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Rezension


Wie die Diskriminierung von Minderheiten in Südosteuropa lebensgefährlich werden kann, zeigt der BERLINALE-Abräumer Aus dem Leben eines Schrottsammlers




Eure Armut kotzt uns an

Man kann auch Menschen wie Schrott behandeln. Zum Beispiel, in denen man ihnen zu verstehen gibt, dass man ihre bloße Existenz für wertlos hält. Oder ihnen verdeutlicht, dass sie in einem bestimmten Umfeld schlichtweg unerwünscht sind, wenn sie nicht Vorstellungen von ökonomischer Nützlichkeit entsprechen. Angesichts der überwiegend mitleidlosen Reaktionen der Europäischen Gemeinschaft auf die Flüchtlingstragödie vor der Mittelmeerinsel Lampedusa hat der soeben gestartete, neue Film des renommierten bosnischen Regisseurs Danis Tanovic, Aus dem Leben eines Schrottsammlers, eine erweiterte und geradezu beängstigende Aktualität erhalten. Denn auch Tanovic, der für sein in Deutschland weitgehend unbeachtetes Bosnien-Bürgerkriegsdrama No Man’s Land 2002 den „Oscar“ für den Besten ausländischen Film erhielt, zeigt ein erschreckendes Ausmaß an Ignoranz und Mitleidlosigkeit gegenüber Menschen, die in ärmlichen Verhältnissen an Rande der Gesellschaft leben.




Nazif Mujic und Senada Alimanovic in Aus dem Leben eines Schrottsammlers - Foto (C) drei-freunde



Was der Aussage des Films zusätzliche Brisanz verleiht: Die kleine, aber hochdramatische Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit. Als Tanovic von den Erlebnissen eines Schrotthändlers und seiner Familie, Angehörige der Roma, erfuhr, entschloss sich der Regisseur spontan, sie filmisch nachzuerzählen und so einer großen Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zugunsten einer möglichst starken Authentizität ist der Film betont schnörkellos, ästhetisch nüchtern und dramaturgisch geradlinig inszeniert, wobei die Laiendarsteller eine Episode aus ihrem eigenen Leben nachspielen. Der knorrige Charme und die trotzige Unbeirrbarkeit Nazif Mujic‘ half der Familie in der Realität beim Überleben. Auf der BERLINALE verhalf sie Mujic zum Silbernen Bären als bester männlicher Darsteller, was bei Medienvertretern und Filmteam für Genugtuung sorgte, denn die Auszeichnung kann der am Existenzminimum lebenden Familie zumindest zu mehr Respekt und Anteilnahme verhelfen.




Senada Alimanovic in Aus dem Leben eines Schrottsammlers - Foto (C) drei-freunde



Genau das wurde der Familie vor einigen Jahren in ihrer bosnischen Heimat verwehrt, als Nazifs Frau Senada Alimanovic während der Schwangerschaft ihr ungeborenes Kind verlor. Schon vorher war das Leben für die Roma in der bosnischen Provinz kein Zuckerschlecken: Vater Nazif schlachtet Autos aus, Mutter Senada besorgt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder. Brennholz und abgezwackter Strom sorgen für bescheidene Lebensverhältnisse, die durch den harten Winter in dieser Region permanent bedroht sind. Der tote Embryo wurde für die Mutter lebensgefährlich, doch da die Roma-Familie über keine gültige Krankenversicherung oder genügend Bargeld für die dringende Operation verfügte, weigerte sich das Ärztepersonal umliegender Kliniken mehrfach, die Frau zu behandeln – wohl wissend, was das für sie im Endeffekt bedeuten würde.

Ich gebe zu, dass ich während der Weltpremiere in der ersten Viertelstunde im BERLINALE-Palast den Eindruck hatte, hier würde mir ein schwerblütiges, zeigefingriges Sozialdrama aus einem korrupten, wirtschaftlich heruntergekommenen Osteuropa präsentiert, das ich in ähnlicher Form schon dutzendfach gesehen hatte. Eine voreilige, vorurteilsbelastete Einschätzung, wie sich bald herausstellte: Nicht nur nahm die Geschichte an Dramatik zu. Denn die schnörkellosen Alltagsbeschreibungen, die Regisseur Tanovic aneinanderreiht, bestehen auch aus diversen absurden und komischen Momenten, in denen der Überlebenswille der Figuren beeindruckt. Und letztlich gibt es Situationen, die schlichtweg sprachlos machen. Wir, die wir das Privileg haben, nicht (andauernd) mit Überleben, sondern mit Filmen-Gucken beschäftigt zu sein, sollten uns hin und wieder derer erinnern, die sich ihr Schicksal nicht aussuchen konnten. Und uns für unseren Innenminister, dem dazu nur Abschottung einfällt, schämen.




Senada Alimanovic und Nazif Mujic in Aus dem Leben eines Schrottsammlers - Foto (C) drei-freunde



P.S.: Ein aktueller Rot-Kreuz-Bericht spricht von 43 Millionen Europäern, die sich kein Essen leisten können.



Bewertung:    



Max-Peter Heyne - 11. Oktober 2013
ID 7250

Weitere Infos siehe auch: https://www.facebook.com/AusDemLebenEinesSchrottsammlers?ref=hl


Post an Max-Peter Heyne



 

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