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Neues deutsches Kino

Allein

zu zweit



Bewertung:    



Jule rasselt durch eine wichtige Prüfung, Jan erhält ein erhofftes Stipendium nicht. Die beiden Studenten wollen das miserable Semester und Berlin rasch hinter sich lassen und machen sich aus verschiedenen Gründen auf den Weg Richtung Südeuropa: Jan will seinen leiblichen Vater kennenlernen. Jule ist schwanger und will sich mit ihrem in Portugal lebenden Freund beraten, ob sie eine Abtreibung vornehmen soll. Zufall oder Schicksal: Der trampende Jan trifft Jule an einer Tankstelle, wo sie den Gestrandeten in ihrem voluminösen Oldtimer-Wohnmobil 303 – der dem Film den Titel gibt – mitnimmt. Gleich nach dem ersten Geplauder tritt Jan jedoch voll ins Fettnäpfchen und wird von Jule wieder rausgeschmissen. Wiederum durch Zufall oder Schicksal rettet Jan Jule auf einem anderen Autobahnparkplatz aus einer gefährlichen Situation, und fortan reisen die beiden Studenten den Rest der weiten Strecke zusammen. Dabei diskutieren sie über das, was uns alle immer wieder bewegt: das wahre Naturell der Menschheit (kooperativ oder kompetitiv) und die Folgen für Gesellschaft und Politik, die biologische Grundierung von Sex und Liebe und nicht zuletzt über persönliche Probleme. Die beiden finden sich zunehmend sympathisch und kommen sich näher und näher und näher…

Grob zusammengefasst, klingt der Inhalt des Roadmovies 303 unspektakulär, wenig dramatisch und überraschungsarm. Und ich kann sogar verstehen, dass manche Entscheider bei deutschen Filmförderungsanstalten offensichtlich Bedenken hatten, die Story wäre zu banal und zu dialoglastig und Regisseur Hans Weingartner deswegen beim ersten Anlauf, den Film 2013 zu drehen, eine Abfuhr erteilt hatten. Einfach "nur" ein junges Paar auf eine Reise zu schicken, auf der sie buchstäblich über Gott und die Welt philosophieren, hätte auch als langweiliger Schuss in den Ofen enden können. Stattdessen ist 303 schon zum Kinostart ein Klassiker des neueren deutschen Films, denn erstens hat Weingartner vor 23 Jahren als Assistent bei Kollege Richard Linklater – dem Regisseur der Before Sunrise-Before Sunset-Before Midnight-Trilogie gelernt, wie attraktiv ein Film werden kann, in dem zwei Menschen sich begegnen und austauschen. Und zweitens hat er zwei wunderbare Akteure engagiert, denen man nur zu gerne dabei zuschaut: Mala Emde und Anton Spieker, die im Mai sehr zu Recht den Nachwuchs-Darstellerpreis auf dem Filmkunstfest MV in Schwerin erhalten haben. Ironischerweise müssen die beide die damit verbundene – eine – Statuette quasi wie ein gemeinsames Kind teilen und austauschen.

Emde bringt genau jene Mischung aus „Verletzlichkeit und Stärke“ (Weingartner) in die Rolle ein, die neben der rein äußerlichen Attraktivität sehr anziehend wirkt, und Spieker verkörpert nicht minder kongenial als verständnisvoller Zuhörer und (gelegentlicher) Helfer der Frau den zeitgemäß Empathie-fähigen jungen Mann – der zudem auch noch sportlich ist und gut aussieht. Wie Weingartner bei der Open-Air-Vorpremiere am Potsdamer Platz in Berlin berichtete, hat er nicht nur lange an den Dialogen gefeilt, sondern auch viel Zeit auf die Suche nach der Besetzung verwandt – zu Recht, denn mit den Texten und den beiden Darstellern steht und fällt die besondere, authentische Wirkung des Films. Nachdem Weingartner sich bei Mala Emde sicher war, suchte er längere Zeit nach einem kompatiblen Mann und fand ihn in Spieker, allerdings kurz bevor Emde auf eine Urlaubsreise fuhr. Kurzerhand verfrachtete Weingartner die beiden in ein Taxi, das alle zum Flughafen brachte, um festzustellen, ob die Chemie zwischen den beiden stimmt. Und das tut sie – es ist eine wahre Wonne, mitzuerleben, wie sich Jan und Jule aka Mala und Anton langsam kennen- und lieben lernen und – Zaunpfahl! – auf einer Reise zu sich selber und zueinander finden.

Wie simpel, wie schön: Ein Film, der Lust aufs Reisen, das Reden und die Liebe macht! Alles Dinge, die einem zuweilen auch mächtig auf den Keks gehen können – und auch das spart Weingartner mit Ko-Autorin Silke Eggert nicht aus, sie betonen aber die optimistischen, bejahenden Aspekte. Ein Film, der nicht so sehr von der Originalität, sondern der Kombination seiner stilistisch-dramaturgischen Elemente lebt, was letztlich die schwer fassbare, aber eminent wichtige Kategorie "Atmosphäre" ausmacht. Dazu zählt auch die unterschätzte Kunst, mittels künstlerischem Handwerk wie Kamera (Mario Krause, Sebastian Lempe) und Schnitt (Benjamin Kaubisch, Karen Kramatschek) den Anschein zu erwecken, alle Szenen wären wie aus der Hüfte gedreht und in einem flüssigen Durchgang entstanden – wohingegen für den Film rund 6.000 km, also zweimal von Berlin nach Südportugal und zurück gefahren wurden. Und Weingartners Dialogen wurde durch die grandiosen Schauspieler, die Platz zum Improvisieren hatten, zusätzliche Authentizität verliehen.

Ein luftig-locker, leicht, aber eben nicht dünn anmutendes Gesamtkunstwerk, dass zwar auch an einige Filme Richard Linklaters, vor allem aber diejenigen Claude Lelouchs [s. unsere DVD-Besprechungen] erinnert. Von Weingartner, der in großen Abständen Filme dreht, hatte ich das ehrlich gesagt so nicht erwartet – wobei ich vergaß, dass er Österreicher ist. Die philosophieren viele lieber um des Philosophierens wegen, wie er selbst anmerkt. Das überzeugend in einen Film zu gießen, der mit 145 Minuten keine Minute zu lang ist, ist ihm großartig gelungen.



303 | (C) Alamode Filmverleih

Max-Peter Heyne - 20. Juli 2018
ID 10811
Weitere Infos siehe auch: http://www.303-film.de


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