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Rezension

Endlich einmal wieder ein rundum gelungener Film über eine alles verzehrende Liebe und Leidenschaft: Blau ist eine warme Farbe





I’m Blue for You

Ich weiß ehrlich nicht, warum ernst zu nehmende, also nicht albern oder zynisch erzählte Liebesgeschichten im Kino so selten geworden sind. Außer Blau ist eine warme Farbe fällt mir für 2013 spontan nur noch Laurence Anyways ein, der allerdings auch einer der besten Filme des Jahres war (die DVD mit zahlreichen Extras erscheint am 23. Januar 2014!). Das Drama um einen Transvestiten, der gleichwohl heterosexuell empfindet und seine Freundin heiß und innig liebt, wurde von Regisseur Xavier Dolan ebenfalls in Überlänge und anhand vieler intensiver Momente erzählt. Stilistisch aber nutzte Dolan von Zeitlupen- über surreale bis hin zu Verfremdungseffekten ein Feuerwerk an unterschiedlichen Gestaltungsmitteln, während sich Blau-Regisseur Abdellatif Kechiche fast nur auf ein einziges konzentriert: Die Großaufnahme, die der Filmtheoretiker André Bazin als „Affektbild“ bezeichnete, in denen das Gesicht „als Einschreibfläche“ für emotionale Intensität fungiere, die so in keiner anderen erzählerischen Kunstform möglich sei.




Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux in Blau ist eine warme Farbe - Foto (C) Wild Bunch Germany



Und in der Tat: Regisseur Kechiche lässt den Zuschauern und Zuschauerinnen mit seinem ästhetischen Konzept keine große Wahl, als sich den Protagonistinnen seines Films bedingungslos auszuliefern. Zum einen hat das sicherlich damit zu tun, dass er emotionale Barrieren zwischen einem hetero- oder homosexuellen Publikum gar nicht erst dulden will. Zum anderen hat er mit Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux (Mission Impossible: Phantom Protokoll) so fähige, natürlich agierende Schauspielerinnen gefunden, dass die unmittelbare Konfrontation mit deren Gesichtern zur Ehrlichkeit und "Reinheit" des Films beiträgt. Zum Beispiel guckt Adèle oft träumerisch-unsicher durch die Gegend – was ihre Unerfahrenheit kenntlich macht – oder aber sie weint derart heftig, dass ihr der Rotz aus Mund und Nase läuft – was ihre Sensibilität unterstreicht.

Zu Beginn der Geschichte ist Adèle, aus deren Perspektive erzählt wird (der französische Originaltitel weist ausdrücklich darauf hin), erst 17 Jahre, offenkundig sehr sensibel und nachdenklich. Sie hängt mit ihrer Freundinnenclique herum, liest gerne alte Liebesromane, will ihren Schulabschluss über die Runden bringen und wirkt oft etwas geistesabwesend. Sie scheint also so zu sein wie die meisten Mädchen in ihrem Alter, wenn da nicht eine tiefe Verunsicherung wäre, was ihre sexuellen Neigungen betrifft. Denn wer ihr Herz höher schlagen lässt, sind nicht die netten Jungs in ihrer Umgebung, sondern eher die netten Mädchen. Vor allem eine selbstbewusste Lesbe mit blau gefärbten Haaren, Emma, erregt ihre Aufmerksamkeit. Adèle braucht allerdings eine ganze Weile, bis sie sich traut, zu ihren Gefühlen zu stehen und sich auf Emma einzulassen. Die ist eigentlich schon gebunden, verfällt der Jüngeren aber ebenso schnell wie umgekehrt. Mit der lesbischen Künstlerin Emma tritt ein Mensch in Adèles Leben, der ihr Mut gibt, zu sich selbst zu stehen, sie selbstbewusster werden und sie reifen lässt, ihr neue Wege aufzeigt, vor allem aber: Sie lieben lässt.




Adèle Exarchopoulos - Foto (C) Wild Bunch Germany



Die Heftigkeit der Leidenschaften zeigt Regisseur Kechiche unverblümt anhand mehrerer Bettszenen, die sich zwar ganz natürlich aus der Zuneigung der Frauen zueinander ergeben (die vermittels Großaufnahmen zärtlicher Blicke illustriert wird), aber durch ihren pornografischen Naturalismus zugleich aus dem Gesamtkontext herausstechen (und einige Zuschauer zum befreienden Lachen nötigt, andere eher befremdet). Adèles tief in ihrem Charakter gründende Unerfahrenheit und Unsicherheit ist mit dieser einen Partnerschaft indes nicht vom Tisch, was schließlich zu einem folgenschweren Fehltritt führt, der die junge Frau in eine erneute Achterbahnfahrt der Gefühle katapultiert. Und weil intensive Gefühle per se komplex und Liebe kompliziert ist, steigert sich die einfache Geschichte zu einer ergreifenden Allegorie über das Leben an sich.

Kechiche zeigt die Sehnsucht nach dem Erkannt-Werden durch einen geliebten Menschen, die Wonnen leidenschaftlicher Sexualität – die gleichwohl individuelle Gefühle von Angst und Einsamkeit nicht vollständig kompensieren können – und die tiefe Verzweiflung, die alle psychischen und physischen Reserven aufzuzehren vermag, wenn tiefgehende Liebe versiegt oder aufs Spiel gesetzt wird. Dass es dabei um ein lesbisches Paar geht, ist für das Auf und Ab der Liebesgeschichte eher mittelbar von Bedeutung. Doch natürlich spielt die Frage der Toleranz in vielen Szenen eine Rolle: Drehbuch und Regie sind ehrlich und zeigen, dass insbesondere die vermeintlich junge Generation, also Adèles Mitschüler, aus Unsicherheit und Abgrenzungsverlangen letztlich intoleranter sind als die Erwachsenen. Mit der Fokussierung auf die Emotionen und die Einzelschicksale Emmas und Adèles vermeidet die Inszenierung jedes Pamphlet, sondern kann es elegant den Zuschauern überlassen, die Schlussfolgerung zu ziehen, was Intoleranz oder mangelnder Respekt gegenüber diesen Frauen und generell gegenüber allen Minderheiten letztlich bedeutet: nämlich der anmaßende Versuch, über Andere und ihre individuellen Gefühle richten zu wollen.




Léa Seydoux - Foto (C) Wild Bunch Germany



Dass diese Versuche in vielen Ländern der Erde derzeit sogar justitiabel gemacht werden, bietet Anlass zu größter Sorge, was die aktuelle sozialpolitische Bedeutung des Films noch unterstreicht. Die Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe scheint aber insbesondere künstlerisch ebenso gerechtfertigt wie die Preise für die Besten Darstellerinnen an Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos beim Wettbewerb von Cannes 2013. Der Film basiert auf einem französischen Comic von Julie Maroh, den ich nicht kenne, aber jetzt gerne lesen würde, um Vergleiche zu ziehen (deutsche Ausgabe: Splitter Verlag. Bielefeld 2013, 19,80 €).


Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 23. Dezember 2013
ID 7486
Weitere Infos siehe auch: http://www.alamodefilm.de/kino/detail/blau-ist-eine-warme-farbe.html


Post an Max-Peter Heyne



 

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