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Neues deutsches Kino

Den Jugendträumen

auf der Spur



Bewertung:    



Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, der beständige Georg (Bjarne Mädel), der treu im schwäbischen Ländle ausgeharrt und sich um seinen Vater gekümmert hat, und sein jüngerer Bruder Christian (Lars Eidinger), der vor dreißig Jahren einfach abgehauen ist und als vielbeschäftigter Schnösel in Singapur internationalen Geschäften nachgeht. Als Christian zur Beerdigung seines Vater zu spät kommt, unterbricht Georg seine Trauerrede und prügelt sich erst einmal mit dem Abtrünnigen, doch als sie sich abends zu Hause betrinken, fühlt sich ab einem gewissen Promillepegel der jeweilige Bruder schon wieder etwas besser an. Sie schwelgen in Erinnerungen und bedauern, dass sie sich ihren gemeinsamen Jugendtraum nie erfüllt haben: Sie wollten mit ihren Mofas, die gerade mal eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreichen, vom Schwarzwald bis zur Ostsee fahren. Unterwegs wären ein paar Bedingungen zu erfüllen, wie Sex zu haben, beim Griechen die Speisekarte rauf und runter zu essen und in die Ostsee zu strullen. Die Mofas stehen noch in der Garage, und so machen sie sich im Suff spontan auf den Weg in Richtung Traumerfüllung.

*

25 km/h haben der Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg und Regisseur Markus Goller ihr Feel-Good-Road-Movie genannt, für das Ziegenbalg ungewöhnlicherweise ohne Auftrag das Drehbuch geschrieben hatte. Als er im Winter 2016 in Sri Lanka war, hörte er online die schlechten Nachrichten aus der Heimat: „In der Ferne ist mir erst so richtig aufgefallen, wie extrem negativ die Berichterstattung über Deutschland war, die Ausschreitungen an Silvester in Köln, Pegida-Demos… Da dachte ich: Es kann doch nicht sein, dass das unser Land ist! So ist der Wunsch entstanden, Deutschland auf eine andere, vielfältige und dreidimensionale Weise zu zeigen.“ Ziegenbalg und Goller hatten die Produktionsfirma Sunny Side Up neu gegründet, und so konnten sie den Film selbst produzieren und ohne äußere Einflüsse nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten.




Georg (Bjarne Mädel) und Christian (Lars Eidinger) auf großer Fahrt | © Sunny Side Up, Sony Pictures, Gordin Timpen


Die Reise führt die beiden Männer durch fünf Bundesländer, und in Ermangelung von Gepäck tragen sie beide fast die ganze Zeit die schwarzen Anzüge, die sie zur Beerdigung des Vaters angezogen hatten. Diese zerknittern im Laufe der Geschichte zusehends, wie auch die spießbürgerlichen Konventionen immer mehr bröckeln. Auf einem Weinfest im Badischen reißen sie zwei Dorfschönheiten auf (Franka Potente und Alexandra Maria Lara), die sie mit einer Stepptanz-Einlage beeindrucken und mit denen sie ein Techtelmechtel beginnen; die Sexszenen sind derart unerotisch, dass die Fahrt getrost weiter gehen kann. Ein Mädchen (Jella Haase) nimmt sie mit auf ein Hippie-Festival, auf dem sich die Brüder noch näher kommen. Georg gibt zu, dass er seine Jugendfreundin (Sandra Hüller) heimlich liebt, und Christian gesteht, dass er einen fast erwachsenen Sohn hat, den er gar nicht kennt.

Auf urkomische und unterhaltsame Art lässt Goller seine Protagonisten ihren verpassten Lebenschancen hinterher rollen. Dabei lernen sie viel über den anderen, aber auch über sich selbst. Sie waren beide von sich selbst entfremdet, Georg, indem er den familiären und Christian, indem er den beruflichen Erwartungen anderer entsprach. Dabei ist ihr eigenes Leben auf der Strecke geblieben, und nun sind sie dabei sich dem Vergangenen zu stellen und vielleicht einen Neuanfang zu wagen.




Es fällt auf, dass die deutschen Filme, die ausländisches Kino nachahmen, namentlich Hollywood, immer seltener werden und man sich auf ursprünglich deutsche Themen konzentriert. Das geht mitunter zwar heimatlich zu, aber ohne Heimattümelei, was sehr wichtig ist. In einer Zeit, in der die Angst vor Überfremdung hohe Wellen schlägt, zeigen uns gleich mehrere Filmschaffende, wer wir „Deutschen“ selbst sind, mit unseren Stärken und Schwächen, mit unseren Erfolgen und unserem Scheitern. Die meisten haben dabei einen wohlwollenden und humoristischen Blick auf uns und beweisen, dass es in Deutschland viele eigene Talente und Geschichte(n) gibt; s. unsere Rubrik Neues deutsches Kino.

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen, die wissen, wer sie sind und wohin sie gehören, toleranter sind. Dazu muss man sich ein ideologiefreies Deutschsein erlauben dürfen, ohne gleich in die rechte Ecke geschoben zu werden. Einige FilmemacherInnen der letzten Jahre leisten dafür bewusst oder zufällig einen wichtigen Beitrag, indem sie ihren Landsleuten den Spiegel vor die Nase halten und letztendlich das tun, was KünstlerInnen in anderen Ländern, namentlich Frankreich, Großbritannien und Italien, schon immer mit großer Selbstverständlichkeit praktizieren. Das bedeutet nicht, dass man Fremde(s) ausschließt, sondern dass man sich vertrauter mit sich selbst macht.
Helga Fitzner - 30. Oktober 2018
ID 11002
Weitere Infos siehe auch: https://www.facebook.com/25kmhfilm/


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