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Rezension


Filmstart: 5. September 2013

Der Fall Wilhelm Reich (D/A 2012)




Dein Reich komme

Die Filmbiografie über den umstrittenen Psychiater und Sexualforscher Wilhelm Reich weckt viel Interesse, ihre "orgastische Potenz" hält sich aber in Grenzen.

Hatten Sie heute schon Sex? Trösten Sie sich, ich auch nicht! Das ist nicht nur schade, sondern tendenziell auch ungesund, was zu Zeiten unserer Urgroßeltern so eindeutig noch nicht ausgesprochen wurde. Einer, der sich traute, Sexualität als wichtige Kraft für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit zu bezeichnen, war der angehende österreichische Psychiater Wilhelm Reich (1897-1957). Er wurde schon als junger Student vom Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, 1920 in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen, wo er eine lebenslange Karriere als wissenschaftlicher Provokateur und rebellischer Sturkopf begann.

Noch stärker als sein Lehrmeister sah Reich in einem gesellschaftlich-familiär unterdrückten Sexualtrieb, „der orgastischen Impotenz des Menschen“, die Ursache für psychische, aber auch physische Erkrankungen – und sei es Krebs. Was bei Freud die „Libido-Ökonomie“ war, erkor Reich zum „Orgon“, einer Art libidinöser Lebensenergie, die sich als naturgegebene Kraft entfalten müsse, damit der Mensch glücklich werden kann. Diese und andere ganzheitlichen Theorien liegen heute als Esoterik-Leitfaden auf jedem Grabbeltisch im Buchhandel, waren aber in den 1920er Jahren gesellschaftspolitischer Sprengstoff. Freud reagierte (wie in solchen Fällen üblich) vergrätzt auf die theoretischen Eskapaden seines Schützlings, der auch kommunistischen Idealen nahestand und die Bewegung für „Proletarische Sexualpolitik“ (Sexpol) gründete, woraufhin ihn sowohl die Psychoanalytiker aus ihrem internationalen Fachverband als auch die Kommunisten aus der KPD hinausschmissen.

Kaum waren diese Meriten gesammelt, wurde es für den Juden Wilhelm Reich wirklich lebensgefährlich, denn die Nationalsozialisten, in denen er die Verkörperung der von ihm angeprangerten, unmenschlichen Sexualfeindlichkeit sah, hatten die Macht ergriffen und verbrannten auch seine Bücher. Reich floh über Umwege ins amerikanische Exil, wo er dank eines Lehrauftrags in New York in der amerikanischen Provinz immerhin ein eigenes Institut gründen konnte. Seine Weiterentwicklung der Forschungen im Bereich der Psychosomatik bzw. körperorientierten Therapieverfahren führte Reich bisweilen auch in den Obskurantismus und die Pseudo-Wissenschaftlichkeit.

Unter anderem konstruierte Reich einen holzverkleideten Kasten zum Hineinsetzen, den so genannten Orgonakkumulator, der helfen sollte, die positiven, neurobiologischen „Orgonkräfte“ des Patienten zu sammeln und zu stimulieren (Bauanleitungen kursieren im Internet). Science-Fiction-Fans sei gesagt, dass es sich um eine sehr, sehr viel harmlosere Variante des „Orgasmatrons“ des tyrannischen Wissenschaftlers Durand-Durand handelt, der in den Barbarella-Comics und ihrer Verfilmung von 1968 auftaucht. Und ähnlich wie Durand-Durand meinte auch Wilhelm Reich – für den die menschliche Orgon-Energie letztlich Teil der kosmischen Gesamtenergie sei – mittels einer gewaltigen Röhrenkonstruktion, den „Cloudbuster“, sogar das Wetter beeinflussen zu können (siehe dazu wiederum das Musikvideo zum gleichnamigen Song von Sängerin Kate Bush).



Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle des Filmes Der Fall Wilhelm Reich - Foto (C) Verleih Movienet Film GmbH, München

Klaus Maria Brandauer und Julia Jentsch in Der Fall Wilhelm Reich - Foto (C) Verleih Movienet Film GmbH, München

Der Fall Wilhelm Reich - Foto (C) Verleih Movienet Film GmbH, München



Angeblich hatte Reich mit dem Regenmachen zumindest einmal Erfolg und erhielt von benachbarten amerikanischen Farmern Geldprämien. Ansonsten geriet der Verfolgte selber vom Regen in die Traufe: War er im Deutschen Reich als Jude gebrandmarkt, galt er im politisch aufgeheizten Klima der USA der 1950er Jahre als unbelehrbarer Kommunist und gefährlicher Dr. Frankenstein. Reichs tragisches, von ideologischem Starrsinn auf beiden Seiten befeuertes Scheitern, ist das eigentliche Thema der Filmbiografie Der Fall Wilhelm Reich. Aus ökonomischen Gründen beschränkt sich die Handlung auf Reichs letzte Lebensjahre im Exil, wo er zunehmend in die wissenschaftliche und persönliche Isolation und wegen fortgesetzter, trotziger Nichtbeachtung von Benutzungsverboten seines Orgonakkumulators ins Gefängnis gerät. Dort stirbt er nach zwei Jahren Haft unter myteriösen Umständen. Ein Mordkomplott der fiesen Ausspähtruppe vom FBI? Falls ja, so würde das heutzutage wohl niemanden mehr überraschen.

Der österreichische Drehbuchautor und Regisseur Antonin Svoboda (Immer nie am Meer) legt einiges Augenmerk auf die Bespitzelung und Bekämpfung Wilhelm Reichs durch die verschiedenen amerikanischen Behörden – die sich im Film in der Wahl ihrer Mittel nicht viel nehmen. Dadurch kann Svoboda viel Zeitkolorit einflechten und eben jene gesellschaftlichen Zustände ansprechen, die Reich mit dafür verantwortlich machte, das eine Bevölkerung von Staatswegen demagogisch vergiftet statt von Ängsten befreit wird. Dass der renitente Reich für ein Nachgeben und Einlenken charakterlich nicht geschaffen war, gipfelt im Film in der erschütternden Szene, in welcher die Schriften des Psychiaters auch in den USA vernichtet werden. So stellt der Spielfilm ungewohnt deutlich dar, dass das Exil für viele Europäer, neben Reich auch für Bertolt Brecht, Heinrich Mann oder Lion Feuchtwanger, eben kein Paradies, sondern nur ein Refugium war, das unter der antikommunistischen Hetze durch Senator Joseph McCarthy schnell ungemütlich wurde.

Zum politischen Themenkomplex gehört auch die willfährige Kooperation des amerikanischen Psychiater-Verbandes mit den US-Geheimdiensten zugunsten der Entwicklung (beim CIA noch heute gebräuchlicher) perfider Verhörmethoden. Dazu stellt Antonin Svoboda Wilhelm Reich einen skrupellosen, karrieregeilen Antagonisten gegenüber, der anders als Reichs kein positives Programm der Emanzipation des Menschen verfolgt, sondern auf Manipulation und Machtausübung setzt. Gegenüber diesem Mephisto-Arzt erscheint Reich als liebenswerter Spinner, der keinen Schaden angerichtet hat. Vielleicht eine Schwarz-Weiß-Malerei, aber sie verleiht dem Film dramaturgischen Pfeffer, von dem es in der distanziert und allzu nüchtern erzählten Story insgesamt viel zu wenig gibt.

Für die Biografie eines so eigenwilligen und leidenschaftlichen Charakters wie Wilhelm Reich, der stets von der Jagd nach dem Geheimnis der menschlichen Lebensenergie beseelt war, wirkt die Filmhandlung über weite Strecken zu brav und temperamentlos inszeniert. In Margarethe von Trottas ähnlich behäbig gedrehter Filmbiografie über ein anderes, glücklicheres Leben in der amerikanischen Emigration – das von Hannah Arend – flogen immerhin noch zwischen einigen Figuren ihres Ensembles die Fetzen. Regisseur Svoboda hingegen scheint seine Schauspieler nicht genügend ermuntert zu haben, aus dem Korsett seiner oft spannungsarmen Dialoge auszubrechen. Selbst Klaus-Maria Brandauer – gleichwohl glaubwürdig – spielt eine Spur zu zurückhaltend. Immerhin ermuntert der faktenreiche Film dazu, sich mit dem Leben und Werk Wilhelm Reichs, den Exilschicksalen während der McCarthy-Ära und den Machenschaften der Psychiatrie im Kalten Krieg intensiver zu beschäftigen. Das ist nichts Geringes, auch wenn es an Orgonkräften auf der Leinwand mangelt.


Max-Peter Heyne - 6. September 2013
ID 7123

Weitere Infos siehe auch: http://www.reich-derfilm.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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