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Rezension

Eine märchenhafte Geschichte mit zu wenig Grimm - die Nick Horby-Bestsellerverfilmung A Long Way Down




Falls fallend Du vom Dach

verschwandest…

Wenn sich ein Mensch aus dem Bekannten- oder gar Freundeskreis das Leben nimmt, ist das ein Schock – und leider spreche ich dabei aus Erfahrung. Erst in solchen Momenten wird klar, dass der Versuch, die Gefühls- und Gedankenwelten eines Mitmenschen zu verstehen oder nachzuvollziehen an enge Grenzen stößt, selbst wenn man sich noch so viel Mühe gibt. Der britische Bestsellerautor Nick Hornby (High Fidelity, Fever Pitch) hatte sich 2005 an das ungewöhnliche Vorhaben gewagt, in Tagebuchform und Ich-Perspektive(n) die Lebenssituationen von vier Verzweifelten zu schildern, die sich umbringen wollen. Da alle dieselbe Zeit und denselben Ort für ihr Vorhaben wählen – an einem Silvesterabend auf dem Dach eines Londoner Hochhauses – treffen sie unvermutet aufeinander, kommen ins Gespräch und beschließen einen Pakt: Zumindest sechs Wochen lang, bis zum Valentinstag, wollen die Vier am Leben bleiben und herausfinden, ob sich das Weiterleben lohnt.

Diese an sich schon bizarre, sehr unwahrscheinliche Ausgangssituation (wenn schon, wäre die Golden Gate Bridge in San Francisco der geeignetere Schauplatz gewesen) verdeutlicht, dass der für seinen alltagssprachlichen, frech-humorigen Stil berühmte Hornby in seinem Buch A Long Way Down das Thema Depression und Suizid bewusst als schwarzhumorige Tragikomödie abhandelt anstatt als Drama. Die gänzlich verschiedenen vier Hauptcharaktere des Buches ermöglichen Hornby, ein Kaleidoskop individueller Schicksale und Motive aufzublättern und dem ernsten Thema zumindest durch die Multiperspektivität gerecht zu werden: Die junge, temperamentvolle Jess (gespielt von Imogen Poots) liegt mit ihren konservativen Eltern und ihrer gesamten Umwelt seit dem Verschwinden ihrer Schwester im Clinch. Der einst populäre Fernsehmoderator Martin (schön schleimig: Pierce Brosnan) steht nach der medialen Aufdeckung seiner Affäre mit einer Minderjährigen vor dem Nichts. Die biedere Maureen (Toni Collette) ist durch die 24stündige Pflege ihres schwer behinderten Sohnes seelisch und physisch aufgezehrt. Der Mitdreißiger JJ (Aaron Paul, bekannt aus Breaking Bad) gibt sich als todkrank aus, scheint aber andere Motive für seine Todessehnsucht zu haben.




(C) DCM Filmdistribution GmbH

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Für die Verfilmung konnte Drehbuchautor Jack Thorne die strenge subjektive Gliederung von Hornbys Roman nicht übernehmen, auch wenn Einblendungen mit den Namen der vier Figuren im Film diesen Anschein erwecken. Tatsächlich aber wechseln die Perspektiven innerhalb der Geschichte, die nach dem Pakt der Fast-Selbstmörder erzählt wird, allenfalls ein bisschen. Außerdem gibt es in der zweiten Hälfte des Films eine Sequenz, in der die vier Selbstmordkandidaten auf Anraten des Medienprofis Martin zusammen eine Urlaubswoche am Mittelmeer verbringen. Hier kippt der Tonfall des bis dahin überwiegend melancholischen Films endgültig ins Heitere, sogar Burleske. Erst kurz vor Schluss sorgen der Beinahe-Tod von Maureens Sohn und der fast vergessene Valentinstag wieder für ernstere Töne und eine bei diesem Thema notwendige Gefühlstiefe. Eine Tiefe, um die der französische Komödienspezialist Pascal Chaumeil (Der Auftragslover) sehr weit heruminszeniert hat – wohl, um die Unterhaltungswünsche des angepeilten Publikums damit nicht zu belasten. Damit stellt sich Chaumeil auf die Seite des alerten Martin, der als Fernsehmoderator gewohnt ist, eine Rolle zu spielen und Unangenehmes zu verdrängen, und sich deshalb am ehesten von den vier Protagonisten wieder fängt.

Doch das Thema hat nun einmal dunkle Seiten, denen man ja nicht mit Schwarzmalerei, sondern mit schwarzem Humor hätte begegnen können. Verblüffend deutlich zeigt sich, dass der Franzose Chaumeil landestypisch zu sehr auf Esprit und Tempo setzt satt auf hintersinnigen Humor mit einer leicht bitteren Note, der in anderen, englischen Hornby-Verfilmungen wie etwa About A Boy (2002) so wirkungsvoll eingesetzt wurde. So ist eine nicht zuletzt durch die überzeugenden schauspielerischen Leistungen (inklusive Jurassic Park-Veteran Sam Neill) unterhaltsame, aber etwas zu märchenhafte und zu wenig schwarzhumorige Umsetzung des Romans herausgekommen, die zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Suizid nicht beitragen kann.

Und wie gesagt:

Falls fallend du vom Dach verschwandest,

so brems, bevor Du unten landest!


Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 4. April 2014 (2)
ID 7729
Weitere Infos siehe auch: http://www.alongwaydown.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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