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Filmkritik

Filmstart: 24. April 2014

Gabrielle (CDN 2013)

(K)eine ganz normale Liebe


Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) ist 22 Jahre jung, hochmusikalisch, sprachbegabt, lebensfroh, verfügt über soziale Kompetenz - und leidet am Williams-Beuren-Syndrom. Das ist ein seltener genetischer Defekt auf einem Abschnitt des Chromosoms 7. Neben den genannten Stärken gehören allerdings auch Einschränkungen in der analytischen Intelligenz, Motorik und Alltagskompetenz dazu, weshalb sie mit anderen Behinderten in einer betreuten Gruppe lebt. Ihr Leben ist fast beneidenswert. Sie hat ein inniges Verhältnis zu ihrem Betreuer Laurent (Benoit Gouin) und den anderen Mitbewohnern, geht einer leichten Bürotätigkeit nach, macht Ausflüge, geht schwimmen und singt im Chor. Ihre Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) holt sie häufig ab, dann düsen sie auf Sophies Motorrad durch die Stadt, gehen zum Friseur, skypen mit Sophies Freund in Indien und haben viel Spaß. Und Gabrielle steht vor einem Riesenereignis. Gabrielles Chor „Les Muses“ probt für einen Auftritt beim Chorfestival, und sie werden gemeinsam mit dem in Kanada bekannten Chansonnier Robert Charlebois auf der Bühne stehen.



Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) liebt die Ausflüge mit ihrer Schwester Sophie (Mélissa Désormeaux-Poulin) - Foto © Alamode Film


In diese Beinahe-Idylle treten zwei Ereignisse. Sophie hat sich entschlossen, ihrem Freund nach Indien zu folgen, was einen tränenreichen Abschied zur Folge hat. Und – Gabrielle hat sich in Martin (Alexandre Landry) verliebt, der mit ihr im Chor singt. Martins Mutter unterbindet die Romanze und löst bei beiden großen Liebeskummer aus. Auch Gabrielles Mutter ist mit der aufkeimenden Sexualität ihres Kindes überfordert. Während Martin still leidet, handelt Gabrielle. Sie will eine eigene Wohnung mieten und ein selbstbestimmtes Leben führen, scheitert aber an ihren Defiziten. Auf der Suche nach einer Wohnung verläuft sie sich und wird erst abends auf einer Bank kauernd gefunden.

Die Mütter können ihre Kinder auf Dauer nicht leiden sehen, und so darf Martin beim Chorfestival mitmachen. Gabrielle und Martin nutzen die Gelegenheit und reißen aus. Es geschieht, was die Natur bei jungen Paaren so vorgesehen hat, ohne dass es dabei ausschließlich um den sexuellen Aspekt geht. Neben dem Verlangen stehen die Gefühle und die Sinnlichkeit im Vordergrund. Martin wird von dem nicht-behinderten Schauspieler Alexandre Landry verkörpert, der im Vorfeld viel Zeit mit Gabrielle und anderen Mitgliedern der Gruppe verbracht hat.



Der große Tag: „Les Muses“ treten mit Robert Charlebois beim Chorfestival auf - Foto © Alamode Film


*

„Les Muses“ ist ein real existierendes Zentrum für Bühnenkünste im kanadischen Montréal, in dem geistig Behinderte eine Ausbildung in den Fächern Gesang, Tanz und Schauspiel im Einklang mit den Grenzen ihrer Behinderung erhalten. Dort hat die Regisseurin Louise Archambault ihre Hauptdarstellerin Gabrielle Marion-Rivard kennen gelernt, und auch die meisten Chormitglieder von „Les Muses“ im Film stammen aus dem Zentrum. Archambault wollte keinen Film ÜBER Behinderte sondern MIT ihnen drehen. Dafür hat sie den Dingen oft freien Lauf gelassen. Die Behinderten sind sehr spontan und können sich nur sehr schwer oder gar nicht verstellen. Deshalb hat Archambault die erste reale Begegnung mit dem Chansonnier Robert Charlebois auch so gefilmt, wie sie stattgefunden hat. So brauchte auch Charlebois nicht zu spielen, er konnte er selbst sein und der Funke sprang sofort über.

Die Texte von Charlebois' Liedern sind sehr anspruchsvoll und treffen hier auf eine der Stärken von Menschen mit dem Williams-Beuren-Syndrom, die neben ihrer außerordentlichen Musikalität sehr sprachbegabt sind. Archambault erläutert: „Ich wollte über das Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie von geistig behinderten Menschen reden, deren Alltag im Wesentlichen von ihren Familien und Betreuern bestimmt wird. Vor allem aber wollte ich zeigen, wie sehr ihre Begierden und Emotionen denen von allen anderen Menschen gleichen, kurzum: dass auch sie ganz gewöhnliche menschliche Wesen sind. Als Ausdrucksmittel für ihre seelischen Bedürfnisse wählte ich unter anderem die Musik und den Chorgesang. Die Musik trägt ja in erheblichem Maße dazu bei, die Herzen zu öffnen und das Verlangen zu lieben und geliebt zu werden, anzufachen. Musik ist universell und spricht uns in unserem Innersten an.“

In Gabrielle wird auf eine aufgesetzte Betroffenheit verzichtet, aber auch nichts beschönigt. Die behinderten Menschen sind meistens lebensfroh und leben im Hier und Jetzt; sie sind unverfälscht und haben Sinn für Humor. Aber auch zu ihrem Traurigsein und ihrer Frustration stehen sie. Schade, dass man ihnen das angestrebte Ausmaß an Selbstbestimmung zu ihrem eigenen Schutz nicht gewähren kann. Obwohl es sich um eine fiktionale Geschichte handelt, sind die Begleitumstände der Behinderung authentisch dargestellt.



Gabrielle (Gabrielle Marion-Rivard) und Martin (Alexandre Landry) lieben einander - Foto © Alamode Film


Bewertung:    


Helga Fitzner - 22. April 2014
ID 7766
In Köln findet die Premiere von Gabrielle im Rahmen einer Sondervorführung statt.

Im Cinenova Kino, Herbrandstr. 11 in Köln-Ehrenfeld gibt es am 24. April 2014 um 19:00 Uhr eine Expertenrunde mit Tanja Zahlten vom Bundesverband Williams-Beuren-Syndrom und Gaul-Canjé von der St. Augustiner Behindertenhilfe in Neuss.


Weitere Infos siehe auch: http://gabrielle-derfilm.de/


Post an Helga Fitzner



 

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