Tränenlose
Abschiede
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Bewertung:
Der junge Mann namens Meursault (Benjamin Voisin) wird letztlich zum Tode verurteilt, weil er bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat. Das klingt absurd, und genau darum geht es in der Verfilmung des Romans Der Fremde von Albert Camus (1913-1960), der damit die erste berühmt gewordene Geschichte geschaffen hat, die die Philosophie des Absurden illustriert. Als das Buch 1942 (über zwei Jahre nach seiner Entstehung) veröffentlicht wurde, traf es einen Nerv der Zeit und wurde sofort als Meisterwerk erkannt. François Ozon hat sich nun an den als unverfilmbar geltenden Stoff herangewagt, an dem sich 1967 schon der italienische Kultregisseur Luchino Visconti versucht hat, aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Der Roman ist der innere Monolog eines Mannes, der an keine höhere Instanz glaubt, an kein Jenseits und an keinen Sinn im Leben. Religion und jede Art von Überzeugung sind nur ein vergeblicher Versuch, dem Leben eine Sinnhaftigkeit zu verleihen, die es für ihn aber nicht hat. Aus diesem Grund lebt er ohne Illusionen und ohne Anerkennung gesellschaftlicher Gepflogenheiten, die aus dieser künstlichen Sinngebung entstanden sind. Der Film ist in Schwarz-Weiß gedreht, was für eine entsprechende Distanz sorgt.
Während Camus die Handlung chronologisch erzählte, stellt Ozon zuerst das Leben in der algerischen Hauptstadt Algier zur Kolonialzeit vor. Er dokumentiert kurz die unterschiedlichen Lebensweisen der mehr oder weniger rechtlosen Araber und der französischen Besatzer. Anders als Camus beginnt er mit der Verhaftung Meursaults und seiner Einlieferung ins Gefängnis und kreiert damit (wie auch Visconti) einen Spannungsbogen. Der Inhaftierte befindet sich in einer Sammelzelle mit nur wenigen Sitzgelegenheiten, in der sich nur Araber befinden. Als Meursault gefragt wird, warum er verhaftet wurde, antwortet er wahrheitsgemäß, weil er einen Araber getötet hat. Als die Nacht hereinbricht, gibt ihm einer der Häftlinge eine Bodenmatte und zeigt ihm, wie er sich ein Kopfteil daraus formen kann. Meursault nimmt alles hin und verbringt die Nacht ohne äußere Regung selbst angesichts der potentiellen Gefahr durch seine Mithäftlinge sowie der Ratten und des Ungeziefers. Am nächsten Tag wird er verhört und in eine Einzelzelle verlegt.
In einer Rückblende schildert Ozon die nächtliche Totenwache und Beerdigung der Mutter, mit der Camus seine Erzählung begonnen hat. Ihr Sohn hatte sie in ein Pflegeheim geben müssen, da er berufstätig ist. Das gefiel ihr zunächst gar nicht, nun aber erfährt er, dass sie Freundinnen hatte und sogar einen Bräutigam. Die Nacht verbrachte er nach katholischer Sitte am Sarg der Mutter, den er nicht geöffnet haben wollte, und die Beerdigung am nächsten Morgen nahm er teilnahmslos hin. Bei seinem Prozess steht gar nicht der Tod eines arabischen Algeriers im Vordergrund, sondern das Verhalten des Angeklagten. Am Tag nach der Bestattung seiner Mutter ging er im Meer schwimmen, verabredete sich mit seiner Bekannten Marie (Rebecca Marder) zum Kino, die ihn anschließend in seine Wohnung begleitete, wo es zum Beischlaf kam. Da für ihn mit dem Tod alles endet, richtet er sein Leben am Diesseits aus. Auch das empört die Schöffen und den Gerichtssaal.
Meursault nimmt sich keinen eigenen Anwalt, doch sein Pflichtverteidiger (Jean-Charles Clichet) gibt sich redlich Mühe, aber sein Mandant bleibt bei der Wahrheit. Er weigert sich zu lügen und zu behaupten, dass er um seine Mutter trauere und nur nicht in der Lage sei, dies öffentlich kundzutun. Und auch die Tat selbst ist unerklärlich. Der Araber war der Bruder einer Frau, die mit seiner Hilfe von seinem Nachbarn Raymond (Pierre Lottin) in eine Falle gelockt und von diesem misshandelt wurde. Nun sind die Brüder der Frau hinter dem windigen Ganoven Raymond her. Meursault ist mehr oder weniger unbeteiligt in diesen Konflikt geraten und dann auch irgendwie an Raymonds Pistole. Warum er an einem einsamen Strand bei sengender Hitze noch einmal unterwegs war und einen der Brüder, der alleine an einer Quelle lag, erschoss, kann er nicht erklären. Warum er, nachdem er mit dem ersten Schuss tödlich getroffen hatte, noch vier weitere Schüsse auf den leblosen Körper abgab, begründet er mit der Blendung durch die Sonne. Auch das löst einen Aufruhr im Gerichtssaal aus. Selbst hier lügt er nicht und behauptet, durch das Messer des Arabers in Panik geraten zu sein. Der Pflichtverteidiger weiß nicht mehr, wie er ihn noch verteidigen kann. Die Tat erscheint völlig sinnlos, doch unausweichlich. Meursault verbaut sich durch seine Wahrheiten jegliche Möglichkeit für mildernde Umstände. Da es sich „nur“ um einen Araber handelt, steht für das Gericht und die Menschen das ausgelöschte Leben gar nicht im Vordergrund, und er hätte als Franzose gute Chancen gehabt, glimpflich davonzukommen, wenn er sich an die gesellschaftlichen Regeln gehalten hätte.
Am Schluss wird Meursault zum Tode verurteilt, weil er nicht um seine Mutter trauert, obwohl er bislang geflissentlich einer geregelten Berufstätigkeit nachgegangen ist, ein durchaus bürgerliches und unbescholtenes Leben führte, Marie heiraten wollte und, vor allem, kein Motiv für einen Mord hatte. Als eines Tages ein Geistlicher (Swann Arlaud) trotz seiner Ablehnung in seiner Zelle auftaucht, kommt es zum Streit. Es gibt für ihn keinen Gott und kein Jenseits, und er möchte die möglicherweise letzten Stunden seines Lebens nicht mit einem Gott vergeuden, an den er nicht glaubt. Nach diesem Wutausbruch erfährt Meursault eine Art Erweckung, er söhnt sich mit der Sinnlosigkeit und dem Tod aus, und in dieser Akzeptanz macht es für ihn keinen Unterschied, ob er früher oder später stirbt. Am Ende lächelt er glücklich und von der Angst vor dem Tod befreit: Er braucht nicht mehr gegen die Gleichgültigkeit der Welt zu rebellieren, und um sich selbst braucht er auch nicht zu weinen. Damit endet Camus' Erzählung, die unterschiedlich interpretiert wird.
Ozon, der auch das Drehbuch schrieb, hat der misshandelten Araberin (Hajar Bouzaouit) einen Namen gegeben, Djemila, wie auch ihrem Bruder, Moussa (Abderrahmane Dehkani), der am Ende des Films sogar eine Grabstätte bekommt. Ozon weicht damit von Camus ab. Über 80 Jahre nach dem Erscheinen des Buches ist diese Kritik am Kolonialismus durchaus angebracht, auch wenn sie dem Film einen Sinn gibt, der im Gegensatz zu Camus' Original steht. Die schauspielerische Leistung von Benjamin Voisin unter der schwierigen Bedingung der weitgehenden Emotionslosigkeit als Meursault ist beeindruckend, und hier bleibt Ozon der Vorlage treu. Es gibt keinen Versuch, die Figur sympathischer oder verständlicher zu gestalten. Um so dynamischer sind die sinnliche Marie, der schillernde Raymond, der angriffslustige Staatsanwalt (Nicolas Vaude) und Denis Lavant als alter Grantler, der seinen Hund beschimpft und schlägt.
Albert Camus wurde im heutigen Algerien geboren und wuchs überwiegend in prekären Verhältnissen auf, der Vater war bereits 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen. Camus erkrankte früh an Tuberkulose, die ihm immer wieder zu schaffen machte. Später befand er sich in Paris, als die deutsche Armee dorthin vorrückte, und floh rechtzeitig vor deren Einmarsch. Die Weltsicht des Absurden dürfte er mit vielen seiner Zeitgenossen geteilt haben, die nach dem Ersten Weltkrieg und dessen Folgen in einen noch verheerenderen Krieg gelenkt wurden. Der Roman gehört zu den meistgelesenen Werken der französischen Literatur und ist irgendwie immer aktuell, denn auch die nachfolgenden Generationen haben ihre Erfahrung mit dem Absurden gemacht. Die Kompromisslosigkeit, mit der Meursault nach seinen Überzeugungen lebt und künstliche, sinngebende Konstrukte ablehnt, erstaunt heute noch genau so, wie seine kristallklare Beobachtungsgabe, die Ozon und sein Kameramann Manu Dacosse meisterhaft eingefangen haben.
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Meursault (Benjamin Voisin) und Marie (Rebecca Marder) genießen einen Tag am Strand | © Foz, Gaumont, France 2 Cinema, Foto Carole Bethuel
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Helga Fitzner - 2. Januar 2026 ID 15630
Weitere Infos siehe auch: https://weltkino.de/filme/der-fremde
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