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Rezension


Des Guten zu viel ist wunderbar: Michel Gondry lässt es mit Der Schaum der Tage mal so richtig aufschäumen




Alles so verspielt hier

Michel Gondry ist wie viele große Regisseure – man denke nur an Keaton, Tati, Fellini oder Roberto Benigni – ein großes Kind. Er liebt das Verspielte, Überbordende, Entfesselte. Sein Zuhause ist die Welt der Einbildungskraft, die die Grenzen des langweilig Realen überschreitet.

Wir verdanken ihm einige der fantasievollsten Filme der letzten Dekade: Vergiss mein nicht! (2002), The Science of Sleep – Anleitung zum Träumen (2006), Abgedreht (2008). Nur durch ihn schien eine adäquate Verfilmung des 1946 erschienenen Kultromans Der Schaum der Tage seines Landsmannes Boris Vian, Musiker, Schriftsteller und früh verstorbener Bohemien, möglich. Jetzt ist sie da – und viele maulen über das Zuviel an Verspieltheit, die vermeintliche Selbstzweckhaftigkeit der Effekte. Zu Gondrys Verteidigung ist zu sagen: Wenn er übertrieben hat, dann auch Vian. Zweitens: Die Geschichte – verschrobener Junge verliebt sich in reizendes Mädchen, die schwer erkrankt und dann Love-Story-mäßig dahinscheidet – ist ohne eine hohe Dosis an Spezialeffekten wenig originell. Drittens: Wenn die Effekte so kindisch-verspielt und charmant-altmodisch sind wie hier (Stop-Motion-Einzelbildaufnahme für Bewegungen aus Zauberhand, erkennbar artifizielle Kulissen, Menschen in Mauskostümen und vieles, vieles mehr), wird der Selbstzweck wiederum zu einem Zweck ganz eigener Art: der der willentlichen Übertreibung, die keine gestalterischen Grenzen akzeptiert.




Dreharbeiten beim Schaum der Tage - Foto (C) StudioCanal

Audrey Tautou und Romain Duris in Der Schaum der Tage - Foto (C) StudioCanal

Der Schaum der Tage - Foto (C) StudioCanal



Das des Guten zuviel, das Showpianist Liberace (siehe unsere Rezension) Abend für Abend auf den Bühnen Las Vegas beschwor, zelebriert auch Michel Gondry auf der Leinwand. Maßhalten ist seine Sache nicht; kaum ein einzelnes Bild, in dem die Realität nicht überhöht, verzerrt, ironisiert und ad absurdum geführt wird: Die wie ein alter Zugwaggon aussehende Wohnung des schüchternen Helden verfügt über ein rasantes Tischlein-deck-Dich und eine von Orgelklängen angetriebene Cocktailmaschine. Das Paar Collin und Chloé verliebt sich auf einer Party, bei der den Gästen bei jazzigem Soul Riesenbeine wachsen. Geheiratet wird nach einem wilden Seifenkistenrennen quer durch die Hallen der Kathedrale. Die Flitterwochen erlebt man halb sonnig, halb verregnet (im gleichen Bild!). Der Kult-Philosoph Jean-Saul Parte hält wie ein Roboter bei den ihn bewundernden Massen Hof. Die tragische Erkrankung der Heldin symbolisiert ein alles umschlingendes, verdunkelndes Riesengewächs.

Vielleicht ist es Geschmackssache, ob diese Orgie der Fantasie des Guten zu viel, also unverdaulich ist. Ich wage einmal die steile These, dass visuell verspielte Filme für Erwachsene, dem an der Schriftkultur geschulten oder orientierten (um nicht zu sagen: "verbildeten") Bildungsbürgertum nie besonders gefielen. Heute als Klassiker anerkannte Werke wie Abel Gance‘ Napoleon (1927), Fritz Langs Metropolis (1927), Disneys Fantasia (1940), Tatis Playtime (1967) oder Terry Gilliams Time Bandits (1980) waren bei ihrer Erstaufführung veritable Flops der Filmgeschichte. Selbst Kubricks rauschhafter 2001 – Odyssee im Weltraum (1968) konnte seinerzeit nicht die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen. (Allein Karel Zeman, als dessen legitimer Nachfolger Michel Gondry gelten darf, wurde nicht nur in der Laterna-Magica-Hochburg Tschechien wegen seiner besonderen, artifiziellen Stilistik geschätzt.) Erst das kommerzielle Geschick der Generation des "New Hollywood", darunter Steven Spielberg, und George Lucas, und die digitale Tricktechnik legitimierten visuell überbordende Filme als legitime Alternative gegenüber der schalen Fernsehästhetik.

Zugegebenermaßen ist der Kitt, der die vielen Spielereien in Der Schaum der Tage zusammenhält, deutlich dünner als in den genannten Filmen. Selbst das französische Publikum hatte wohl eine weniger überdrehte, geerdetere Version des Vian-Kultbuches erwartet oder hat Gondry nicht verziehen, dass ihre Stars Romain Duris (Mademoiselle Populaire), Audrey Tatou (Die fabelhafte Welt der Amelie) und Omar Sy (Ziemlich beste Freunde) nicht viel mehr sind als Teil der grandiosen Dekoration. Jedenfalls floppte Der Schaum der Tage in Frankreich, weswegen alle Hoffnungen auf dem Ausland liegen. Wir als Deutsche können die Verfilmung des Kultbuches unbefangener anschauen und sollten uns willig verzaubern lassen. Sinnfreie amerikanische Action- und Special-Effect-Orgien und dröge deutsche Familiendramen haben wir genug!



Bewertung:    




Max-Peter Heyne - 6. Oktober 2013
ID 7224

Weitere Infos siehe auch: http://www.studiocanal.de/kino/der_schaum_der_tage


Post an Max-Peter Heyne




 

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