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Filmkritik

Was vom Leben

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Das Ehepaar Spencer ist seit Ewigkeiten verheiratet und gemeinsam alt geworden. Eines Tages nehmen John (Donald Sutherland) und seine Frau Ella (Helen Mirren) einfach Reißaus und fahren mit ihrem alten Wohnwagen „The Leisure Seeker“ auf und davon. Ihre erwachsenen Kinder Jane (Janel Moloney) und Will (Christian McKay) sind außer sich, denn ihren Eltern geht es nicht gut. Die Sorge ist berechtigt: der Vater hat „Gedächtnisprobleme“, und Ella ist schwerkrank. Die beiden sind von Massachusetts in Richtung Süden unterwegs und wollen noch mal bekannte Orte aufsuchen, aber auch einen, den sie bislang noch nicht geschafft haben. Jetzt oder nie. Den Kindern haben sie nichts gesagt, weil die versucht hätten, das zu verhindern. Und wenn man bedenkt, was auf der skurrilen Reise mit dem dementen John am Steuer alles schief gehen könnte und teilweise auch schief geht, da haben sie wohl recht.


Das Leuchten der Erinnerung ist der erste Film, den der italienische Regisseur Paolo Virzì (Die Überglücklichen, 2016) in den USA gedreht hat. Die US-amerikanischen Produzenten hatten ihn schon lange gedrängt, doch erst als er eine Erzählung von Michael Zadoorian mit der Grundidee ausgebüxter Senioren in die Hände bekam, schrieb Virzì mit einem Team ein Drehbuch. Sie änderten die Reiseroute und die Profile ihrer Protagonisten und machten eine sehr eigene Geschichte daraus. Virzì hatte vorher wohl versucht, das Projekt scheitern zu lassen, indem er die unmögliche Forderung stellte, auf Helen Mirren und Donald Sutherland als Hauptsteller zu bestehen. Die wiederum ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, mit dem eigenwilligen Ausnahmeregisseur zu arbeiten. Virzì erzählt: „Da war ich in Amerika mit einem Team, das ich zur Hälfte aus Italien mitgebracht hatte, und mit allen meinen italienischen Gewohnheiten. Die bestanden darin, im Guten wie im Schlechten, durchzusetzen, wie ich die Dinge sehe und wie ich Filme machen will. Ich hatte den Ozean nicht überquert, damit aus mir ein amerikanischer Regisseur würde.“


Helen Mirren und Donald Sutherland spielen, als hätten sie tatsächlich ein Leben lang miteinander verbracht. Da stimmt alles, auch wie zwei so gegensätzliche Charaktere im Laufe ihrer langen Ehe zusammengewachsen sind. Der ehemalige, würdevolle Literaturprofessor und seine resolute und lebenstüchtige Frau harmonieren gut miteinander. Auch auf die Demenz hat Ella sich eingestellt und einen Diaprojektor mitgenommen. Auf dem zeigt sie ihm immer wieder Familien- und andere Fotos, um sein Gedächtnis aufzufrischen. Doch die klaren Phasen von John werden immer seltener und die Verwirrtheit immer dramatischer. Natürlich gibt es Zeiten, in denen Ella verzweifelt, sie will den Mann zurück haben, den sie geheiratet hat, den Literaturprofessor, zu dem ständig Studenten ins Haus kamen und die er für James Joyce und Ernest Hemingway begeisterte. Heute entstehen schon Glücksmomente, wenn ihm der Name seiner Tochter wieder einfällt.



Ella (Helen Mirren) frischt das Gedächtnis ihres Mannes John (Donald Sutherland) mit Familiendias auf | (C) Concorde Filmverleih


Die US-amerikanische Presse konnte mit dem Film nicht so viel anfangen. Er sei nicht dramatisch genug, zu vorhersehbar und voller Klischees, beklagen die Kritiker. Aber genau darum ging es dem Regisseur, der gerne universelle Alltagsthemen schildert. In Die süße Gier waren es die Auswirkungen des Neoliberalismus auf ganz normale Menschen, in Die Überglücklichen der Grenzgang zwischen Normalität und Wahnsinn. Virzì überhöht seine Figuren nicht. Den Spencers ergeht wie etlichen Ehepaaren, denen im Alter vieles genommen wird und denen ein Leben im Senioren- oder Pflegeheim bevorsteht. Helen Mirren erklärt dazu: „Die Spencers sind in diesem späten Stadium der Liebe und sind … ein ganz normales Ehepaar... Ich glaube, das ist die große Stärke von Paolo Virzì – er macht Filme über Leute, mit denen wir uns identifizieren können, weil er sie mit größter Menschenliebe ansieht.“ Für ein europäisches Publikum ist es natürlich wunderbar, dass Virzì sich selbst treu geblieben ist. Außerdem wartet er mit viel Humor und einigen Überraschungen auf. Aber wir wollen nicht zu viel vorwegnehmen, denn es ist die tiefe Menschlichkeit, die Virzì als Regisseur so einzigartig macht und die Helen Mirren und Donald Sutherland so unvergleichlich gut umgesetzt haben. (Helen Mirren wurde immerhin für ihre schauspielerische Leistung für den Golden Globe nominiert). Die Spencers finden sich nicht mit ihrem Schicksal ab, ohne vorher noch mal dagegen aufzubegehren, und letztendlich geht es darum, wie wir mit dem Ende unseres Lebens umgehen, wenn die Perspektiven immer weniger werden, und um Selbstbestimmung im Alter.
Helga Fitzner - 3. Januar 2018
ID 10452
Weitere Infos siehe auch: http://www.dasleuchtendererinnerung.de/home/


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