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Hollywood

Der amerikanische

Dr. Mabuse



Bewertung:    



Auch in diesem Film ist der frühere US-Präsident George W. Bush eine überforderte, anti-intellektuelle Witzfigur, für den das Amt einige Nummern zu groß ist – grandios gespielt von Oscar-Preisträger 2017 Sam Rockwell. Eine deutlich interessantere und vielschichtigere Figur als Bush jr. war und ist dessen früherer Vize-Präsident, Dick Cheney (geb. 1931), und deshalb stellt Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay den "zweiten Mann" in den Mittelpunkt seines Films. McKay wird früh erkannt haben, dass eine Bloßstellung von Bush – wie sie Oliver Stone vor zehn Jahren schon mit W. unternommen hat – nie eine so weitreichende, schmerzlich-bissige Abrechnung mit dem gesamten politischen System der USA werden kann wie ein kritisches Porträt Dick Cheneys.

Ob Cheney ein so konsequenter und hemmungsloser Beelzebub war, der seinem Chef weitreichende Befugnisse abluchste und folgenreiche Entscheidungen wie die Invasion des Irak einflüsterte, wie es Adam McKay in Vice zeigt, ist nicht ganz klar bzw. Spekulation. Aber McKay, der ein ungemein fleißiger Produzent, Drehbuchautor und Regisseur (The Big Short) ist, seit er sich aus der legendären, gesellschaftskritischen Comedy-Fernsehsendung Saturday Night Live verabschiedet hat, strebt auch gar keine überprüfbare Faktentreue an, sondern nutzt lieber alle Mittel der Satire und des Karikaturenhaften, um dem Publikum die verhängnisvolle Rolle Cheneys in der republikanischen Partei und damit in der amerikanischen Politik zu verdeutlichen. Nachweisbar gab sich Cheney nicht einfach damit zufrieden, ein Amt zu führen, in welchem er warten muss, „bis der Präsident stirbt“, wie es im Film einmal heißt, sondern der seinen starken Macht- und Gestaltungswillen darin einfließen ließ und die Grenzen des legal Erlaubten ausdehnte. Dafür hatte Cheney in Bush einen – zumindest am Anfang der gemeinsamen Regierungszeit (2001-2009) – willfährigen Partner.

McKay schließt sich mit dem Film den vielen Vorwürfen, die gegen Cheney erhoben wurden, an: dass es ohne ihn die weitreichende Einschränkung der Bürgerrechte, das massenhafte Sammeln von privater digitaler und Telefonkommunikation und die Ermunterung zur Anwendung von Folter zugunsten der Terrorprävention nicht gegeben hätte – und eben auch die Besetzung des Irak nicht, gegen die sich der damalige Außenminister Colin Powell vergeblich gewehrt hat, und letztlich aus falscher Loyalität ebenfalls unterstützte. Natürlich konnte sich Cheney nach dem verheerenden Attentat vom 11. September 2001 sicher sein, genügend UnterstützerInner- und außerhalb des Regierungszirkels für all die Maßnahmen zu haben, die er angeschoben oder durchgeführt hat. Die Zeichen standen ohnehin auf Sturm. Insofern hat der Film zum Ende hin eine deutlich bitterere Note als am Anfang, als der Aufstieg Cheneys innerhalb der Washingtoner Elite noch mit schwarzem Humor und Sarkasmus geschildert wird.

Dieser Aufstieg war nicht unaufhaltsam, das zeigt McKay trefflich, indem er den Film nach rund einem Drittel der Laufzeit schon fast beenden lässt. Cheney war schon in den 1970er Jahren eine politische Größe in Washington und wurde unter Präsident Nixon der jüngste Stabschef im Weißen Haus. Doch seine eigenen Ambitionen, weiter zum Minister oder Gouverneur aufzusteigen, wurden durch demokratische Wahlergebnisse gebremst. So zieht sich Cheney ins sehr einträgliche Geschäftsleben zurück, und die Weltgeschichte wäre für Millionen Araber, vor allem hunderttausende tote Iraker und zehntausende tote US-Soldaten sowie eine Menge anderer Opfer seiner Politik sehr viel günstiger verlaufen, wäre er beim Energiekonzern Halliburton geblieben.

Doch George Bush senior beruft ihn zum Minister und dessen Sohn nach der Amtszeit von Bill Clinton zum Vizepräsidenten. Im Alter also startete Cheney erst so richtig durch und konnte seine teils reaktionären politischen Ansichten zur Agenda der jeweiligen Regierungen machen. Dabei half ihm sein altes konservatives Netzwerk bei den Republikanern, zu dem vor allem sein Mentor Donald Rumsfeld zählt, der unter Bush jr. Verteidigungsminister wurde (und eine ähnlich verhängnisvolle Rolle spielte wie Cheney). Rumsfeld wird vom Comedian und Charakterschauspieler Steve Carrell als giftiger, skrupelloser Haifisch gespielt, der dem jungen Cheney klarmacht, dass es besser ist, seine Intelligenz für sich zu behalten, bis der richtige Zeitpunkt kommt, und möglichst ohne Prinzipien auszukommen, die beim Fortkommen in der Politik nur hinderlich sind. Auf die Frage Cheneys, welche Positionen die Republikaner denn unter Nixon vertreten, lacht ihn Rumsfeld nur aus.

Diese von McKay besonders raffiniert und sarkastisch inszenierte erste Teil des Films zeigt anhand der Figuren Rumsfeld und Cheney einen roten Faden auf, den es in der republikanischen Partei und in der Washingtoner Elite seit der Präsidentschaft von Richard Nixon gibt: Die eigenen Karriereinteressen stehen im Vordergrund! Alle Mittel sind erlaubt, um Macht zu erringen und zu bewahren, sofern sie nicht zu leicht oder zu schnell als illegal enttarnt werden können. All dies entbehrt nicht einer gewissen Tragik, denn Adam McKay zeigt, dass aus dem ambitionierten Cheney ein "mitfühlender Konservativer" hätte werden können, als den Bush jr. sich später bezeichnete. Denn Cheney wird auch als liebevoller Familienvater präsentiert, der sich schützend vor seine Töchter stellt und wegen seiner lesbischen jüngeren Tochter manchen Karriereschritt unterlässt. Erst nachdem die Älteste in seine Fußstapfen trat und politische Karriere machte, kam es auch innerhalb der Familie zu Zerwürfnissen.

In der turbulentesten Phase der amerikanischen Politik der Nachkriegszeit tat Cheney das, was er von Rumsfeld und anderen gelernt hatte: die Gunst der Stunde nutzen und skrupellos die Macht gegen andere wenden. Dass die Irak-Invasion und die Folter-Ermunterungen seinen tiefsten Überzeugungen entspricht, lässt Adam McKay seinen Cheney in der Schlussszene noch einmal unmissverständlich wie einen modernen Richard III. sagen. Weit vorher gibt eine wunderbare Szene, in der der Titelheld so zerrissen wirkt, dass die Stimme des Erzählers – dessen Bezug zu Cheney im Verlauf des Films noch auf unerwartete Weise enthüllt wird – zugibt, man könne nur vermuten, was das Ehepaar Cheney sich in dieser entscheidenden Situation gesagt hat. Und dann rezitieren im Ehebett beide aus Shakespeares Drama (es ist wohl Richard III., aber ich lasse mich gerne korrigieren).

Neben dem gallenbitteren, frechen Humor des Drehbuchs ist Christian Bale der größte Gewinn des Films, der auf bewährte Chamäleon-Art unter dicken Make-Up-Schichten und unter Zunahme etlicher Kilo einen verblüffenden Doppelgänger Cheneys buchstäblich verkörpert, dass man sich ungläubig die Augen reibt. Jeder Oscar wäre hier verdient.

*

Dass die Politik ein schmutziges Gewerbe sein kann, ist ein alter Hut. Doch dass zunehmend auch die Politik in demokratisch verfassten, auf Machtbeschränkung und -ausgleich setzenden Staaten schmutziger wird und Populisten an die Oberfläche spült, haben die Cheneys, Rumsfelds und Bushs mitzuverantworten, so die Botschaft McKays. Denn inzwischen gibt es Donald Trump, der seine Vorgänger vergleichsweise harmlos und jede Satire unzulänglich erschienen lässt.



Vice | (C) Universum/DCM

Max-Peter Heyne - 21. Februar 2019
ID 11238
Weitere Infos siehe auch: https://www.vice.movie/home/


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