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Filmkritik

Ein guter Dämon

und die Rechte

der Natur



Bewertung:    



„Die alten Griechen glaubten, dass kreative Menschen... von einem Dämon verfolgt werden, der sie mit guten Ideen inspiriert... Ein Dämon konnte so gesehen eine Art Muse sein, die dem Helden gute Ratschläge ins Ohr flüstert“, erklärt der isländische Regisseur Benedikt Erlingsson, der mit seinem neuen Film Gegen den Strom die skurrile Geschichte einer auf den ersten Blick harmlos erscheinenden Chorleiterin schildert, die es als Umweltaktivistin aber faustdick hinter den Ohren hat. Sie ist die polizeilich gesuchte „Bergfrau“, die immer wieder Stromleitungen für eine Aluminiumfabrik lahm legt, und weil sie sehr geschickt ein Doppelleben führt und gleichzeitig bei ihrer Flucht über das isländische Hochland schon fast wie eine Actionheldin den Verfolgern entkommt, wurde sie bislang nicht gefasst.

In Island macht sich eine Aluminiumschmelzhütte breit und schadet der Umwelt. Das scheint trotz der fatalen Lage des Planeten kaum jemanden zu interessieren, denn die Politiker und die Arbeiter wollen ihren Industriestandort in der strukturschwachen Region behalten. Also agiert Halla (Halldóra Geirharõsdóttir), eine 49jährige alleinstehende Frau, auf eigene Faust. Wenn sie mit Pfeil und Bogen im einsamen Hochgebirge unterwegs ist, trägt das schon mythische Züge. Sie schießt Metallseile über Strommasten und legt damit die Energieversorgung des Konzerns lahm. Gekonnt weicht sie Hubschraubern und Wärmekameras aus, setzt Drohnen außer Gefecht und schlägt der Polizei immer wieder ein Schnippchen.



Halla (Halldóra Geirharõsdóttir) kämpft mit Pfeil und Bogen gegen einen übermächtigen Konzern | © Pandora Film Medien GmbH


Doch dann treten zwei Ereignisse ein, die unvereinbar miteinander sind. Da die Aluminiumfabrik ihre Energieversorgung geändert hat, müsste sie nun mit Sprengstoff hantieren, um einen ganzen Mast zum Einsturz zu bringen. Die Polizei ist derweil mit Eliteeinheiten auf ihrer Spur, und so dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, wann sie erwischt wird. Zeitgleich ist ein Brief eingegangen in Sachen eines Adoptionsantrags, den sie vor vier Jahren gestellt und fast vergessen hatte. Sie kann ein kleines Waisenmädchen aus der Ukraine adoptieren. Das ginge vom Gefängnis aus schlecht. Denn obwohl ihre Gründe gut und richtig sind, die Umwelt für sich und kommende Generationen zu retten, weiß sie schon, dass sie gegen geltendes Gesetz verstößt...

Dies ist Erlingssons zweiter abendfüllender Film nach Von Pferden und Menschen (2013) und gleich wieder ein Erfolg, der schon mehrere Preise gewonnen hat. Der trockene Humor, die Eigenwilligkeit, die Skurrilität der Menschen und Situationen sind wieder einmal wundervoll. Der Film wird von der isländischen Schauspielerin Halldóra Geirharõsdóttir getragen, die fast die ganze Zeit im Fokus steht. Geirharõsdóttir ist in Island auch als Musikerin und Theaterregisseurin bekannt. Filmmusik gibt es nur onscreen. Ein Trio mit Tuba, Klavier und Schlagzeug spielt sichtbar, irgendwo in der Heidelandschaft platziert, in Hallas Wohnung, auf Häuserdächern, von denen sie ihre Pamphlete wirft. Sie sind sozusagen Hallas persönliche Begleitband, die aber innerfilmisch von niemandem wahrgenommen wird. Drei Frauen in ukrainischer Tracht singen dazwischen traditionelle Lieder aus der Ukraine, vielleicht als Ruf gedacht, sich des Waisenkindes dort anzunehmen. So wird auch auf der Tonebene der Konflikt zwischen der Rettung der Umwelt und dem persönlichen späten Mutterglück dargestellt. In Island ist auch eine Legende bekannt, in der eine Halla und ein Eyvindur im 17. Jahrhundert als Gesetzlose 20 Jahre im Hochland überlebten. Obwohl der Film eine Komödie ist, meint Erlingsson es mit der Öko-Botschaft ernst: „Für mich ist es selbstverständlich, dass die 'Rechte der Natur' Bestandteil jeder Verfassung sein sollten und national wie international per Gesetz verteidigt werden müssten. Wir müssen begreifen, dass die unberührte Natur ein Recht hat zu existieren und dieses durchsetzen sollten, ungeachtet unserer menschlichen Bedürfnisse oder unserer ökonomischen Systeme.“

Erlingsson bringt scheinbare Gegensätze wie Legenden und Realität übereinander, teilt gegen die Konzerne und den Überwachungsstaat aus, bringt Komödie und Thriller wunderbar unter einen Hut. Das Ganze schafft er noch in unterhaltsamer und engagierter Form. Mit der Hauptdarstellerin ist er sehr lange bekannt, sie haben als Kinder schon zusammen auf der Bühne gestanden. Dazu kommt noch der gelungene und zweideutige deutsche Titel Gegen den Strom, der sowohl die Strommasten wie "gegen den Strom schwimmen" bedeuten kann.

*

Der Film kommt am 13. Dezember 2018 in die deutschen Kinos, einen Tag vor dem Ende der UN-Klimakonferenz im polnischen Kattowitz. Wenn die Botschaft dieses Films nur in deren Beschlüsse einfließen könnte, wären wir ein wichtiges Stück weiter.
Helga Fitzner - 12. Dezember 2018
ID 11097
Weitere Infos siehe auch: https://www.gegen-den-strom-film.de/


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