Status befreit, der zum künstlichen Ersatz für das eigentliche Leben geworden ist.

*

Im Jahr 2003 haben Emma Thompson und ihr Mann Greg Wise einen 16jährigen Jungen adoptiert, der aus Ruanda stammt und dort Kindersoldat war. Sie boten ihm ein Zuhause, eine Schulbildung und damit eine Zukunft. Vielleicht gehen dem Zuschauer deshalb die Zweifel und die Verzweiflung von Fiona so unter die Haut, die vor einer ähnlichen Entscheidung in Bezug auf Adam steht, die sie aber nicht trifft. Emma Thompson ist auch eine politische Aktivistin, wenn es z. B. gegen Menschenhandel geht oder um den Schutz der Umwelt. Für sie sind also der Glamour, der Ruhm, der Verdienst, die roten Teppiche etc. nicht der Maßstab der Dinge. Sie nimmt ihre Verantwortung jenseits dessen wahr. Das erklärt ihre starke Identifikation mit dieser Figur.
Helga Fitzner - 29. August 2018
ID 10875
Weitere Infos siehe auch: http://www.kindeswohl-film.de


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