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Rezension


Filmstart: 27. Dezember 2012

Cäsar muss sterben (Italien 2011)

Regie: Paolo und Vittorio Taviani



Gefangene der Politik

Die Strafanstalt Rebibbia in Rom ist das am strengsten bewachte Hochsicherheitsgefängnis Italiens. Wer hier einsitzt, kommt erst in vielen Jahren oder nie wieder dort heraus. Als die italienischen Regieveteranen Paolo und Vittorio Taviani nun ausgerechnet dort eine Theateraufführung besuchten, die der Bühnenregisseur Fabio Cavalli mit einigen der Insassen dort inszeniert hatte, war die Idee für ihr nächstes Filmprojekt geboren. Sie wollten die Häftlinge bei einer weiteren Inszenierung mit der Kamera begleiten. Das Sujet war schnell klar: Julius Cäsar. Der düstere Politikthriller von William Shakespeare basiert auf realen Ereignissen, ist in Rom angesiedelt, er handelt von Macht, Machtmissbrauch, Freundschaft, Verrat, Ehre, Mord und der Ausweglosigkeit. Das alles würde den künftigen Darstellern bekannt sein, die alle eine Vorgeschichte als Schwerverbrecher oder Mörder hinter sich haben und sich mutmaßlich im organisierten Verbrechen – bei Shakespeare in der Politik – gut auskennen dürften.



Theateraufführung im Hochsicherheitsgefängnis - Foto © Camino Filmverleih



Cäsar (Giovanni Arcuri) will Diktator auf Lebenszeit werden und greift nach der Krone. Das ruft die Verfechter der Republik auf den Plan, allen voran Senator Cassius (Cosimo Rega), der Cäsars Herrschaftsansprüche unterbinden will und ein Attentat auf ihn plant. Um den Mord später rechtfertigen zu können, gibt sich Cassius viel Mühe, Cäsars Günstling Brutus (Salvatore Striano) von der Notwendigkeit der Tat zu überzeugen, weil Brutus einen ausgezeichneten Ruf als Mann von Ehre hat. Nach schwerem Ringen mit seinem Gewissen erklärt sich Brutus einverstanden und beteiligt sich an Cäsars Tötung. Danach entgleisen die Dinge. Markus Antonius (Antonio Frasca) entlarvt den vermeintlichen Mann von Ehre als Verräter und Mörder. Politik ist ein erbarmungsloses Geschäft, bei dem auch ein Brutus auf Dauer nicht sauber bleiben kann, schon gar nicht, da er den Weg der Gewalt gegangen ist, egal wie „ehrbar“ seine Absichten gewesen sein mögen. - Shakespeare zeigt, dass der Zweck eben nicht die Mittel heiligt, denn das letzte Wort im Stück hat Oktavius, der nach diesen historischen Ereignissen als Augustus zum Kaiser und Gott avancierte. Es war so und so alles umsonst. Das Ende der Republik war nicht abzuwenden.





Theaterprobe: Die Ermordung Cäsars - Foto © Camino Filmverleih



Die finsteren Räumlichkeiten des Hochsicherheitstraktes werden in Schwarz-Weiß gezeigt. Das Spiel von Licht und Schatten, die klaustrophische Enge der Zellen und Gänge, die Mauern und Gitter werden der trostlosen Atmosphäre des Stückes gerecht. Einzig die Aufführung selbst wurde in Farbe gedreht, jener gloriose Moment des Erfolgs und des temporären Heraustretens ins Licht. Die Leistung der Laiendarsteller ist beachtenswert, weil sie tief in ihr eigenes Selbst schauen mussten, um ihre Rollen spielen zu können. Als Cäsar von einer ganzen Meute erstochen wird, fragt man sich als Zuschauer schon, ob einer oder mehrere der Schauspieler schon getötet haben, was angesichts ihrer langen Haftstrafen wahrscheinlich ist. Was mag es heißen, diesen Moment noch einmal zu evozieren und spielerisch in die Tat umzusetzen. Die Taviani-Brüder erklären dazu: „Die Männer, mit denen wir arbeiteten, hatten alle eine Vergangenheit von Schuld und Verbrechen, von beschädigten Werten und zerbrochenen Beziehungen. Auch Shakespeare bringt in ‚Julius Cäsar’ die großen Themen auf, die Menschen verbinden und entzweien: Freundschaft und Verrat, Macht und Freiheit, Zweifel. Und das Verbrechen, den Mord. Zwei Welten, die sich irgendwie spiegeln“.




Zwischen Proben und Gefängnisalltag - Foto © Camino Filmverleih



Shakespeares Stück und Tavianis Film zeigen klar, wohin eine Politik führt, die auf Machterwerb, Machterhalt und Machtausweitung gerichtet ist. Sie ist nicht zu bremsen, indem man die selben Mittel anwendet. Am Schluss sagt der Darsteller des Cassius Cosimo Rega: „Seit ich der Kunst begegnet bin, ist diese Zelle für mich ein Gefängnis geworden.“ So lange es aber eine Politik gibt, in der die Volksvertreter nicht dem Volk und der Problemlösung dienen, sondern ihren eigenen Machtinteressen, ist auch die Welt eine Art von Gefängnis. Was uns die Laiendarsteller des Politiktheaters im Wahljahr 2013 auftischen, dürfte weniger erfreulich werden, als dieser subtile Genremix aus Dokumentation und Spielfilm, der darüber hinaus noch als gelungene Shakespeare-Verfilmung Geltung hat.


Helga Fitzner - 6. Januar 2013
ID 6466
Der Film gewann den Goldenen Bären auf der Berlinale 2012 und ist als italienischer Beitrag für den Academy Award 2013 als Bester fremdsprachiger Film nominiert.

Weitere Infos siehe auch: http://www.caesarmusssterben.-film.de


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