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UNSERE NEUE GESCHICHTE (Teil 61)

Schleichender

Abschied



Bewertung:    



Die Künstlerin Hanne (Dagmar Manzel) staunt nicht schlecht, als über 20 Jahre nach der Scheidung ihr Ex-Mann Kurt (Harald Krassnitzer) vor der Tür steht und so tut, als wäre er bei ihr noch zu Hause. Ihr derzeitiger Ehemann Bernd (August Zirner) entdeckt ein Band an Kurts Handgelenk, und sie finden heraus, dass dieser aus der Kurzzeitpflege ausgebüxt ist. Seine Tochter Samira (Lene Dax) befindet sich auf einer Dienstreise im Ausland, und nun müssen Hanne und Bernd schauen, wie sie mit dem ungeladenen Besucher umgehen. In die Kurzzeitpflege kann er nicht zurück, weil die niemanden gegen seinen Willen dort behalten dürfen, und auf einen Pflegeplatz muss man bis zu zwölf Monate warten. Kurt will seine Ex-Frau für sich beanspruchen und versteht ihre Ablehnung nicht. Bernd hat offensichtlich etwas Erfahrung im Umgang mit Alzheimer-Patienten, und als pensionierter Pfarrer ist er Menschen sehr zugewandt.

Der Debütspielfilm Der verlorene Mann von Welf Reinhart (31) ist in erster Linie ein Liebesfilm und zeigt, wie die zunächst unfreiwillige Ménage à trois zusammenwächst. Das Drehbuch dazu hat Reinhart in Zusammenarbeit mit seiner ehemaligen Kommilitonin Tünde Sautier (29) geschrieben, mit der er die Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF München) besuchte und dort schon zusammenarbeitete.

Reinhart gründete bereits im Jahr 2017 mit seinem Studienkollegen Louis Merki eine eigene Produktionsfirma, mit der er im Jahr 2021 noch während seines Studiums den Übungsfilm Eigenheim produzierte, für den er den Studenten-Oscar 2022 verliehen bekam. Sein Kameramann bei Der verlorene Mann, Micky Graeter, ist ebenfalls ein Absolvent der HFF München, wie auch die jungen Gründer der Produktionsfirma Maverick Philipp Maron und Tristan Bähre, die den Film mitfinanzierten. Dem jungen Team stand Ulrike Tortora als erfahrene Cutterin zur Seite, die u.a. Honorarprofessorin an der HFF München ist. Für die Arbeit vor der Kamera waren ebenfalls erprobte Filmschaffende nötig. Drei so hochkarätige Mimen wie Zirner, Krassnitzer und Manzel gemeinsam vor die Kamera zu bekommen, ist allerdings ein riesiger Glücksfall. Dazu brauchte es Ratschläge, Unterstützung und engagierten eigenen Einsatz. Dann war es auch nicht schwer, den Bayerischen Rundfunk als Co-Produzent mit ins Boot zu holen.

*

Der Film weist einen Tiefgang und eine Reife auf, die für einen Filmemacher von gerade mal Anfang 30 schon phänomenal sind. Reinhart hat sich nach seinem Studenten-Oscar mit seinem ersten Spielfilm Zeit gelassen. Er machte eine Ausbildung zum Demenz-Helfer und Erfahrung in der Betreuung, sodass er sehr genau wusste, worüber er schrieb. Obwohl Der verlorene Mann in erster Linie ein Liebesfilm ist, sind seine diesbezüglichen Beobachtungen sehr präzise, die von Harald Krassnitzer als Kurt auch genauso umgesetzt werden. Wenn Angehörige erstmals mit einem Alzheimer-Kranken umgehen müssen, begehen sie klassische Fehler. Kurts Ex-Frau konfrontiert ihn mit dem Umstand, dass sie seit 20 Jahren geschieden sind und sie jetzt mit Bernd verheiratet ist. Daraufhin läuft Kurt weg und wird später von der Polizei an einer Bushaltestelle gefunden. Hanne lernt die Lektion, aber sie ist mit ihrem Schmerz allein gelassen und kann, wie viele Angehörige, Kurt mit ihren Themen und Verletzungen nicht mehr konfrontieren. Kurt ist nicht mehr in der Lage, sich an seine schlimmen Taten zu erinnern, geschweige denn, sie zu bereuen und wieder gut zu machen. Im Gegenteil ist er sehr liebebedürftig.

Reinhart hat unglaublich gute Ideen verwirklicht. Bernd baut für Kurt in der Nähe des Hauses eine Art Busstation mit Bank auf, damit Kurt einen Ort hat, an den er fliehen kann, wenn er überfordert ist. Bernd erklärt ihm, dass die drei eine offene Beziehung leben, womit Kurt sich gut arrangieren kann. Es kommt natürlich auch zu kleineren Hahnenkämpfen zwischen beiden Männern, aber die sind harmlos und amüsant. Bernd kann mit der Lage deshalb so gut umgehen, weil er das Experiment jederzeit abbrechen darf und weiß, dass er eine Frau hat, die nicht einmal ihren geschiedenen Mann in der Not im Stich lässt. Nachdem Hanne die Verletzungen einigermaßen überwunden hat, bessert sich ihr Verhältnis zu Kurt, den sie damals sehr geliebt hat. Am Anfang des Films ist auch noch genug von Kurt übrig, dass die Zuschauer nachvollziehen können, was für ein charmanter und liebevoller Mann er eigentlich ist. Doch sein Zustand verschlechtert sich: War er am Anfang bei Autofahrten im Fond des Wagens noch aktiv, schläft er nun auf dem Rücksitz. Das erhöhte Schlafbedürfnis im Wechsel mit Unruhezuständen sind typische Merkmale der Erkrankung, gegen die man nicht gewinnen kann. Krassnitzer spielt Kurts Verfall auch mit zunehmend charakteristischer Körperhaltung, den Kopf nach vorne gebeugt, der obere Rücken rund und der Gang schlurfend.

Reinhart hat viele schöne Einzelheiten inszeniert und gesteht seinen betagteren Figuren auch ihre Sexualität zu. Die beiden österreichischen Charme-Bolzen und Manzel mit ihrer Berliner Beherztheit sind ein Traum-Trio, haben sichtlich Freude aneinander und brillieren in einem grandiosen Zusammenspiel. Es ist beachtenswert, wie gut hier jung und alt miteinander ein Werk geschaffen haben, das einen hohen künstlerischen Anspruch erfüllt, aber auch als Unterhaltungsfilm fungiert. Die Nachwuchs-Produzenten von Merki und Reinhart Film sowie von Maverick Film wollen kein abgehobenes Kino für verhältnismäßig wenige Interessierte schaffen, sondern gesellschaftlich relevante Filme für die Allgemeinheit, und das ist gelungen. Insgesamt ist das Ergebnis von Wahrhaftigkeit und Mitmenschlichkeit getragen und porträtiert in gut beobachteter Weise ein wachsendes medizinisches Phänomen unserer Zeit. Hier erkennen Betroffene, Pflegepersonal und Angehörige auf authentische Weise ihre Erfahrungen wieder, ohne dass die Geschichte in die Betroffenheitsschiene abdriftet. Vermutlich hat es dem Film gut getan, dass Reinhart als Co-Produzent ein erweitertes Mitspracherecht hatte und sein Werk weitgehend nach seinen eigenen Ideen gestalten konnte. Damit verleihen die Macher dem deutschen Film ein begrüßenswertes Stück Zukunftsfähigkeit.



Der an Alzheimer erkrankte Kurt (Harald Krassnitzer re.) ist sehr liebebedürftig und bringt seine Ex-Frau Hanne (Dagmar Manzel) und deren Ehemann Bernd (August Zirner) gelegentlich an ihre Grenzen | © 2026 Maverick Film, Merki-und-Reinhart Film, BR, Filmwelt

Helga Fitzner - 7. Mai 2026
ID 15838
https://www.filmweltverleih.de


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