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Deutsches Kino

Akrobatisches

Schautanzen

made in DDR



Bewertung:    



Was macht ein pubertierender Breakdancer mit Ambitionen in der DDR-Provinz? Richtig: Er fällt auf wie ein bunter Hund. Die DDR war zwar in politischer Hinsicht ein Ghetto für sich, aber sicher keines, in der flippig-aggressive Rhythmen und provokante Tanzstile blühten. Stattdessen galt die Devise: bloß nicht auffallen! Aus dem Gegensatz zwischen Kopfstand und Konformität bezieht der Spielfilm Dessau Dancers sein (leider etwas bescheidenes) Witz- und (etwas größeres) Unterhaltungspotential.



Dessau Dancers | © Senator Filmverleih


Musikalische Subkulturen hatten es in der DDR besonders schwer, und während im Westen schon „Tod den Hippies, es lebe der Punk“ zelebriert wurde, mussten die Söhne und Töchter der Arbeiter und Bauern doppelte Geduld und Anstrengungen aufbringen, um mit der Musik ihrer jeweiligen Generation in der Gesellschaft etwas zu bewegen. So auch der junge Frank (Gordon Kämmerer), der eines Abends im Jahre 1984 beim Westfernsehen-Gucken mit seinem verwitweten Alten eine Art Erweckungserlebnis hat: Er sieht bei Wetten, dass...? den sogenannten „Robot Man“, einen mechanisch anmutenden Tanz, aufgeführt. Die Mischung aus temporeichen, abgehackten Bewegungen und rhythmischer Exaltiertheit hat es dem gelangweilten Frank auf der Stelle angetan. Das will er auch können!

Schon bald hat Frank sich nicht nur viel von den amerikanischen Ghetto-Vorbildern abgeguckt, er findet auch Verbündete und Konkurrenten, mit denen er und seine Gang sich auf der Straße im tänzerischen Wettkampf messen. Unter den Mitstreitern ist auch die Dame seines Herzen, Matti (süß: Sonja Gerhardt), mit der er aber zunächst nur tänzerischen oder platonischen Umgang pflegt, weil auch sein bester Kumpel Alex (einprägsam: Oliver Konietzny) in die süße Blondine verschossen ist, und beide keinen Zwist heraufbeschwören wollen. Die ärgsten Gegner des bunten Treibens auf offener Straße sind ohnehin die Mitarbeiter von „Horch & Guck“ und ausgerechnet auch Franks Vater, der dem Spaß aus Resignation und Unverständnis hilflos und ablehnend gegenübersteht.

Die Staatsmacht fühlt sich von den unkontrolliert und auf offener Straße ausgetragenen Breakdance-Battlen zunehmend bedroht und versucht die Tänze zu domestizieren. Zunächst können sich Frank und seine Truppe noch mit Hinweisen auf die Ursprünge ihres Hobbys als Ausdrucksmittel der im Kapitalismus Geknechteten ("echte" Negermusik!) berufen und sich so vor Repressionen schützen. Ausgerechnet die verknöcherte Altherrenriege der SED-Bezirksleitung versucht, die Jugendlichen zu domestizieren, indem sie ihnen einen Trainer (großartig als lavierender Turnlehrer ohne Schimmer von Gegenkultur: Rainer Bock), Tourneen und FDJ-Clubs als Auftragsorte organisiert, schließlich auch bürgerliche Privilegien wie 2-Raum-Wohnungen anbietet.



Dessau Dancers | © Senator Filmverleih


Mit der korrumpierten Art des „akrobatischen Schautanzens“ will die Bezirksleitung Meriten sammeln und zugleich das Protestpotential verpuffen lassen. Wie die Breakdancer bald merken, hat das Kuscheln und Mauscheln mit den Mächtigen in einem autoritären Regime enge Grenzen und zerreißt zudem die Gruppe – mit der Blondine als weiteren Keil…

In der seit Good-Bye, Lenin! und Sonnenallee etablierten Mischung aus DDR-Abgesang und nostalgischer Rückbesinnung auf eine trotzige Jugendzeit klingt sich auch Dessau Dancers ein, ohne freilich nur annähernd deren Schwung und Tiefe zu erreichen. Zu flach sind sämtliche Figuren und zu vorhersehbar sind die Entwicklungen in dieser Geschichte geraten. Auch ist der Debütfilm von Jan Martin Scharf, Absolvent der Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM), als Spielfilm nicht so aufschlussreich wie der wunderbare Dokumentarfilm This ain’t California über die Skateboard-Fans der DDR. Allerdings entschädigt der Film dies auf der Tonebene, die ein (inzwischen historisch zu nennendes) Potpourri aus Break- und frühen Rap-Stücken abfeuert. Eigentlich ist der Film den schematisch eine schmissige Nummer nach der anderen raushauenden Bühnenmusicals ähnlicher als den anderen Spielfilmen, die auf eine gesamtdeutsche Verbrüderung vermittels eines gemeinschaftlichen „So absurd war die DDR“-Gefühls appellieren. Vor allem die Szenen mit den Gastauftritten Wolfgang Stumphs (als piefiger Honecker-Verschnitt) sind gelungene Miniaturen, weil sie den Surrealismus des Potemkin’schen Dorfes DDR auf die Spitzen treiben und das Lachen im Halse stecken lassen bleiben.



Dessau Dancers | © Senator Filmverleih

Max-Peter Heyne - 18. April 2015
ID 8583
Weitere Infos siehe auch: http://www.senator.de/movie/dessau-dancers


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