Brücke über
den Abgrund
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Bewertung:
Es gibt Dinge, die man sich als wohlerzogener und halbwegs gut situierter Bürger kaum vorstellen kann. So zum Beispiel, als Mutter dem eigenen Kind gegenüber so gefühlskalt zu sein, dass man keine Skrupel hat, dies Pädophilen gegen Geld auszuliefern. Und die Pädophilen wiederum haben ebenso wenig Skrupel, ihre Verbrechen zu begehen, obwohl sie wissen, dass diese bei dem Betroffenen schwerste, lebenslang schwelende Traumata einpflanzen. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob in meinem schulischen Umfeld der siebziger und achtziger Jahre schwere Fälle von Kindesmisshandlungen oder Pädophilie stattgefunden haben. Zumindest Psychoterror, vielleicht auch Schläge von den Eltern, hat der eine oder andere Mitschüler zu Hause noch erleiden müssen. Und ich erinnere mich dunkel, dass auch irgendwann der Begriff „asozial“ auftauchte – aber das war dann schon eine andere Welt (d.h. Schicht), mit der die eigene Familie nichts zu tun hatte – oder zu tun haben wollte.
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Von einem krassen Fall von Kindesmissbrauch hat Timo Jacobs vor einigen Jahren erfahren, der darüber einen sehenswerten, betont unspekulativen Film gedreht hat. Jacobs ist ein ungemein fleißiger Schauspieler, der vor skurrilen und schrägen Projekten nicht zurückschreckt und solche gelegentlich auch als Regisseur inszeniert. Kein Wunder, zunächst hatte ihn das Enfant Terrible des ehemals Neuen deutschen Films, Klaus Lemke, unter seinen Fittichen. Offensichtlich hat Jacobs‘ soziale Zugänglichkeit in Kombination mit seiner Offenheit gegenüber unkonventionellen Projekten dem Betroffenen Kai Peter zu der Überzeugung gebracht, Jacobs sei der richtige, um sein Schicksal zu verfilmen (eine richtige Vermutung!). Ein Nein ließ Kai Peter offensichtlich ohnehin nicht zu, und als er auch noch eine private Finanzierung ohne jegliche öffentliche Förderung zusammenbekam, hat Timo Jacobs sich ans Drehbuch gemacht.
Dramaturgisch und schauspielerisch ist der harte Stoff angemessen eindringlich, aber ohne grelle Details umgesetzt worden. Der kurze Blick auf einen geschundenen Kinderrücken, die bedrohliche Silhouette der dunklen Männer in der Tür zum Kinderzimmer und verschiedene Zwänge und Ängste, unter denen der erwachsene Peter leidet, genügen, um die Dimensionen der früheren Verbrechen zu vermitteln. Kai Peter wird in drei verschiedenen Altersstufen gezeigt, als Kind, als Jugendlicher und als Erwachsener, den Jacobs selbst verkörpert. Dabei muss betont werden, dass die Kinder- und jugendlichen Darsteller der illustren Schar an Profis (darunter Nadeschda Brennicke, Detlev Buck und Katy Karrenbauer) mit ihren Leistungen in nichts nachstehen. Dies schließt auch den Sohn von Kai Peter ein, der sich selbst spielt. Denn das brillante Casting dieses Nachwuchses trägt zum besonderen Identifikationsgrad bei.
Auch die Zeit im Jugendheim war für Kai Peter als leicht zu identifizierendes „Opfer“ bzw. Kind einer Asozialen hart und entbehrungsreich. Die erste Liebe zu einer jungen Frau sorgt für poetische, aber zerbrechliche Momente. Durchweg glaubwürdig geschildert ist auch die zweite Ebene der Geschichte, in der der Film-Kai Peter ausgerechnet als Stand-Up-Comedian mit einem gesättigt-schwarzhumorigen Witzerepertoire versucht, eine neue Perspektive in seinem Leben zu entwickeln.
Der Low-Budget-Film vermag nicht mit Äußerlichkeiten zu glänzen, wie es andere Filme tun können, die mit einem satten Etat für Postproduktion ausgestattet sind. Auch, dass Timo Jacobs eher die schauspielerischen Aspekte betont und weniger die Originalität bei Szenenübergängen oder Kameraperspektiven, ist in diesem Fall kein Mangel. Bei einer Diskussion mit einer Fachärztin der Berliner Charité betonte diese, dass die Dunkelziffer bei Kindesmissbrauch als besonders groß vermutet wird, da sich Kinder grundsätzlich davor scheuen, sich gegen ihre eigenen Eltern zu stellen und erst als Erwachsenen den Mut finden, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Umso wichtiger, dass wir alle die Augen und Ohren aufhalten und für solche Phänomene sensibilisiert werden – ohne in Hysterie zu verfallen. Schon deshalb gebührt allen Beteiligten am Film Lob.
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Tod meiner Jugend | (C) missingFilms Verleih
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Max-Peter Heyne - 28. Mai 2026 ID 15881
Weitere Infos siehe auch: https://tmj.jacobsproductions.com/
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