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Filmkritik

Der Zorn

heilt alle

Wunden



Bewertung:    



Nun kann es durchaus sein, dass der beste Film des Jahres wohlmöglich schon im Januar zu sehen ist. Jedenfalls setzen alle Beteiligten dieses Dramas [Three Billboards Outside Ebbing, Missouri], darunter Drehbuchautor und Regisseur Martin McDonagh, Kameramann Ben Davis, Komponist Carter Burwell und nicht zuletzt die Riege grandioser Schauspielerinnen und Schauspieler die Qualitätsmaßstäbe so hoch an, dass es allen Nachzüglern in 2018 schwerfallen wird, sie zu erreichen.

Die Geschichte ist von großer Tragik erfüllt, steckt voller ernster Themen, und in vielen Szenen geht es beinhart zur Sache. Aber es ist ein wahrer Genuss hier zuzuschauen. Denn einen so raffiniert erzählten und psychologisch in jeder Sekunde glaubwürdigen, rundum stimmigen Film mit lebensechten Figuren sieht man aus der Filmnation USA inzwischen leider viel zu selten. Martin McDonagh gelingt, eine ganze Palette an hochaktuellen, gesellschaftlich schwelenden Konflikten durchzudeklinieren, ohne dass es aufdringlich oder anbiederisch wirkt, indem er von seinen Figuren ausgeht und die Story entlang deren Temperamenten und Obsessionen erzählt.

Im Mittelpunkt steht die resolute und patente Mildred Hayes (Frances McDormand in der Rolle ihres Lebens), die ihre pubertierende Tochter durch Vergewaltigung und Mord verloren hat und seither mit sich selbst und ihrer Umwelt keine Gnade walten lässt. Die Geschichte setzt ein, als die polizeilichen Ermittlungen gegen den unbekannten Mörder bereits im Sande verlaufen sind. Hayes will, dass der beliebte, joviale Sherriff ihrer Heimatstadt Ebbing (war selten besser: Woody Harrelson) weiter an dem Fall arbeitet und nutzt deshalb die drei im Titel des Films genannten Plakatwände (Billboards) an einer Ausfallstraße, um diese zu mieten und mit persönlichen Vorwürfen an ihn zu bekleben.

Die für die Provinz knallige Aktion setzt die Medienvertreter und eine Kettenreaktion in Gang, in deren Verlauf alle, auch die Randfiguren, sich bewähren müssen, dabei im Übereifer größtenteils scheitern, aber niemals klein beigeben, sondern um ihr Recht kämpfen. Dies macht auch einen Stinkstiesel wie den rassistischen, zu Wutausbrüchen und tätlicher Gewalt neigenden Polizisten Dixon (Sam Rockwell in der Rolle seines Lebens) gelegentlich sympathisch, der nicht die hellste Laterne der Gesetzeswächter in Ebbing ist, aber sich ebenso wie Mildred nicht seine individuelle Auffassung von Anstand, Würde und Moral zerstören lassen möchte. Nur merkt er nicht, dass er sich als komplex- und vorurteilsbehaftetes Muttersöhnchen und Möchtegernmacho kaum jenen Respekt verschaffen kann wie eine kämpferische Mutter oder sein besonnener Chef.

Andererseits erkennt auch Mildred nicht, wann es besser ist eine Verschnaufpause einzulegen und der Mitwelt eine Chance zu geben, sich an ihre resolute bis Angst einflößende Art zu gewöhnen. Natürlich hat sie als Trauerende das Verständnis zunächst auf ihrer Seite, aber auch sie kennt in ihrem heiligen Zorn keine Grenzen. Ein für sie und Dixon erschwerender Umstand ist die Tatsache, dass der sich um Deeskalation bemühende Sherriff schwer an Krebs erkrankt und dem Tode geweiht ist.

Sehr geschickt lässt das Drehbuch immer wieder offen, ob einer der Schicksalsschläge, die auf die Figuren wie wahre Hiobs-Prüfungen niedergehen, oder aber die zarten Versuche, zu Gunsten des Mordfalles Spurensuche zu betreiben, also Wut und Zorn oder Verstand und Sachlichkeit die Oberhand behalten. Die Dorfgemeinschaft wird bei all den heißlaufenden Konflikten, die auch die Sympathien des Zuschauers strapazieren bzw. hin- und herbewegen, zu einem Mikrokosmus US-amerikanischer Zerrissenheit – zwischen dumpfer, latent gewalttätiger Provinzialität mit Vorurteilen und Abgrenzungswünschen auf der einen und dem Ringen um mitmenschliches, progressives Miteinander auf der anderen Seite.

Mit bitterer Ironie führt das Drehbuch die beiden Hauptkontrahenten Mildred und Dixon gegen Ende zusammen, um sich in ihrer mühsam unterdrückten Wut einander zu öffnen – was zugleich die Lunte für ein weiteres Verbrechen bedeuten könnte (könnte!), denn auch dies deutet Martin McDonagh nur an und belässt es wie seine gesamte, hochkomplexe und doch einfach nachzuerzählende Geschichte im Graubereich des wahren Lebens, anstatt wie so viele seiner Landsleute sich mit Schwarz-Weiß-Einordnungen zu begnügen.

*

Ich bin ja eher knauserig, aber hier sind 5 Sterne voll gerechtfertigt und es dürfte denn auch bei der ‚Oscar‘-Verleihung Erfolge geben. Denn die Amerikaner werden vieles von ihren Ängsten und Hoffnungen in dieser Parabel um eine Mutter, die fanatisch nach Gerechtigkeit sucht und nur weiteres Unrecht findet, wiedererkennen.



Three Billboards Outside Ebbing, Missouri | (C) 20th Century Fox

Max-Peter Heyne - 27. Januar 2018
ID 10495

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