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Belgisches Kino

Grautöne



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Gerade in der Pubertät macht man sich oft Gedanken über seine Identität, und die ist sehr eng mit der eigenen Herkunft verbunden. Auch die Jugendliche Dorothy (Manon Capelle) will mehr darüber wissen, stößt aber ein wohl gehütetes Familiengeheimnis: Ihre Mutter Christine (Anne Coesens) weigert sich unerbittlich ihr zu offenbaren, wer ihr leiblicher Vater ist. Christine will ihr bequemes und gutbürgerliches Leben in Brüssel mit einem Gynäkologen und Dorothys kleiner Halbschwester nicht gefährden. Dies schützt sie um so vehementer, als eines Tages auch noch Dorothys Vater vor der Tür steht und Kontakt zu seiner Tochter fordert. Paul (Bouli Lanners) ist ein Außenseiter und gesellschaftlich nicht integriert. Er arbeitet als Detektiv und schnüffelt im Leben anderer Leute herum. Heimlich beobachtet er auch seine Tochter aus der Ferne, bis eines Tages durch Zufall ein Gespräch zustande kommt. Als Dorothy erfährt, dass Paul Detektiv ist, kommt sie auf die Idee, ausgerechnet ihn nach ihrem leiblichen Vater suchen zu lassen. Paul lässt sich sich auf das Spiel ein, weil er so Kontakt zu seiner Tochter haben kann.



Mehr als nur eine Pubertätskrise. Dorothy (Manon Capelle) will wissen, wer ihr leiblicher Vater ist | © Film Kino Text


Es ist schon eine grandiose Ausgangsidee, einen Detektiv nach sich selbst suchen zu lassen. Die belgische Filmemacherin Savina Dellicour hat das Drehbuch zu ihrem Debütfilm Alle Katzen sind grau selbst entwickelt und umgesetzt. (Co-Autor ist Matthieu de Braconier.) Herausgekommen ist eine sehr reife Leistung für ein Erstlingswerk, was bei näherem Hinschauen aber nicht überrascht. Dellicour lebte sieben Jahre lang in England und besuchte dort die National Film School, wo sie von der britischen Regie-Ikone Stephen Frears betreut wurde. „Dort ist das Kino zwar auch eine Kunst“, erinnert sich Dellicour, „aber es ist vor allem ein Handwerk... Ich mag die 'pragmatische' Art der Engländer, an die Dinge heranzugehen.“ Die Figur des Detektivs Paul trug sie schon seit 1999 mit sich herum, lange genug, dass er ein überzeugendes Eigenleben entwickeln konnte. Um die Geschichte glaubhaft wirken zu lassen, drehte sie nicht in London, wie ursprünglich geplant, sondern in der Brüsseler Vorstadt, ähnlich der gut bürgerlichen Umgebung, in der sie selbst aufwuchs. „Wir hatten Lust, von Scheinwelten zu reden, die es in allen Milieus gibt, die aber in der Bourgoisie besondere Formen annehmen. In meiner kleinen Welt gibt es auch eine Kultur des Schweigens.“



Die bürgerliche Idylle trügt: Dorothy (Manon Capelle) mit ihrem Stiefvater und ihrer Halbschwester beim Abendessen | © Film Kino Text


In diese „Kultur des Schweigens“ passen weder Paul, der wunderbar brummig vom belgischen Multitalent Bouli Lanners gespielt wird, noch Dorothy. Die Fünfzehnjährige wird von keiner jugendlich wirkenden Erwachsenen gespielt, sondern von der jugendlichen Filmdebütantin Manon Capelle, die eine wahre Entdeckung ist. Paul und Dorothy sind die beiden Wahrheitssucher in der Geschichte mit allen Konsequenzen, die das Herumstochern in begrabenen Geheimnissen mit sich bringt. So kommt Dorothy an ihre Grenzen, geht in die Disco, wo sie sich zudröhnt und wo ihr sonst was hätte zustoßen können, wenn Paul sie nicht rechtzeitig gefunden und da herausgeholt hätte.



Paul (Bouli Lanners) hat die zugedröhnte Dorothy (Manon Capelle) aus einer Disco herausgefischt | © Film Kino Text


Der Loser Paul mausert sich zum verkappten Mustervater und Meisterdetektiv, doch seine Recherchen fördern einige Überraschungen zu Tage und einen tragischen Hintergrund. So ist am Ende kaum mehr etwas so, wie es sich zu Anfang dargestellt hat. Dorothys überschaubare Kinderwelt, die aus der Polarität zwischen schwarz und weiß bestand, löst sich in ihre Bestandteile auf, in die vielfältigen Grautöne, die das Leben von Erwachsenen ausmachen. Die Grautöne sind von allen Schauspielern und Schauspielerinnen bis in die Nebenrollen gut umgesetzt. Die Krimi-Elemente in der zweiten Hälfte verhelfen zur Würze, und die Wende ist insofern wichtig, weil die Grundidee alleine einen ganzen Film nicht getragen hätte. Hier treffen beherrschtes Handwerk, gute Ideen, Augenmaß und Engagement aufeinander und lassen ein filmisches Kunstwerk entstehen.


Helga Fitzner - 30. März 2016
ID 9223


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