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Über den inzwischen berühmtesten (und teuersten!) deutschen Maler und Bildhauer, Gerhard Richter, gibt es bereits einen aufschlussreichen Dokumentarfilm (Gerhard Richter painting von Corinna Belz, 2011). Nun kommt mit Werk ohne Autor ein Spielfilm in deutsche Kinos, der die wesentlichsten Lebensstationen Richters chronologisch durchdekliniert, sich aber zugunsten größerer Publikumsattraktivität die Freiheit nimmt, diese fiktional anzureichen, um nicht zu sagen, aufzuschäumen. Dies ist denn auch der wesentliche Zwiespalt des ansonsten dramaturgisch, inszenatorisch und schauspielerisch sehr gelungenen, emotional wie intellektuell inspirierenden Films: Der Drehbuchautor und Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck sucht einerseits, das Leben Richters auf die Inspirationsquellen für sein künstlerisches Schaffen zu durchleuchten. Andererseits nimmt sich Henckel die Freiheit, diese komplexe, diffuse, zum Teil nur unbewusste Motivlage möglichst verständlich und nachvollziehbar darzustellen.

Das bedeutet zwar nicht, dass Henckel die tiefenpsychologischen Wurzeln von Richters Kunst trivialisiert. Aber die konkrete Darstellung der kindlichen Traumata und elterlichen und gesellschaftlichen Einflüsse des 1932 in Dresden Geborenen reduziert Richters Werk(e) auf erklärbare Muster und darstellbare Fakten. Das Hehre, Heilige, Wahre, Schöne, nach dem die Kunst schon in antiker Vorstellung streben sollte, aber insbesondere die Widersprüchlichkeit, droht im Film, dessen mediale Eigenschaft es ist, Äußerlichkeiten eins zu eins wiederzugeben, leider immer auf eine banalere Stufe heruntergebrochen. Dies gilt auch für die Wiedergabe von Richters Werken, selbst wenn diese nicht völlig abstrakt, sondern eine fotorealistische Anmutung haben, denn auch diese Bilder sind verfremdet.

Es ist zu Henckels Gunsten aber festzuhalten, dass er die drohende Kurzschlüssigkeit á la "so war Richters Jugend, deshalb ist seine Kunst so und so“ durchbricht, indem er dem Künstler einen faschistoiden, elitären Kontrahenten gegenüberstellt, der auch noch der Schwiegervater des Malers ist. Der gibt sich rationaler und kompromissloser und verkörpert quasi die aggressive, bösartige Seite des Unbewussten, deren Kreativität sich nur in Sadismen äußert. Das ergibt großartige dramaturgische Reibungen und eine vielschichtige psychologische Bedeutungsebene. Zum anderen ist der Film fast drei Stunden lang – allein schon dadurch wirkt die illustrierte Genese des Künstlers nicht kurzatmig oder platt. Und: ein langer Film, aber ohne Längen.

Für von Donnersmarck ist dies nach seiner enttäuschenden Hollywood-Erfahrung ein fulminantes Comeback: Sein zweiter Spielfilm, The Tourist (2010) mit den Stars Angelina Jolie und Johnny Depp, war zwar kein finanzieller Misserfolg, wurde aber vor allem in den USA von vielen Kritikern verrissen – zu groß waren damals die Erwartungen, als das Henckel sie nach dem Oscar für Das Leben der Anderen als Bester fremdsprachiger Film 2007 erfüllen konnte. Doch mit Widerständen und Enttäuschungen kannte sich von Donnersmarck aus, der das Das Leben der Anderen nur gegen große Skepsis auf Seiten deutscher Filmförderer durchsetzen konnte. Einzig das Münchener Produzentenduo Quirin Berg und Max Wiedemann glaubten an das dramatische Potential der Stasi-Geschichte. Wiedemann und Berg halfen auch Werk ohne Autor zu produzieren, der nun ebenfalls von den deutschen Gremien als Kandidat für die nächste Oscar-Verleihung vorgeschlagen wurde.

Interessant ist die Entstehungsgeschichte des Dramas: Henckel wurde vor einigen Jahren von Jürgen Schreiber, einem Reporter der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel, interviewt und erfuhr dabei von dessen Plänen für eine Richter-Biografie. Die beiden blieben in Kontakt, und als Schreiber herausbekam, dass es in der Familie von Gerhard Richter einen tragischen Fall von Täter-Opfer-Verstrickung während der NS-Diktatur gab, fühlte sich Henckel inspiriert, dies in eine Filmhandlung zu übertragend – zumal er schon immer von den Gemälden Richters fasziniert war.

*

So sehen wir im ersten Teil des Films, wie Gerhard Richter – im Film Kurt Barnert genannt und mit viel Sinn für Zwischentöne von Tom Schilling gespielt – mit seiner kunstbegeisterten Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) Ende der 1930er Jahre eine Nazi-Schau zum Thema „Entartete Kunst“ besucht. Die Tante wird schon bald immer stärker an ihrer Schizophrenie erkranken und damit ein Fall für die bereits von der Nazi-Ideologie geprägten Psychiatrie, die im Extremfall auf die Ausmerzung vermeintlich „unwerten Lebens“ abzielt. Der junge Barnert/Richter muss erleben, wie seine Tante in eine Klinik eingewiesen wird – der Junge mag sich dies nicht genau anschauen. Für Henckel ein erster Moment, in dem sich die spätere Verfremdungstechnik der Verwischung in Richters Werken unbewusst etabliert.

Elisabeth gerät in die Fänge des als Arzt virtuosen, als Karrierist aber gewissenlosen Dr. Carl Seeband (Sebastian Koch), der mithilft, die so genannte Euthanasie (Zwangssterilisierung und Tötung) von psychisch Kranken und Behinderten im Dresdner Raum skrupellos durchzusetzen. Eine besonders heikle Veräußerlichung und Verknüpfung von Ereignissen unternimmt Henckel mit dem Ineinanderschneiden von der Vergasung Elisabeths und anderer Kranker mit der Bombardierung Dresdens durch die alliierte Luftwaffe kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges und des entsprechenden Chaos. Es wirkt nach meinem Geschmack zwar nicht geschmacklos, aber die fabrikmäßige Euthanasie in der Sonnenstein-Anstalt in Pirna nahe Dresden fand zu diesem Zeitpunkt so nicht mehr statt (die Vergasungen wurden dort 1942 eingestellt, einzelne Morde wurden aber von Ärzten im gesamten 3. Reich fortgesetzt).

Nach Kriegsende muss der Student Barnert erleben, dass sein Vater (Jörg Schüttauf) als angeblicher Nazi-Mitläufer in der DDR beruflich ausgegrenzt wird; er selbst als Kunststudent eine neuerliche, auf Gleichförmigkeit abzielende Ästhetik vermittelt bekommt – den „sozialistischen Realismus“. Barnert lernt ausgerechnet Ellie (Paula Beer), die Tochter des nun für die Sozialisten tätigen Klinikarzt Seeband, kennen und verliebt sich leidenschaftlich in sie. Er, aber auch Seeband ahnen nicht, dass sie durch den Tod Elisabeths miteinander zu tun haben. Seeband, der sich zwar opportunistisch verhält, aber de facto noch immer seiner faschistisch-elitären Weltanschauung fröhnt, hält den Kunststudenten als seiner Tochter nicht würdig und versucht, das Verhältnis mit allen Mitteln zu stören, selbst auf die Gefahr hin, dass seine eigene Tochter unfruchtbar bleibt. Hauptsache, aus der Beziehung zu Barnert kann kein Kind entstehen. Auch dies bleibt Barnert und Ellie verborgen, wenngleich beide natürlich realisieren, dass Seeband Barnert herablassend behandelt, z.B. indem er ihm Jobs als Putzhilfe verschafft, damit er etwas Geld verdient.

Das Ehepaar Seeband verlässt die DDR, bevor es für den scheinbar honorigen Arzt aufgrund seiner Nazi-Verstrickung zu brenzlig wird. Auch in Westdeutschland setzt der Opportunist seine Karriere fort. Barnert muss indes um seinen Status als Künstler und versorgender Ehemann kämpfen. Auch er und Ellie flüchten aus der DDR. Es folgt Barnerts/Richters künstlerische Weiterentwicklung an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo der genialische, aber verschrobene Antonius van Verten aka Joseph Beuys (großartig: Oliver Masucci) sein Professor ist. Zunächst deletiert Barnert in der neu gefundenen gesellschaftlichen Freiheit und mit den stilistischen Freiheiten des Künstlers herum, doch dann weist ihm van Verten, der an ihn glaubt, den Weg zu seiner individuellen Ausdrucksweise. Und endlich auch kann Barnert seinem missgünstigen Schwiegervater – ohne es zu wissen – Paroli bieten, in dem er ihn mit der Macht der Kunst konfrontiert.

Die abwechslungsreiche Dramaturgie, die Kameraarbeit (Caleb Deschanel) und die überzeugenden schauspielerischen Leistungen – allen voran Sebastian Koch, der dem riesigen Arsenal der Nazi-Filmfieslinge eine besondere Facette als Ausbund von Selbstgefälligkeit und Arroganz hinzufügt – heben den Film hervor. Bei aller Dramatik sind auch ironische und komische Momente enthalten, deren Anteil ruhig noch größer hätte ausfallen können. So wirkt die Tour de Force durch vier Jahrzehnte deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts über Nazi-Terror und Massenmord, Anfänge der DDR und Wechsel gen Westen bis hin zur Ära der Pop-Art bisweilen angestrengt bilderbuchartig durchdekliniert. Dennoch ist Florian Henckel von Donnersmarck insgesamt großes, oft emotional intensives Kino gelungen, dass über den beschriebenen Fall hinausweist und insbesondere von abstrakter Kunst bisher unbeleckten Zuschauern hoffentlich Lust macht, sich mit Gerhard Richter und anderen zeitgenössischen Künstlern zu beschäftigen.



Tom Schilling in Werk ohne Autor | (C) Walt Disney Filmverleih Germany

Max-Peter Heyne - 4. Oktober 2018
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