Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Dänisches Kino

Nachwirkungen



Bewertung:    



In Krankenhäusern entscheiden Einschätzungen von Ärzten mitunter über Leben und Tod. Fehler dürfen da nicht passieren, und der fähigen Neurologin Alexa (Özlem Saglanmak) sind bislang auch noch keine unterlaufen. Das ist schon ein kleines Wunder auf einer Schlaganfallstation, auf der oft Notfälle eingehen, bei denen Minuten über den Erfolg oder Misserfolg einer Therapie bestimmen können. Die dänische Regisseurin und Drehbuchautorin Zinnini Elkington beschreibt in ihrem Debütspielfilm Nachbeben den Klinikalltag, der von Personalknappheit, Hektik und in ihrem Skript sogar von dem temporären Ausfall der elektronischen Patientendateien geprägt wird. Trotzdem gelingt es Alexa, einer akut gefährdeten Patientin aufgrund einer mutigen Entscheidung unter Zeitdruck das Leben zu retten.

Dieser Fall wird parallel zu dem des jungen Oliver (Jacob Spang Olsen) gezeigt, der von seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) ausgerechnet an seinem 18. Geburtstag in die Klinik geschleppt wird. Alexa schätzt aufgrund der unauffälligen neurologischen Tests die Lage als harmlos ein und unterlässt es, vorsichtshalber eine Magnetresonanztomografie (MRT) machen zu lassen. Oliver bricht noch im Krankenhaus zusammen, und bei ihm wird eine Hirnblutung diagnostiziert. Hätte bei rechtzeitiger MRT die Blutung früher festgestellt und behandelt werden können? Die Mutter schwebt zwischen Hoffen und Bangen und realisiert erst nach und nach, wie schlecht es ihrem Sohn geht, der im Koma liegt, aus dem er nie wieder erwachen wird.

Alexa gibt sich die Schuld an Olivers Zustand, und in der Folge konzentriert sich der Film auf ihr Erleben. Der Originaltitel Det andet offer (dt.: "Das andere Opfer") ist da eindeutiger. Denn neben den persönlichen Vorwürfen, die sich die Ärztin macht, gibt es auch Auseinandersetzungen mit den Kollegen und Olivers Mutter. Camilla will Alexa verklagen, und das Team wendet sich zunächst gegen sie. Der Radiologe Ragnar (Anders Hove) beschwert sich immer darüber, dass Untersuchungen, wie MRT, oft angeordnet werden, obwohl sie medizinisch nicht indiziert sind, sondern um sich gegen mögliche juristische Folgen abzusichern: "Defensivmedizin ist unser Ende", sagt er. Das ist die andere Seite der Medaille. Es wird nicht schlüssig der Frage nachgegangen, ob Olivers Hirnblutung bei sofortiger MRT behandelbarer gewesen wäre. Um das Thema eines möglichen ärztlichen Kunstfehlers geht es Elkington auch nicht. Ihre Schwester ist Ärztin, und durch deren Erzählungen ist die Filmemacherin auf ihr Sujet für den Film gestoßen.

Der langjährige Neurochirurg Esben (Olaf Johannessen) beschimpft Alexa, weil sie der Mutter Hoffnung auf Besserung gemacht hat, die aus neurochirurgischer Sicht nicht mehr bestünde. Er ist da Pragmatiker, während Alexa die Empathie-Begabtere ist. Fachlich relativiert er ihre „Schuld“. In Krankenhäusern wird gestorben, was sich nicht ändern lässt. Im Laufe der Zeit habe jeder Mediziner seinen eigenen Friedhof, erklärt er Alexa. Wenn die Lebensuhr eines Menschen abgelaufen ist, muss das irgendwann akzeptiert werden. Trotz ihrer angeschlagenen Verfassung will Alexa Olivers Eltern selbst darauf ansprechen, dass sich ihr Sohn im Register für Organspender hat eintragen lassen. Während sein Vater Karl (Anders Matthesen) den Wunsch seines Sohnes respektiert, ist der Gedanke daran für Camilla viel zu früh und überfordernd. Aber auch das gehört zum Alltag und den Herausforderungen in einem Krankenhaus, die von Elkington weitgehend authentisch, detailliert und gut beobachtet geschildert und von der Kamerafrau Mia Mai Dengsø Graabæk feinfühlig in Szene gesetzt werden; darunter auch die mit furchtbar grellen Farben und Formen bemalten Gänge und Wände, die den in ihrer Wahrnehmung gestörten Patienten Orientierung geben sollen.

*

Die schauspielerischen Leistungen sind beeindruckend, insbesondere die von Trine Dyrholm als verzweifelte Mutter und Özlem Saglanmak. Elkington nimmt sich auch ein wenig Zeit, um auf die Hintergrundgeschichten der beiden Protagonistinnen einzugehen. Camilla hat ihr einziges Kind erst spät und durch ärztliche Hilfe bekommen können. Alexa ist vor ein paar Monaten Mutter geworden und hat gerade abgestillt. Die Filmemacherin thematisiert zwar einige Missstände, von denen der Personalmangel gravierend ist, stellt aber die menschlichen Faktoren in den Vordergrund und erschafft ein recht umfassendes Bild einer schwierigen Lage. Sie setzt die filmischen Mittel weitgehend ökonomisch ein und verlässt sich auf ihr Schauspielensemble. Gegen Ende hätte die dramatisierende Musik vielleicht etwas dezenter ausfallen können, denn Saglanmak trägt den Film durch ihr intensives Spiel. Das sind aber nur Mäkeleien auf hohem Niveau, das gelungene Erstlingswerk wurde bei nordischen Filmfestivals schon mit etlichen Preisen gewürdigt und das wird sich wohl fortsetzen.



Die Neurologin Alexandra (Özlem Saglanmak) kann bei der neurologischen Untersuchung des jungen Oliver (Jacob Spang Olsen) keine krankhaften Veränderungen feststellen, worüber seine Mutter Camilla (Trine Dyrholm) erleichtert ist | © 2026 Lighthouse

Helga Fitzner - 6. Mai 2026
ID 15836
Weitere Infos siehe auch: https://nachbeben-film.de/


Post an Helga Fitzner

Dokumentarfilme

Neues deutsches Kino

Spielfilme, international

UNSERE NEUE GESCHICHTE



Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!    



Vielen Dank.



 

FILM Inhalt:

Rothschilds Kolumnen

BERLINALE

DOKUMENTARFILME

DVD

FERNSEHFILME

HEIMKINO

INTERVIEWS

NEUES DEUTSCHES KINO

SPIELFILME

TATORT IM ERSTEN
Gesehen von Bobby King

UNSERE NEUE GESCHICHTE
Reihe von Helga Fitzner



Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal

 


Home     Datenschutz     Impressum     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2026 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)