Machtspiele
auf dem Sozius
der Lust
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Bewertung:
Das humorvoll erzählte, britisch-irische Beziehungsdrama Pillion setzt sich radikal über konventionelle Liebesvorstellungen hinweg: Ein unauffälliger Mittdreißiger bricht aus seinem eintönigen Vorstadtleben aus, als er sich auf eine obsessive, sexuell aufgeladene BDSM-Beziehung mit einem charismatischen, deutlich älteren Motorradfahrer einlässt. Der Filmtitel „Pillion“ wird im Deutschen wörtlich mit „Sozius“ übersetzt, abgeleitet vom lateinischen socius für „Gefährte“. Er steht für den Beifahrer auf einem Motorrad und im übertragenen Sinne für die Machtdynamik und Rollenverteilung in der Beziehung der beiden Hauptfiguren. In der queeren Biker-Szene und im Beziehungsgefüge des Films steht das „Mitfahren auf dem Sozius“ symbolisch für den passiven, unterwürfigen Part (den „Bottom“ oder „Sub“).
Die Kernhandlung dreht sich um Colin (Harry Melling), der sich dem Biker Ray (Alexander Skarsgård) unterwirft (Sub), während dieser die Kontrolle und Führung ausübende Rolle (Dom) einnimmt. Colin zeichnet eine gewisse knuffige Tollpatschigkeit aus; er scheint ständig überfordert, gibt jedoch sein Bestes. Seine Offenheit, Unsicherheit und Suche nach dem eigenen Platz im Leben wird charmant getragen von einer natürlichen Ausstrahlung, wenn er vertrauensvoll Verletzlichkeiten zulässt. Ray wird hingegen selbstbewusst, entschlossen und unnahbar mit strahlender Präsenz und einer hünenhaften Rohheit gezeichnet, die man so auf der Leinwand selten sieht. In der von Ray vorgegebenen Dynamik lernt Colin symbolisch strikte Regeln und Tabus der Leder- und Kink-Szene kennen, die permanent zwischen den beiden stehen und ihr Handeln bestimmen. Colins Eltern (gespielt von Lesley Sharp und Douglas Hodge) mischen sich seit Jahren in das Leben ihres einzigen Kindes ein. Insbesondere Peggy, die an Krebs im Endstadium leidet, hinterfragt die obsessive Beziehung ihres Sohnes zunehmend.
Colin überredet im Mittelteil des Films Ray, einem Familienessen mit seinen Eltern beizuwohnen. Seine Mutter wundert sich, dass er über den Beruf seines Partners nichts mitteilen kann, da dieser auch vor Colin private Details diskret geheim hält. In den Minuten 00:58-01:03 kommt es so zu einem Schlagabtausch, bei dem Peggy mit dem Partner ihres Sohnes offen hadert, dessen Grenzen ausreizt, ihre Fragen zuspitzt und sich fassungslos und zornig aufbäumt:
„Peggy: 'Was ist los mit Ihnen?'
Ray: 'Was los mit mir ist?'
Peggy: 'Ja, was ist los mit Ihnen?'
Colin: 'Mom, lass uns bitte das Thema wechseln.'
Pete: 'Ja, sehe ich auch so. Lass…'
Peggy: 'Nein, nein, nein, Ray. Ich denke, ich bin niemand, der jemanden verurteilt. Ich bin nur interessiert. Was verbergen Sie? Haben Sie noch ein anderes Leben? Haben, haben Sie noch einen Ehemann irgendwo? Oder eine Ehefrau? Ist es das, was diskret eigentlich bedeutet? Heißt es, Sie haben eigentlich zwei Frauen und zehn Kinder?'
Colin: 'Dazu musst du nicht antworten.'
Ray: 'Oh, danke dir. Das werde ich mir merken.'
Colin: 'Tut mir leid.'
Peggy: 'Ich bin mir nicht sicher, ob mir gefällt, wie Sie mit meinem Sohn reden.'
Ray: 'Nun, das ist in Ordnung. Das muss Ihnen auch nicht gefallen.'
Peggy: 'Was war das bitte?'
Ray: 'Ich merke, dass ich Ihnen unangenehm bin. Dass Ihnen unsere Beziehung unangenehm ist. Aber zu entscheiden, dass das, was Ihnen unangenehm ist, auch falsch für Ihren Sohn ist - ehrlich gesagt, ist das eine ziemlich rückständige Denkweise.'
Peggy: 'Entschuldigung?'
Ray: 'Sie klingen ein wenig ignorant.'
Peggy: 'Nun, Sie klingen wie ein Arsch.'
Colin: 'Mom!'
Peggy: 'Nein, Col. Es tut mir leid. Ich will wissen, bevor ich sterbe, will ich wissen, ob mein Sohn mit einem Irren zusammen ist. Ist das zu viel verlangt?'
Colin: 'Lass uns über etwas anderes reden.'
Peggy: 'Colin, du weißt nicht, wer er ist. Du weißt nicht, was er tut. Du weißt nicht: Ist er ein Friseur oder ein Serienkiller? Er könnte auf der Flucht sein.'"
Daraufhin ergibt sich ein von Konfliktlinien durchzogenes Terrain zwischen Ray und Colins Eltern.
Der Regisseur und Drehbuchautor Harry Lighton lässt hier die Situation eskalieren, indem Colin und Ray das Essen bewusst verlassen. Lighton hat eine große Zugewandtheit zu den Figuren und zeichnet mit Colin eine liebenswerte Hauptfigur, die viel redet, während Ray knapp antwortet und stets wenig verrät. Ray bleibt ein bewusst überzeichneter, undurchsichtiger und eindimensionaler Dom-Charakter, der sich in einem leeren, aufgeräumten Appartement mit unpersönlichen Dingen umgibt. Rays Persönlichkeit, seine Interessen und seine Eignung zur Hingabe bleiben farblos und fragwürdig. Als Colin anfängt, eigene Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse zu formulieren, ruppig wird und an Kontur gewinnt, wird Rays Angst vor Kontrollverlust erkennbar. Seltene Momente der Weichheit wirken hier nach.
Jake Shears, Frontsänger der Scissor Sisters, überrascht in einer Nebenrolle als Sub Kevin, der Colin in der Biker-Szene Ratschläge gibt, während er zugleich in der gelebten BDSM-Subkultur in Konkurrenz zu ihm steht.
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Pillion ist ein Film über Lust, Leidenschaft, Neuanfänge, Einsamkeit, das Älterwerden, Machtgefälle und was das mit einer ungleichen Beziehung macht. Die eigenwilligen Figuren gehen mitten ins Herz, wenn gegen Ende die Grenzen von Macht in Beziehungen neu ausgelotet werden. Das leichtfüßige Spielfilmdebüt des heute 33-jährigen Filmemachers gewann bereits mehrere Filmpreise wie etwa vier British Independent Film Awards (BIFA) – darunter als Bester britischer Independent-Film und für das Beste Drehbuchdebüt. Das queere Drama besticht mit subtilem Schauspiel und wird getragen von einer bewegender Filmmusik, welche die Handlung gleich zu Beginn antreibt.
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Pete (Douglas Hodge) und Peggy (Lesley Sharp) beobachten in der Dämmerung, wie sich ihr schüchterner Sohn Colin (Harry Melling) vor der heimischen Garage hinter den mysteriösen Biker Ray (Alexander Skarsgård) auf ein abfahrbereites schwarzes Sportmotorrad setzt. | © Element Pictures/ Weltkino Filmverleih
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Ansgar Skoda - 1. Oktober 2026 ID 16068
Weitere Infos siehe auch: https://weltkino.de/filme/pillion
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