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Rezension


Filmstart: 9. August 2012

"Jeff, der noch zu Hause lebt" (USA 2011)

Eine wunderbar warmherzige Komödie über Männer, die nicht erwachsen werden / Drehbuch und Regie: Jay & Mark Duplass



Hamster oder Faultier?

Jeff, der noch zu Hause lebt ist eine jener rar gewordenen US-amerikanischen Komödien, die mit originellen Figuren, hintergründiger Situationskomik und pfiffiger Dramaturgie überzeugen. Übertreibungen, Plattheiten und Zoten, die in den letzten zehn Jahren vom Mainstream leider auch ins Hollywood-Independent-Kino hinüberschwappten, werden vermieden. Obgleich das Figurenarsenal, das sich die Autoren- und Regie-Brüder Jay & Mark Duplass haben einfallen lassen, sie zu derben Tönen durchaus hätte verleiten können: Da ist zum einen der Titel-Antiheld Jeff (sympathisch schluffig: Jason Segel), ein Muttersöhnchen und Taugenichts, dessen Hauptbeschäftigungen darin besteht, sich selbst beim Älterwerden zuzuschauen und in den Fernsehnachrichten oder Frühstücksflocken vermeintlich geheime Botschaften aufzuspüren.

Jeffs esoterisch angehauchtes Phlegma ordnet seine Mutter (Susan Sarandon) resignativ in ihr sonstiges, eintönig und ereignislos verlaufendes Leben als Single und Angestellte in einem langweiligen Großraumbüro ein. Jeffs Bruder Pat (schön schmierig: Ed Harris) hingegen übertreibt es in Sachen Ehrgeiz und Großspurigkeit: Er orientiert sich an Statussymbolen und vermeintlicher Coolness, bemerkt aber nicht, dass er damit sowohl seiner Ehefrau als auch seine Angehörigen zunehmend auf die Nerven geht. Jeff und Pat, die auf den ersten Blick so ungleichen Brüder, ähneln sich in ihrer unreifen Art, mit Herausforderungen und Konflikten produktiv umzugehen.

Mit leichter Ironie und ohne dicken Zeigefinger verweisen die Brüder Duplass mit dieser Figurenkonstellation auf generationenbedingte Probleme in den westlichen Gesellschaften, in denen Männern zwar noch immer Tatkraft und Ehrgeiz zugestanden wird, aber nur, wenn er quasi ‚entkoffeiniert‘ ist. Dem Herumeiern der Männer, endlich ihre Rolle(n) in der Erfolgsgesellschaft Amerikas zu definieren und zu finden, stellen Jay und Mark Duplass mit bitterem Humor den Pragmatismus und die Ausgeglichenheit ihrer Mutter gegenüber: Alles, was die emanzipierte Frau ihren Söhnen voraus hat, ist, Hamster(in) im Getriebe statt Faultier zu sein. Mit einer märchenhaften Volte gestehen die Gebrüder Duplass ihren Figuren am Ende zu, dass deren Sehnsüchte und Bedürfnisse eine überraschende, zeitweilige Erfüllung finden. Doch ob die kurze Situation, in denen Jeff unverhofft zu großer Form aufläuft, ein Erweckungserlebnis ist, also eine tiefergehende Änderung einer Persönlichkeit zur Folge hat, bleibt klugerweise offen, so wie den Film insgesamt eine interessante, schwebende Stimmung durchzieht.




Susan Sarandon im Film Jeff, der noch zu Hause lebt - Foto (C) Paramount Pictures Germany



Für Susan Sarandon ist der Part der Mutter eine eher kleine, aber feine Rolle, die sie wie gewohnt überzeugend ausfüllt. Im Interview betont sie, dass sie als das älteste von neun Kindern sich Stubenhockerei nicht leisten konnte, weil sie „rasch unabhängig werden wollte und musste“. Sarandon: „In meiner Familie ist es so, dass ich inzwischen mehr von meinen Söhnen lerne als umgekehrt. Die sind jetzt 20 und 23 Jahre alt, gehen aufs College und bringen oft sechs oder sieben Freunde zum Abhängen in unsere Wohnung mit. Dann muss ich klarstellen, dass ich nicht deren Reinigungskraft bin.“ Neben Meryl Streep gehört Susan Sarandon zur kleinen Liga der selbstbewussten, aber nicht arroganten Hollywood-Schauspielerin, die in Interviews nicht nur PR-Sprechblasen produzieren. Die gebürtige New Yorkerin steht seit ihren ersten Erfolgen in The Rocky Horror Picture Show (1975) oder Begierde (1983) für niveauvolles Unterhaltungskino. Ist es für Frauen in Hollywood in den letzten Jahrzehnten einfacher geworden, sich durchzusetzen?

Sarandon: „Die überwiegende Zahl der Filme wird noch immer von Männern für Männer gedreht, und das sieht man ihnen auch an. Schauspielerinnen aus meiner Generation bekämpfen sich untereinander nicht, sondern unterstützen sich eher, weil es mit den Männern schon schwer genug ist. Aber die große Wende hin zu mehr attraktiven Rollen für Frauen ist ausgeblieben. Grundsätzlich ist es heute sowohl für männliche wie weibliche Produzenten in sehr schwer geworden, außerhalb des Blockbuster-Bereichs Filme für die amerikanischen Kinos zu produzieren, und dort länger laufen lassen als nur zwei, drei Wochen.“

Für die Rolle einer Gefängnisnonne in Dead man Walking – Sein letzter Gang gewann Sarandon 1995 einen „Oscar“. Bei der Beantwortung der Frage, was die erfahrene Schauspielerin jungen Kolleginnen für die Karriere raten kann, kokettiert die scheinbar alterslose 66-Jährige mit ihrem Amateur-Status: „Da fragen Sie die Falsche, denn ich habe nie eine Schauspielschule besucht. Alles, was ich an Ausbildung hatte, war Theaterspielen während der Collegezeit. Das Entscheidende scheint mir zu sein, dass man weiß, worin die eigenen Stärken liegen, dass man herausfindet, was die eigene Persönlichkeit auszeichnet. Ansonsten ist die Schauspielerei gar nicht so schwer, das kann eigentlich jeder, der etwas Text lernen kann. Das könnten Sie auch. Wirklich wichtig ist, zu wissen, wie man gut einen Koffer packt, weil man so oft unterwegs ist.“

Außerdem grenze es an ein Wunder, dass sie als „eher schüchterne Person, die lieber den ganzen Rummel vermeidet“, noch so gut im Geschäft ist: „Ich habe so ziemlich alles getan, von dem mir Leute gesagt haben: ‚Wenn Du das tust, ist es mit deiner Karriere in Hollywood vorbei‘: Ich habe mit meiner linksliberalen politischen Meinung nie hinterm Berg gehalten. Ich habe meist in schwierigen, unbequemen Filmen mitgewirkt und ich habe auf dem Höhepunkt meiner Karriere Kinder bekommen. Ich wollte hauptsächlich Spaß an meiner Arbeit haben, und das hat geklappt. Aber wenn Sie so wollen, ist mein Plan, alles falsch zu machen, was man als Schauspielerin in Hollywood nur falsch machen kann, grandios gescheitert.“




Susan Sarandon erhält den Ehrenpreis für ihr Lebenswerk beim Filmfestival in Karlovy Vary - Foto (C) Manfred Thomas


Max-Peter Heyne - 14. August 2012
ID 00000006140

Weitere Infos siehe auch: http://www.jeffdernochzuhauselebt.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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