Die Natur,
die Welt und
das Selbst
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Bewertung:
Es ist selten, dass sich die Kritiker weitgehend einig sind, doch die meisten haben Ildikó Enyedis Film Silent Friend ihre einhellige Zustimmung erteilt. Denn es sind zweieinhalb Stunden entschleunigtes filmisches Geschehen so fesselnd geraten, dass sie wie im Flug vergehen und man gerne noch mehr gesehen hätte.
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Als der aus Hongkong stammende Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) im Jahr 2020 einen Lehrauftrag an der Universität Marburg erhält, ahnt er noch nicht, dass er diese Aufgabe nicht lange innehaben wird. Nach einem guten Anfang kommt es zum Lockdown wegen Covid, und die Welt steht still. Tony ist in einer Gästewohnung auf dem Campus untergebracht, und außer ihm gibt es da nur noch den griesgrämigen Hausmeister Anton (Sylvester Groth), der mit dem fremdländischen Gast wenig anzufangen weiß. Das Leben in den riesigen leeren Gebäuden ist irgendwie gespenstisch. Da er keine neurowissenschaftlichen Experimente an Menschen mehr vornehmen kann, hat sich Tony einen uralten Gingko-Baum in der eindrucksvollen Parkanlage der Hochschule ausgesucht, an dem er Messungen vornehmen will.
Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi hat in ihrem Drehbuch zwei weitere Zeitebenen geschaffen, in denen der majestätische Gingko-Baum eine Rolle spielt:
Im Jahr 1908 stellt sich die junge Grete (Luna Wedler) der Aufnahmeprüfung für ein Studium der Botanik. Sie ist dabei dem Zynismus und dem Sexismus der Prüfungskommission ausgeliefert, namentlich den Anzüglichkeiten von Prof. Winterhalter (Rainer Bock), schafft aufgrund ihrer Kenntnisse aber die Aufnahme. Damit ist sie die einzige Frau auf dem Campus in der Wilhelminischen Ära. - Das Universitätsleben sieht in den 1970er Jahren ganz anders aus, als der schüchterne Student Hannes (Enzo Brumm) durch Messungen an einer Geranie eine innere Wandlung erfährt, als er erkennt, dass diese auf Stress reagiert. Der Kameramann Gergely Pálos hat in drei unterschiedlichen Aufnahmeverfahren gefilmt. HD in der Gegenwart, 16mm-Farbfilm für die 1970er Jahre und herrlicher schwarz-weißer 35-mm-Film, der fantastische Tiefenschärfe sowie Licht- und Schatteneinstellungen möglich macht.
Der Film ist eine Entdeckungsreise zum Wesen der Pflanzen, aber auch eine des Menschen zu sich selbst. Er illustriert unsere Verbundenheit mit der Natur und mit einem größeren Ganzen. Als die entschlossene Grete den Fotografen Herrn Fuchs (Martin Wuttke) bittet, sie in die Geheimnisse der Fotografie einzuweihen, ist er angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Frau handelt, zunächst sehr skeptisch. Später aber teilen sie die Begeisterung über die Möglichkeiten der Fotografie, und Grete macht Aufnahmen von ganz gewöhnlichen Pflanzen, die durch den Einfluss von Licht und Schatten ungewöhnliche Einblicke in deren Beschaffenheit geben. (Enyedi hat sich von den Fotografien Karl Blossfeldts aus dieser Zeit inspirieren lassen).
Da ist im Jahr 1972 die Technik schon weiter fortgeschritten, und die Studentin Gundula (Marlene Burow) kann projektbezogen Langzeitmessungen an einer Geranie vornehmen. Als ihr Kommilitone Hannes die Pflanze in den Ferien betreut, ist er auf einmal Feuer und Flamme für die Botanik. Er macht Versuche und findet heraus, dass Pflanzen je nach Umgebung Wohlbefinden, aber auch Stress entwickeln können. Der begeisterte Rilke-Leser erkennt daraufhin Zusammenhänge zwischen Natur, der Welt und ihm selbst.
Enyedi schuf auch eine Spiegelszene zur Aufnahmeprüfung von Grete 1908. Im Jahr 2020 will der beschäftigungslos gewordene Tony Messungen am Gingko-Baum durchführen und hat mehrere Videogespräche mit Alice Sauvage (Léa Seydoux), die sich darauf spezialisiert hat. So wird der Herr Professor zum Schüler einer Frau, und das geschieht auf völlig unverkrampfte und natürliche Weise. Hier schließt sich ein weiterer Kreis, denn während zu Wilhelminischer Zeit Gespräche über die Sexualität von Pflanzen peinlich waren, werden sie jetzt ganz selbstverständlich und auf Augenhöhe geführt. Während Tony und Alice selber nichts gegen ihre Isolation durch den Lockdown tun können, verhelfen sie wenigstens dem Gingko-Baum zu einem Glücksgefühl...
Enyedi, bekannt für ihre feinfühlige Art und ihren subtilen Humor, hat das Drehbuch mutig dem Mimen Tony Leung Chiu-wai auf den Leib geschrieben. Dieser zählt zu den besten chinesischen Schauspielern aller Zeiten und hat mit dem legendären Regisseur Wong Kar-wai zusammengearbeitet, mit dem er In the Mood For Love drehte und im Jahr 2000 seinen internationalen Durchbruch erlebte. Leung hatte noch in keinem europäischen Film mitgewirkt und stimmte zu. Seine Schauspielkunst allein macht das Werk zu einem Kleinod, zusammen mit Luna Wedler und Enzo Brumm entstand auch eine Befindlichkeit der Menschen über die vergangenen 100 Jahre hinweg. Es haben sich auch für kleine Nebenrollen die besten ihres Fachs dazu gesellt, darunter Rainer Bock und Martin Wuttke als zwei Gegenpole im Patriarchat: Bock als streng wissenschaftlicher Professor und Wuttke als Fotograf, der dieses Medium auch als Kunstform versteht. Beide sind mit Gretes weiblichem Wissensdrang auf ihre Art herrlich überfordert.
Alle drei Protagonisten werden auf sich selbst zurückgeworfen und reflektieren ihre jeweiligen Lebensumstände. Der Gingko-Baum steht unbewegt und scheinbar unbeteiligt und erweckt den Eindruck einer kleinen Ewigkeit. Die Entdeckung, dass sich tief in seinem Inneren doch etwas regt, ist magisch und verbindet uns mit ihm und der Pflanzenwelt.
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Der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) stellt im Rahmen seiner Gastprofessur Forschungen an einem Baum an | © Lenke Szilágyi/ Pandora Film
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Helga Fitzner - 15. Januar 2026 ID 15651
Im Jahr 1973 erschien das Pionierwerk Das geheime Leben der Pflanzen von Peter Tompkins und Christopher Bird erstmalig im englischsprachigen Original, das auch in deutscher Übersetzung viel Aufmerksamkeit erzielte und immer wieder verlegt wird. Die Entdeckung, dass Pflanzen Bio-Signale aussenden, die über ihren „Seelenzustand“ Auskunft geben, revolutionierte damals unser Naturverständnis.
https://www.pandorafilm.de
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