Die große
Überfahrt
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Bewertung:
Die Nacherzählung des bewegten Lebens der Mitbegründerin der religiösen Shaker-Bewegung Ann Lee (1736-1784) ist eine amerikanisch-britisch-schwedische-norwegische Koproduktion, was darauf verweist, dass es nicht leicht war, eine ausreichende Finanzierung zu finden, und war einer der ungewöhnlichsten Beiträge im Hauptprogramm der diesjährigen BERLINALE. Der Film von Regisseurin Mona Fastvold lebt von seiner authentischen Ausstattung und seinem naturalistischen Stil, der sich mit Elementen des Musicals paart. Die Eigenheit der im späten Mittelalter aktiven Sekte der Shaker, sich durch Atemtechniken, ein rhythmisches Emporstrecken der Arme und ein intensives Schütteln des Körpers in Ekstase zu tanzen, illustriert der Film durch mehrere spektakulär choreografierte Szenen. Die aufpeitschende Musik von Komponist Daniel Blumberg unterstützt den Versuch, die Zuschauer in die Zeremonien der hypnotisierenden Gottesanbetung hineinzuziehen, wirkungsvoll.
Dennoch – oder deswegen – ist der Film nicht leicht zu konsumieren, sondern erfordert eine Toleranz gegenüber dem Pathos und der Inbrunst, mit der hier religiöse Handlungen zelebriert werden. Die mangelnde Toleranz in ihrer Heimat England war es denn auch, dass die Shaker wie so viele andere freikirchliche Gruppierungen oder Sekten sich nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents zur Auswanderung und Missionierung entschlossen. Wie es zu dieser Flucht nach vorn bzw. gen Westen kam, zeigt Mona Fastvold im ersten Drittel ihres Films mit dem Fokus auf Ann Lee – grandios verkörpert von einer mitreißenden Amanda Seyfried. Ann Lee traf ein Schicksal, wie es abertausende von Frauen im Mittelalter ebenfalls erleiden mussten: Die noch sehr junge Ehefrau unterwirft sich ihrem Mann (Lewis Pullmann), wie es die religiösen Überzeugungen und das Umfeld vorsahen. Der knechtete sie zwar nicht über das damals Übliche hinaus, aber eine erfüllte Ehe wurde die der Lees dennoch nicht, denn die Kinder, die aus Anns zahlreichen Schwangerschaften hervorgehen, sterben entweder unmittelbar nach der Geburt oder im Laufe einiger Monate.
Eindringlich wird gezeigt, dass die fortgesetzten körperlichen Torturen, eine solche Abfolge bitterer Enttäuschungen durchzustehen, nicht ohne Folgen für die psychische Verfassung bleiben. Die Seele verhärtet sich, bevor die neue Art der Religionsausübung, sich den Schmerz quasi aus dem Leib zu schreien und zu schütteln, einen Ausweg aufzeichnet: Gott soll nicht exklusiv die ganze Härte gegenüber seinen Gläubigen ausüben dürfen, sondern die Gläubigen selbst verordnen sich strenge Askese und Enthaltsamkeit. Strenger noch als die katholischen und evangelikalen Kirchen sahen die Shaker im Verzicht auf Sexualität einen unverstellten Weg zur lebbaren Spiritualität.
Amanda Seyfried bringt in diesen Szenen eine überzeugende Bandbreite von schierer Verzweiflung bis zu bedingungslosem Tatendrang zum Ausdruck, und man kann sich den Film ohne sie nicht so mitreißend vorstellen. Auch die Überfahrt einer kleinen Gruppe von Shakern zusammen mit einigen Seeleuten über den teils tosenden Atlantik, die ersten Versuche freies Land zu besiedeln und schließlich das missionarische Wirken in der Einöde Neuenglands werden ebenso schonungslos und unromantisch präsentiert wie das vorige Leben in England; Armut, Krankheiten, schwere Arbeit und koloniale Bürgerkriege machen das Dasein unberechenbar, leidvoll und mühsam. Dass die Shaker unter den schwierigen Umständen nie ans Aufgeben dachten und allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Weg gingen, nötig Respekt ab. Der zwiespältige, manische Missionierungsdrang, ohne den die Gruppe wohl nicht so eng verbunden gewesen wäre, wird vom Drehbuch und der Regie nicht diffamiert, aber auch nicht verklärt.
Die große Leistung des Films ist, dass er eine sehr präzise und intensive Darstellung einer historischen Situation bietet, die Wirkungen bis in unsere Zeit hat. Wer die untergründigen oder offen zur Schau gestellten, missionarischen und moralischen Tendenzen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft besser nachvollziehen möchte, wird diesen Film mit Gewinn sehen; aber auch solche, die ganz konkret über die Geschichte der Freikirchler im kolonialen Kontext etwas lernen möchten. Im Nachspann wird übrigens noch erwähnt, dass die nordamerikanischen Shaker zeitweise bis zu Zehntausende Anhänger mobilisieren konnten, aber vor einigen Jahren auf ganze 2 geschrumpft waren. Seitdem nähert man sich wieder dem zweistelligen Bereich – ganz so wie vor über 300 Jahren.
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The Testament of Ann Lee | © 2025 Searchlight Pictures, Walt Disney
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Max-Peter Heyne - 12. März 2026 ID 15752
https://www.thetestamentofannlee.de/
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