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Interview

„Ich nehme

die Kunst

sehr ernst.“


FLORIAN HENCKEL
VON DONNERSMARCK


Florian Henckel von Donnersmarck (re.) im Gespräch mit Max-Peter Heyne | Foto (C) mp.Heyne


Florian Henckel von Donnersmarck, 45-jähriger Spross eines altschlesischen Adelsgeschlechts, drehte während seines Regiestudiums in München Ende der 1990er Jahre erste Kurzfilme. Zwölf Jahre nach dem Welterfolg seines Spielfilmdebüts, dem Stasi-Drama Das Leben der Anderen, das unter anderem einen „Oscar“, drei Europäische Filmpreise und sieben Deutsche Filmpreise erhielt, meldet sich der Drehbuchautor und Regisseur in Bestform zurück: In seinem neusten Spielfilm Werk ohne Autor zeichnet der Filmemacher die Biografie eines Künstlers (Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling nach, der unschwer als der 1932 in Dresden geborene, weltberühmte Maler Gerhard Richter zu identifizieren ist. In 188 Minuten verknüpft von Donnersmarck die individuelle künstlerische Entwicklung Richters mit fünf Jahrzehnten bewegter deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Wie schon elf Jahre zuvor Das Leben der Anderen ist sein neuer Film als deutscher Beitrag für die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ für die nächste „Oscar“-Verleihung nominiert.


* * *


Herr von Donnersmarck, Sie verwenden in Ihrem Film nicht den Namen Gerhard Richters oder anderer Personen der Zeitgeschichte wie dessen Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, Joseph Beuys. Stattdessen benutzen sie fiktive Namen und erzählen das Leben Richters sehr frei entlang der Fakten.

Florian Henckel von Dommersmarck:
Wäre ich ein Biograf gewesen, der alles genau aufschreiben möchte, hätte mich Gerhard Richter vielleicht abgewimmelt. Stattdessen war er sehr großzügig mir gegenüber. Ich dachte, vielleicht nimmt er sich ja ein, zwei Stunden Zeit für mich in Köln. Daraus wurden schließlich vier Wochen, in denen wir unter anderem auch in Dresden die Stätten seiner Kindheit besucht haben. Vielleicht hat er das getan, weil er gemerkt hat, dass ich einen ähnlichen Ansatz verfolge wie er als Maler. Ich denke, er fand es spannend, dass ich mich inspirieren lasse von seinen Erlebnissen, aber das Material nur als Sprungbrett benutze für eine vollkommen eigenständige Geschichte. Es ist quasi eine Übermalung und Verwischung und Abstraktion seines Lebens.


Eine Inspirationsquelle für Ihr Drehbuchs war die Aufdeckung eines Berliner Journalisten, dass in Richters Familie durch dessen erste Heirat Opfer wie Täter des Euthanasieprogramms der Nazis zusammenkamen: Eine Tante Richters, Marianne Schönfelder, wurde zusammen mit hunderttausenden anderen psychisch Kranken und geistig Behinderten zu Kriegszeiten ermordet; Richters erster Schwiegervater war als SS-Obersturmbannführer für Zwangssterilisierungen verantwortlich.

FHvD:
Ausgangspunkt war die Faszination mit dem Werk Gerhard Richters, dem ich bei Freunden über die letzten Jahre immer wieder begegnet bin. Auch Wochen und Monate, nachdem ich sie gesehen hatte, konnte ich diese Bilder von Gerhard Richter nicht vergessen. Sie waren wie starke Melodien, die einem immer weiter im Kopf herumgeistern. Wie Ohrwürmer, Augenwürmer halt. Nur, dass sie einen nicht nerven, sondern immer bereichern. Die tragische Entdeckung des Journalisten führte dann zu der Frage, wie sich dies in einem Film erzählen lässt.


Schon für die Eingangsszene, in der Kurt Barnet alias Gerhard Richter als Kind eine Ausstellung der Nationalsozialisten über angeblich „entartete Kunst“ besucht, sind viele Kunstwerke zu sehen, die es nicht mehr gibt, weil die Nazis sie vernichtet haben.

FHvD:
Ich weiß nicht, ob es je einen Film gab, der so viele Künstler beschäftigt hat wie unserer. Wir hatten wahre Heerscharen an Künstlern, die ja Gerhard Richters Bilder, die der Kunstausstellung über „entartete Kunst“ und viele andere mehr nachempfinden mussten. Und ich wollte auch nicht, dass irgendwelche Theatermaler die Bilder malen, sondern Künstler, die mit einem tiefen Verständnis an die Gemälde herangehen. Also zu überlegen, welche Pigmente hat z.B. ein Otto Dix benutzt, wie hat er die gemischt usw. Dazu gibt es in den Archiven erstaunlich genaue Informationen. Deshalb glaube ich, dass wir sehr, sehr nah an die von den Nazis vernichteten Originale herangekommen sind, obwohl es z.B. von Dix‘ Kriegskrüppel nur eine kleine schwarz-weiße Abbildung des Originalgemäldes gibt.


Der Prozess der Kunstherstellung und die Stellung des Künstlers waren ja schon in Ihrem Erfolgsfilm Das Leben der Anderen wichtige Themen, dort anhand der Literatur. Das beschäftigt Sie offenbar sehr.

FHvD:
Ich nehme die Kunst schon sehr ernst und wichtig und mache mir viele Gedanken darüber. Ich glaube, dass alle Kunst im tiefsten Sinne autobiografisch ist, man die Verletzungen des eigenen Lebens in sie hineinträgt und dass diese Erlebnisse dadurch, dass man sie in Kunst verwandelt, auch einen Sinn bekommen. Kurt Barnert im Film gewinnt ein solches Vertrauen in die Kunst, dass er weiß, dass seine Bilder wirken, auch wenn er die Geschichte dahinter gar nicht erzählt. Er spürt, dass etwas aufgeladen ist mit wirklichem Gefühl. Am Ende ist ihm klar, dass er gar nicht alles über seine Tante und die Bombardierung Dresdens erzählen möchte – das geht ihm viel zu nah. Dann könnte er gar nicht weiterarbeiten. Aber er weiß, dass Menschen, die sehr feinsinnig sind, davorstehen werden und - selbst, wenn sie es mit ihrem Verstand nicht wissen – doch mit ihrem Herzen fühlen können, dass das seine Geschichte ist. Sie werden empfinden können, dass das gute Kunstwerke sind.


Hatten Sie keine Bedenken, dass Sie diese unbewussten Prozesse beim Entstehen von Kunst mit Ihrer Geschichte zu sehr erklären?

FHvD:
Im Film habe ich versucht, rein nach meinen vorurteilsfreien Erfahrungen auszugehen, mich ganz auf meine Beobachtungen zu verlassen und nicht so sehr zu erklären. Auch die verschiedenen Figuren kann ich ja nur aus meinem eigenen Erfahrungshorizont schöpfen, aus meinen Träumen und Ängsten. Wenn ich einen Kurt Barnert, den Maler, schildere, dann schaue ich: Wo ist der stille Beobachter in mir, der nicht viel spricht, sondern kreativ arbeitet. Und beim faschistischen Arzt Professor Seeband [gespielt von Sebastian Koch; Anm. d. Autors] ist es die Angstvorstellung, wie man im schlimmsten Fall sein könnte. Wenn ich dann eine Filmfigur vor mir habe, dann fließen die Worte so aus mir heraus.


Dann brauchen Sie nicht lange, um Dialoge zu schreiben?

FHvD:
Das ist nicht so sehr eine Frage der Dauer, sondern hat mit meinem leidenschaftlichen Interesse an den auch sprachlichen Spezifika eines bestimmten Bereichs und einer bestimmten Zeit zu tun. Ich erinnere mich, dass ich einmal als Kind mit einem Au-pair-Mädchen Ärger hatte, weil ich drei Stunden zu spät von der Schule zurückkam. Da ich in Berlin mit dem Bus nach Hause fuhr, erlebte ich einmal zwei ältere Damen, die sich über ihre Kindheit in der Zwischenkriegszeit unterhielten. Die ahnten nicht, dass ich mithörte, und wie sie miteinander sprachen, hat mich so fasziniert, dass ich bis zur Endstation mitgefahren bin. Auch wenn ich alte Texte finde, die aus einer anderen Zeit stammen, möchte ich die wirklich durchdringen und verstehen. Und wenn ich ein Wort finde, das ich nicht kennen, ist das für mich wie ein kleines Geburtstagsgeschenk.


Aber Sie haben über vier Jahre an dem Drehbuch und dem Film gearbeitet.

FHvD:
Ich habe zuerst ein Bild von diesem Film im Kopf, ich sehe ihn quasi schon vor mir, und dann muss ich schauen, dass der Film genauso wird wie das, was ich mir vorstelle. Und das bedeutet natürlich einen kontinuierlichen Kampf – in diesem Fall über vier Jahre – bis der Druck weicht, wenn der Film fertig ist und so aussieht, wie ich wollte. Dann gefällt der Film zumindest einem Menschen, nämlich mir, und alles andere ist jetzt Bonus. (Lacht.) Denn wenn ich nicht damit zufrieden bin, wer soll es denn sonst sein? Zumindest der Regisseur muss mit allen Mitteln dafür kämpfen, dass der Film seinen Vorstellungen gemäß wird. Ich bin jetzt vollkommen glücklich.

Interviewer: Max-Peter Heyne - 3. Oktober 2018
ID 10951
http://www.w-b-film.de/projekte/projekt/werk-ohne-autor/


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