| UNSERE NEUE GESCHICHTE (Teil 62)
|
"Die Trümmer der
Identität"
|
|
Bewertung:
"Erika Mann: 'Ich will nach Hause, Papa.'
Thomas Mann: 'Wo ist das?'"
Das Jahr 1949 war sehr ereignisreich: Die BRD und die DDR wurden gegründet, und Johann Wolfgang von Goethe feierte seinen 200. Geburtstag. Die jungen Nachkriegs-Republiken konkurrierten um dessen kulturelles Erbe, wie sein Geburtsort Frankfurt am Main im kapitalistischen Westen und sein Wirkungs- und Sterbeort Weimar im kommunistischen Osten. Also luden beide Regimes den Schriftsteller Thomas Mann ein, der sich als Chronist verschiedener Zeitenwenden einen internationalen Ruf erworben hatte, um ihm einen Goethe-Preis zu verleihen. Und Thomas Mann kam nach 16 Jahren im damals unvermeidbaren Exil tatsächlich! Doch egal, wie sehr er hofiert wurde, er ließ sich für keine politische Richtung als Trophäe einspannen.
Der polnische Ausnahme-Regisseur Paweł Pawlikowski (Cold War und Ida) hat für seinen Spielfilm Vaterland dieses Geschehen als Hintergrund für eine fiktive Geschichte gewählt, die er zusammen mit dem Drehbuchautor Hendrik Handloegten (Babylon Berlin) ersonnen hat. Die darin erwähnten historischen Persönlichkeiten gab es tatsächlich, aber die Begebenheiten sind partiell erfunden. Der Film verdichtet die Dilemmata der Familie Mann auf eine händelbare Spielfilmlänge und bleibt in der Quintessenz durchaus wahrhaftig.
Vaterland wird von zwei meisterhaften Mimen getragen, Hanns Zischler als Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und Sandra Hüller als seine älteste Tochter Erika. Klaus Mann wird von August Diehl gespielt, der insbesondere zu seiner Schwester Erika eine sehr innige Beziehung hatte. Erneut war hinter der Kamera Pawlikowskis gewohntes polnisches Team eingesetzt. Łukasz Zal war für die Kamera zuständig und drehte, wie schon vorher, im fast quadratischen Schwarzweißformat. Auch hier sorgt der Komponist Marcin Masecki wieder für ein ganz besonderes Klangerlebnis. Vor der Kamera hat Pawlikowski eine beeindruckende Riege deutscher Schauspieler versammelt. Beim Filmfestival in Cannes gab es im Jahr 2026 für Vaterland den Preis für die beste Regie.
*
Der Film beginnt mit einem Telefonat von Klaus Mann mit seiner Schwester Erika. Klaus lebt in Cannes im Exil und schließt seit Jahren mehr und mehr mit seinem Leben ab. Im Film fragt er Erika: "Wann hast du das letzte Mal wirklich etwas gespürt – irgendein Verlangen oder ein Gefühl von Schönheit oder Transzendenz?" Er hat aufgegeben. Erika dagegen kämpft noch, empfindet wenigstens noch Wut auf diejenigen, die dem nationalsozialistischen Regime gefolgt sind. Einige trifft sie bei ihrer Reise wieder, darunter ihren Ex-Ehemann Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff), der sich von Hermann Göring protegieren und als kulturelle Galionsfigur benutzen ließ. Das Gespräch endet mit Erikas Ohrfeige für den chronischen Opportunisten, der schon längst wieder in Amt und Würden ist.
Thomas Mann glaubt immer noch an eine deutsche Kultur aus der Zeit vor der Jahrhundertwende, an einen hehren Humanismus und - dass er über den Dingen stünde. Das gelingt aber nicht ganz, denn Mann will eine Kultur aufrecht erhalten, die eher im Untergang begriffen ist. Das kriegszerstörte Deutschland und seine traumatisierten Menschen befinden sich im Überlebensmodus und können mit den erhabenen Ansprüchen des Literaten nicht viel anfangen. Sie mögen auf der Suche nach einer Identität sein, doch die wird von den Besatzungsmächten vorgegeben und nährt sich nicht mehr so sehr aus den vergangenen, eigenen Errungenschaften des Landes der Dichter und Denker.
Im Innern scheint Thomas Mann verunsichert zu sein. Er fühlt sich weder in Frankfurt noch später in Weimar heimisch. Ihm wird vorgeworfen ins Exil gegangen zu sein, anstatt in Form der (in solchen Zusammenhängen völlig überstrapazierten) "inneren Emigration2 mit seinem Volk gelitten zu haben. Im Film antwortet er, dass er dann nicht mehr da wäre, um an der jetzigen Veranstaltung teilzunehmen. Pawlikowski erwähnt zwar nicht, dass Thomas Manns Frau Katia Jüdin ist und seine Kinder nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten Halbjuden sind, aber er gibt gute Beispiele für Manns völlige Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes. Als die Enkel von Richard Wagner (Enno & Theo Trebs) ihn um Hilfe bei den Bayreuther Festspielen bitten, sagt Mann im Hinblick auf die Machenschaften der Wagner-Familie während des Dritten Reiches, dass man das Festspielareal dem Erdboden gleich und ihrer Mutter endlich den Prozess machen solle. Seine Haltung gegenüber der NSDAP ist dieselbe unbeugsame, die er, wie auch Klaus und Erika, schon vor dem Aufstieg Hitlers eingenommen hatten. - Thomas Mann hält eine identische Rede in Frankfurt und in Weimar. Er thematisiert die "tiefe Zerrissenheit und die Trümmer der Identität" der Deutschen. Das Nachkriegsdeutschland ist ihm fremd und er erkennt sein einstiges Vaterland nicht mehr wieder. Die deutsche Sprache sei allerdings eine Heimat, die er nie verlassen habe.
Pawlikowski hat den Selbstmord Klaus Manns genau in die Mitte der Reise verlegt. Dieser schwingt den Rest der Geschichte immer mit, auch wenn Thomas Mann ihn zunächst verdrängt. Er entscheidet, dass er die Reise fortsetzt und nicht für die Teilnahme an der Beerdigung unterbricht. Er sagt in aller Härte, dass er das nicht wegen eines lebensmüden Drogenabhängigen machen könne (als dieser wäre Klaus Mann dann möglicherweise in die Annalen der Geschichte eingegangen). Erika leidet sehr. Sind sie und ihre fünf Geschwister doch im Schatten des väterlichen Ruhmes aufgewachsen. Besonders Klaus war ein begabter Schriftsteller, hatte seine eigenen Themen und seinen eigenen Stil entwickelt, blieb aber erfolglos. Als er mit seinem Roman Mephisto 1936 im Exil einen Schlüsselroman über seinen Ex-Schwager Gustaf Gründgens veröffentlichte, wurde dieser vom NS-Regime unterbunden und später auch in Westdeutschland verboten, weil Gründgens darin seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah. In Weimar kommt es zur Begegnung mit dem DDR-Kulturminister Johannes R. Becher (Devid Striesow), der Erika verspricht, für die Veröffentlichung von Klaus' Büchern im Aufbau-Verlag zu sorgen.
Für Thomas Mann war der Zusammenhang zwischen Kunst und der Welt ein universeller. Er sah Künstler durchaus in der Verantwortung, die er selbst souverän übernommen hat. Da Geschichte sich in Variation wiederholt, sind die Ähnlichkeiten von damals und heute offensichtlich. Das Land ist gespalten, das Stadtbild hat sich in den letzten 16 Jahren verändert, und letztendlich leidet Deutschland unter den Folgen eines Krieges. Thomas Mann hatte sehr differenzierte Visionen und wollte Deutschland u.a. transzendieren, indem er die deutsche Kultur und das Deutschsein in ein universelles, humanistisches Weltbürgertum überführen wollte, zu etwas Zeitlosem und Größerem. Der Verlust der physischen Heimat wird ihn geschmerzt haben, aber die existierte nach 16 Jahren nicht mehr.
"Die Zeit ist die weiteste Distanz zwischen zwei Orten." (Tennessee Williams, Die Glasmenagerie, 1944).
|
Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika Mann (Sandra Hüller) reisen im Jahr 1949 durch das geteilte Deutschland | © Agata Grzybowska
|
In der DDR war Klaus Manns Roman Mephisto seit den 1950er Jahren erhältlich. Über 30 Jahre nach seinem Tod verfilmte der ungarische Regisseur István Szabó das Werk mit Klaus-Maria Brandauer und gewann im Jahr 1982 den Auslands-Oscar damit. Inzwischen hatte der Rowohlt-Verlag das Buch trotz Verbots auch in der BRD veröffentlicht. Seitdem hat sich Klaus Mann als bedeutender Vertreter der Exilliteratur und der literarischen Moderne etabliert.
|
Helga Fitzner - 4. September 2026
ID 16021
https://www.neuevisionen.de/
Post an Helga Fitzner
Dokumentarfilme
DVD
Neues deutsches Kino
Spielfilme, international
UNSERE NEUE GESCHICHTE
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Rothschilds Kolumnen
BERLINALE
DOKUMENTARFILME
DVD
FERNSEHFILME
HEIMKINO
INTERVIEWS
NEUES DEUTSCHES KINO
SPIELFILME
TATORT IM ERSTEN Gesehen von Bobby King
UNSERE NEUE GESCHICHTE Reihe von Helga Fitzner
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|